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Draußen brodelt und kocht es wie eh und je
Schon der Hüttenanstieg bringt die Ernüchterung: Von Kaiserwetter weit und breit keine Spur, dicker Nebel hüllt uns ein, die Sicht reicht keine 50 Meter weit. Und das bei Temperaturen wenige Grade über dem Gefrierpunkt - Mitte August. Wer nun glaubt, unter solchen Vorzeichen die Hütte für sich allein zu haben, täuscht sich ordentlich. Als wir den Gastraum betreten, ist gerade noch ein kleiner Tisch frei. Rundum wird geplaudert, angegeben und gelauscht, gelacht, gesungen oder einfach nur die Planung für den nächsten Tag gemacht.
Ein Blick vor die Hüttentür enthebt uns diesbezüglich jeglichen Zweifels: Draußen brodelt und kocht es wie eh und je. Frustriert schleichen wir ins Lager.
Wir sind mittendrin, nicht nur dabei
Vier Uhr morgens - Tagwache. Noch rührt sich niemand. Wir schleichen mit Sack und Pack aus dem Lager, haben ein kleines Thermos-Frühstück bestellt, um die Hütte schon lange vor dem üblichen Aufbruchschaos in aller Stille verlassen zu können. Eine Tasse Tee, Schweigen.
Das Spektakulum hat seinen Höhepunkt erreicht
Irgendwie finden dann auch die Steigeisen an die Schuhsohlen, auf das Seil verzichten wir vorerst noch. Eine einzelne Abstiegsspur verrät die Richtung. Der Gletscher ist hier unten nahezu spaltenfrei, der Neuschnee hat sich bestens verfestigt. Wir kommen zügig voran.Oben am Gipfelaufbau lodern die Felsen im ersten Sonnenglanz. Die Gipfel des Hauptkamms jenseits des Venter Tals ziehen gleich nach. Das Spektakulum hat seinen Höhepunkt erreicht. Weit und breit ist niemand zu sehen. Erst als wir einige Zeit später über den Jubiläumsgrat stapfen, krabbelt tief unten die erste Seilschaft über den Gletscher herauf.
Die Verhältnisse am Grat sind perfekt, keine Spuren, kein Blankeis, fester Firn, keine Wolke und nahezu Windstille. Wir halten inne, solche Augenblicke erlebt man nicht oft in einem Bergsteigerleben. Schauen, staunen, Brotzeit. Wo im Winter am Mittelbergferner der Pistenbär tobt, stehen die Anlagen still. Tief drunten am Taschachferner reihen sich die Seilschaften aus dem Pitztal aneinander. Sie werden den Gipfel frühestens in drei Stunden erreichen. Dann sind wir längst über alle Berge.
Ein letzter steiler Aufschwung und wir stehen auf der Kuppe des Nordgipfels, der vor der großen Schmelze sogar zwei Meter über den kreuzgeschmückten Südgipfel hinausragte. Heute hat er höhentechnisch eindeutig das Nachsehen. Als Bergsteiger kann man also gar nicht anders, man muss hinüber.
Selbst wenn man mit den Jahren erkannt hat, dass die Sache mit dem Gipfel einer Tour immer eine Frage der Definition ist. Für uns liegen sie heute eindeutig beisammen: der höchste Punkt und der schönste Augenblick, in dem der Rest dieses katastrophalen Bergsommers zur Nebensachen wird.
Aus ALPIN 11/2005
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