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Tourenbuch

Klettertour: Kopftörlgrat

27.10.2009 10:42:00
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Die Ellmauer Halt ist des Kaisers höchster Kletterzapfen – und ihr Kopftörlgrat hat unter Genusskletterern längst Kultstatus erlangt. Das hat seinen Grund, denn der lange Weg über sieben Türme ist in der Tat eine der schönsten leichten Touren weit und breit.
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Sonne am Anstieg: Aufwärmphase am Weg zur Gruttenhütte.
Durch feuchte Wiesen steigen wir zur Gruttenhütte auf. Das erste Sonnenlicht funkelt in vielen kleinen Tautropfen. Wir sind lange nicht mehr am Berg gewesen, zäh schiebt sich ein Fuß vor den anderen, als das Gelände oberhalb der Gruttenhütte steiler und steiniger wird.

Die Wetterprognose ist hervorragend, doch als wir uns am Kopftörl umdrehen, schwappt plötzlich dichter Nebel unten um die zerklüfteten Kalkfelsen des Friedrichsturms. Wir legen die Gurte an und steigen auf die Südseite des Kopftörlgrates, wo wir den ersten Gratturm ohne Schwierigkeiten umgehen.

Unter uns das Nichts, kein Grund, der Blick fällt ins Leere, ins trügerische Weiß des Nebels. Als wir auf den zweiten Gratturm klettern, ein kurzer Blick zurück: Dort taucht abgerissen und zerklüftet die Vordere Karlspitze auf, ihre zerschrundeten Wände fallen haltlos in den Abgrund des immer höher wabernden Nebels.

Kurz scheint noch einmal die Sonne in einer letzten Anstrengung, dann verschluckt uns der Nebel vollends, wird immer dichter und lullt uns langsam völlig ein.

Mystische, mächtige Stille. Ich höre meinen eigenen Atem, so still ist es. Um uns herum nur Schemen. Ein magischer Moment, die Nerven sind hellwach und doch versagen die Sinne. Lediglich der schmale Grat vermittelt Bodenhaftung.

Plötzlich taucht einer wie aus dem Nichts hinter uns auf, lautlos kommt er näher. Turnschuhe, kurze Hose, Wanderstöcke am sehr, sehr kleinen Rucksack. Er grüßt kaum und geht weiter, bedächtig und sicher, in den Nebel hinein, bis dieser ihn sanft aufgesaugt hat. Felsgestalten tauchen vor uns aus der weißen Wand und verschwinden hinter uns wieder darin.

Als Protagonisten in einem Stummfilm schieben wir uns durch das graue Einerlei. Nur das gelegentliche Klicken eines Karabiners erinnert an die Welt da draußen. Losgelöst vom Erdboden schwebt der Grat im Nebelmeer. Wir sehen nichts, wir hören nichts, nur der Fels riecht, wie so oft im Kalk, ganz intensiv.

Als wir durch den engen Felsspalt auf den Abgrund vor dem Kapuzenturm zukriechen, erhellt plötzlich die Sonne wie ein starker Filmscheinwerfer die Szene, als ob sie beleuchten müsste, wie wir die folgende griffarme und ausgesetzte IIIer-Stelle vorsichtig abklettern.

Dem Gipfel entgegen: am sechsten Turm naht der Ausstieg.
Wir ziehen uns den kurzen Kamin hoch und umgehen den Kapuzenturm auf der Nordseite, als uns der Nebel wieder sanft aufnimmt. Klettern wie in einem Riesendiffusor, das Licht umspült weich die Felsen und die Körper, zeichnet faszinierend filigrane Schattengradierungen auf Arme und Gesicht.

Die folgende Platte soll laut Führer die Schlüsselstelle sein, zwei Bohrhaken stecken. Als ich danach wieder oben auf den Grat komme, befinde ich mich auf einem schmalen Köpferl. Auf der anderen Seite saugt einen der Nebel scheinbar in die Tiefe, eine überhängende, gähnende Leere, die sich im Grau verliert und keinen Boden hat.

Als ich mich umdrehe, kommt mit einem Mal der Kapuzenturm wie ein Riesenphallus aus dem Nebel, er scheint nach oben zu schweben, ist nicht mehr mit dem Grat verwachsen, kommt auf mich zu. Auf seiner Spitze ist eine metallene Gams verankert.

Der Nebel wird noch einmal dichter und lautlos verschwindet der stolze Turm wieder, scheinbar nach unten, das Weiß nimmt ihn zurück, fängt ihn wieder ein. Magisches Nichts um mich herum. Feengleich taucht meine Nachsteigerin aus dem Endlosen auf. Ich muss weiter.

Die nasse, kaminartige Stelle, Knack- und Staupunkt für viele Seilschaften, ist menschenleer, wie der gesamte Grat heute keinen Menschen außer uns und den Alleingänger gesehen hat.
Zur Bildergalerie Tourenbuch Kopftörlgrat klicken Sie auf das Bild.
Vorsichtig schiebe ich mich durch den dunklen und glitschigen Kanal, greife möglichst weit nach außen, denn im Grund der Rinne ist weit und breit kein zuverlässiger Halt, krieche oben über die Kante. Und bin auf einmal über den Wolken, nur wenige Meter noch vom Gipfel der Ellmauer Halt entfernt.

Plötzlich sind Flammen am Himmel, sie werfen goldenes Licht an den Kaiserkopf. Wir binden uns völlig sprachlos aus, es ist, als wäre das gelbe Licht laut, als rausche es flach über den Gipfel hinweg. Nach Stunden im diffusen Schummerlicht scheint die Sonne wie ein Windstoß auf uns zu treffen.

Wie um mich zu vergewissern, dass wir nicht doch aus dem Nichts gekommen sind, schnüffle ich an meinen Händen. Sie riechen beruhigend nach Fels. Wieder tauchen wir ein in den Nebel, als wir auf der anderen Seite den versicherten Normalweg absteigen.

Auf der Ellmauer Halt kommt Licht ins Schattenspiel.
Diesmal ist der Nebel warm, hell, gelb, und als wir unterhalb der Rote-Rinn-Scharte auf dem Gamsängersteig unter dem Leuchsturm queren, hat uns die inzwischen grau gewordene Wolke nach unten freigegeben und wir stehen bald auf den grünen Wiesen oberhalb der Gruttenhütte.

Als wir an der Hütte vorbeigehen, sind wir mitten in einem lauen Sommerabend, keine Wolke trübt den Himmel. Nur hinter uns, dort, wo vielleicht die Ellmauer Halt ist, schwebt eine große weiße Masse wie ein Schiff am Himmel. Bei dämmerndem Licht tauchen wir in den Laubwald ein und alles verschwimmt.

Text und Fotos: Moritz Attenberger

Aus ALPIN 10/09
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Seite 2: Info: Kopftörlgrat


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