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Bergtour: Birkkarspitze - bei Vollmond

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Eine Vollmondnacht zählt zum Eindrücklichsten und Zauberhaftesten, was man draußen erleben kann. Heinz Zak zieht es dann regelmäßig ins Karwendel, im Dezember 2011 biwakierte er auf der Birkkarspitze.
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München leuchtet! Während der Vollmond die Nördliche Karwendelkette (im Vordergrund) und die Benediktenwandgruppe illuminiert, glitzert in der Ferne Bayerns Bergsteigerstadt.
Vollmondnächte sind für mich immer etwas Besonderes. Früh genug machte ich mich im vergangenen Dezember auf den langen Weg ins Hinterautal zur Kastenalm, etwa 15 Kilometer von Scharnitz.

Zunächst führte noch eine Jägerspur aus dem flachen Talboden Richtung Birkkar. Ich hoffte auf angenehme Steigspuren durch die Latschen hinein ins Birkkar, musste dann aber sehen, dass die Jäger nur etwa 70 Höhenmeter über die erste Steilstufe gespurt hatten, um von dort auf die Gämsen in den Flanken schauen zu können.

Die Spurarbeit hinein in das lange Tal wurde anstrengend und mühsam – 20-Kilo-Rucksack und tiefer, klebriger Schnee, der an den Aluminium-Schneereifen stollte. Na Mahlzeit, dachte ich nach 2 ½ Stunden Spurarbeit – in der gleichen Zeit, die ich normal bis zum Gipfel brauche, hatte ich gerade einmal 200 Höhenmeter zurückgelegt.

Die Zeit rann förmlich dahin. Viel zu früh wurde ich durstig und kletterte deshalb noch einmal extra in die Schlucht hinunter, um aus einer Gumpe Wasser zu tanken. Mühsam stapfte ich durch den tiefen Schnee hinauf in die verblasenen Flanken. Die Gämsen aus nächster Nähe brachten einen willkommenen Fotostopp.

Die Sonne war gerade am Untergehen und tauchte die Westflanke der Kaltwasserkarspitze in ein beinahe rosafarbenes Licht. Wenigstens wurde es jetzt kälter. Aber wo war ich denn erst?


Eindrücke von der Tour - klicken Sie sich durch unsere Slideshow!
Je näher man der Hütte kommt, desto weiter muss man den Kopf in den Nacken legen. Auf jeden Fall noch Stunden entfernt vom Gipfel. Bei Sonnenuntergang wollte ich dort oben eigentlich schon den aufgehenden Vollmond fotografieren. Und jetzt war ich noch nicht einmal im letzten Steilhang!

Endlich in der letzten Flanke aufsteigend, war die Spurarbeit ungewöhnlich anstrengend: Wenn ich nicht mit Krafteinsatz gezielt einen großen Schritt machte, rutschte ich im grießartigen Schnee sofort wieder zurück. Es geschieht sehr selten, dass ich anfange, jeden einzelnen Schritt zu zählen. Aber hier war es wieder einmal so weit: 20 Schritte, später nur noch maximal zehn – und aus!

Ich starrte auf den endlos scheinenden Hang und spielte mit dem Gedanken, mir eine wohlige Mulde zu graben und mich einfach reinzulegen und hier zu biwakieren – es wäre auf jeden Fall das Einfachste gewesen. Aber ich hatte meine Entscheidung schon getroffen: Egal wann, ich wollte irgendwann in dieser Nacht am Gipfel stehen. Die Stimmung war gespenstisch: Pechschwarze Wolken schwappten im Föhnsturm immer wieder über die Gipfel der Gleierschkette, die wilden Nordwände leuchteten im gelbfahlen Licht des Vollmondes, der bereits aufgegangen sein musste.

Im Lauf der Nacht ändern sich die Farben der Ödkarspitzen.
Nach sieben Stunden Aufstieg ab der Kastenalm erreichte ich das kleine Birkkarhüttl in der Gratscharte vor dem Gipfelaufbau. Die Notunterkunft war mit Schnee eingeblasen, bot aber eine Sitzgelegenheit und vor allem ein windgeschütztes Plätzchen zum Teekochen. Draußen heulte der Föhnsturm und machte mir hier schon klar, dass eine Nacht am Gipfel unangenehm werden würde. Der teilweise mit Drahtseilen versicherte Gipfelaufbau wurde anspruchsvoll.

Zwischen den seilgesicherten Passagen galt es, im steilen, schneebedeckten Schrofengelände vorsichtig höher zu klettern. Der Dezemberschnee hatte keine Festigkeit und bot den Schuhen keinen Halt – ein Tanz auf rohen Eiern, der gefährlicher war, als man denken würde.

Die Ankunft am Gipfel war bizarr und beinahe „außerirdisch“: Die Kugel des vollen Mondes strahlte magisch hell über den Bergketten im Osten. Im Norden funkelten die Lichter von München unter einem zarten Nebelschleier. Die Bergketten rund herum leuchteten in bleiernem, zeitlosem Licht.

Eine Stimmung, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen wird und auf die ich mich schon die ganze Zeit gefreut hatte. Zunächst fotografierte ich über eine Stunde. Während der langen Belichtungszeiten der Kamera vertrat ich mir die Füße, um mirdirekt neben dem Gipfelkreuz eine ebene Liegefläche in den Schnee zu stampfen.

Schlauerweise hatte ich ausgerechnet heute keinen Mumien- Biwaksack dabei, normalerweise ist der für mich ein unverzichtbarer Begleiter. Ich hatte ihn am Morgen kurz in der Hand gehabt, erwartete aber eine trockene und windstille Nacht und ließ ihn dann lieber zu Hause.

Heinz Zak der Biwakkönig.
Nach wenigen Minuten im Schlafsack bereute ich den Verzicht: Egal wie klein ich meine Öffnung zum Schnaufen hielt, immer kam Schnee herein. Schnell vertrieb mich der Sturm in eine etwas weniger windige Einschartung zehn Meter unterhalb des Gipfels. Die Nacht wurde wild: Wolkenfetzen rissen sich von der Föhnmauer im Süden los und segelten in unwirklicher Geschwindigkeit über den Nachthimmel.

An Schlaf war nicht zu denken. Mir wurde trotz des guten Schlafsacks nicht mehr warm an den Füßen, die ich ohnehin schon in den halb geöffneten Schuhen stecken gelassen hatte. Zehen kurz raus aus den Schuhen und fest aneinander reiben – nichts wollte in dieser Nacht die beißende Kälte des Windes lindern.

Ausnahmsweise hatte ich einen Kocher dabei. Also Schnee schmelzen und die Trinkflasche in eine Wärmflasche umfunktionieren. Trotzdem zu kalt, um ans Einschlafen zu denken! War mir auch egal – zum Schlafen war ich nicht hier heraufgekommen. Dann wurde es plötzlich richtig bedrohlich! Schon länger war ich eingeringelt im Schlafsack gelegen. Ich hörte das ständige Rieseln des verfrachteten Schnees, der auf den Schlafsack fiel.

Lange Belichtungszeiten garantieren schöne Aufnahmen bei Vollmond.
Hin und wieder schaute ich hinaus, um zu sehen, was der Mond und die Berge so machten. Plötzlich steckte der Gipfel in einer dichten Wolkenhaube. Die feuchte Kälte hatte nicht nur den Schlafsack, sondern auch das Gipfelkreuz und die Felsen mit einer glasigen Eisschicht überzogen. Bis zum Morgen würden die Felsen mit einer gefährlichen Glasur überzogen sein! Ich hatte keine Steigeisen dabei – wofür auch, im Frühwinter im Karwendel vollkommen sinnlos … meistens zumindest! Die Wolken, der Föhnsturm, die Eisschicht … würde ich am nächs-ten Tag überhaupt hinunterklettern können?

Vor Tagesanbruch verlegte ich meinen Schlafplatz wieder zum Gipfelkreuz, um besser fotografieren zu können. Mit dramatischen Wolkenspielen um die aufsteigende Sonne und den untergehenden Mond ging eine Nacht zu Ende, die ich nie missen möchte.

Wolken schossen nun wie pechschwarze Ufos über den Himmel. Einige streiften wiederum den Gipfel und erzeugten einen runden Regenbogen, in dessen Spektralfarben die stiebenden Eiskristalle funkelten.

Irgendwann kam mir der Abstieg in den Sinn. Ich wusste, dass ich mir für jede Kletterbewegung extrem viel Zeit lassen musste. Ganz genau probieren, ob der Schuh auf dem eisigen Fels wirklich Haftung bekommt. Eine unglaublich langwierige und zeitaufwendige Aktion, aber irgendwann war ich zurück in der Scharte und wühlte dann durch den tiefen Schnee der Südflanke ins Tal hinunter.

Stunden später war ich daheim in Scharnitz, wieder einmal zurück von einem Abenteuer vor der Haustür.

Text und Fotos: Heinz Zak
Fortsetzung (1 / 2)
Seite 2: Info: Birkkarspitze


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29.07.2014 16:46:33