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Voilà - der Berg in seiner ganzen Pracht.
Ein Plattenweg aus flachen Steinen führt uns hinauf auf die Almen. Das saftige Grün um uns herum wirkt fast psychedelisch. Die Bergwiesen sind blumenbedeckt, mal in großen farbigen Flecken, mal ganz solitär. Sissi schaut sich fast ein jedes Blümlein ganz genau an und kommentiert dessen jeweilige Besonderheiten. Lorenz lässt derweil nochmal seine letzte Beziehung wort- und bildreich Revue passieren. Auf halbem Weg beginnt es leicht zu regnen. Wir erreichen gerade noch trocken eine kleine, aus Stein gebaute Alm mit einem großen Vordach. Brotzeit ist die schönste Zeit, wenn man sie im Trockenen einnehmen kann.
Weiter. Nach einer kurzen, mit einer Kette versicherten Stelle, kommen wir auf eine fast schwarze Hochebene. Verschwunden ist die Pracht der Wiesen, die mit roten Männertreu und duftenden Ranunkeln übersät waren. Erstaunt wie Reisende, die plötzlich aus dem Tunnel kommen und die Landschaft nicht mehr wiedererkennen, betreten wir die Welt der Felsen. Die Hochebene ist mit flachen Steinen bedeckt, die, vom Regen nass, noch dunkler erscheinen - eine Mondlandschaft. Ein Stückchen weiter kuschelt sich das Rifugio Chiarella all’ Amiante in die allerletzten verlassenen Weiden.
Ideale Bedingungen für den Aufstieg.
Minenarbeiter auf der Suche nach Diamanten
Die Hüttenwirte stehen bereits vor der Tür und heißen uns willkommen. Schon bei unserer Reservierung hatten wir angekündigt, dass wir den so selten bestiegenen Grat erobern wollen. Man kann sich auch fragen, ob dem Wirtspaar die Existenz des Südostgrats überhaupt bekannt war. Mit dem Eintrag unserer Namen ins Hüttenbuch überschritten wir jedenfalls die jährliche Statistik für diesen Aufstieg. Die junge Wirtin serviert uns eine köstliche Minestrone und dann ein Nudelgericht.Eine marmorartige Nacht hängt noch über der Landschaft, als wir die Hütte verlassen und unseren Anstieg in Richtung Amiante-Pass beginnen. Die Abstände der Seilschaften ergeben sich von ganz allein, jeder findet seinen Trott. Auf dem vom Sternenhimmel silbern beleuchteten Aufschwung suchen wir mit unseren Stirnlampen den Weg nach oben. Minenarbeiter auf der Suche nach Diamanten.
Marc und ich beobachten zwei Stirnlampen-Lichter, die sich geschwind zu unserer Linken entfernen. Sie bewegen sich in Richtung eines helleren Ausschnitts im dunklen Schatten, der ein Pass zu sein scheint. Es sind Lorenz und Matthias, die ihr Tempo deutlich verschärft haben und nach oben preschen. Wir verifizieren die Richtung mit dem Kompass, bevor wir nach rechts weitergehen. Die beiden Irrläufer stoßen etwas höher wieder zu uns - gerade in dem Moment, als Sissis Stirnlampe wie ein Irrlicht den Gletscher hinunterpurzelt und sich in der Dunkelheit verliert. Nun muss sie sich ganz auf das Licht aus unseren Lampen verlassen.
Am Grat erfasst uns eine goldene Sonne
Wir steigen auf dem Gletscher weiter in östliche Richtung bis zum Bergschrund. Lorenz und Matthias können es nicht lassen und gehen noch einmal eigener Wege. Sie glauben den Schrund weiter links leichter überwinden zu können, kehren aber nach einer genaueren Untersuchung des Eisschilds zu uns zurück. Nun stehen wir alle vor einem steilen Aufschwung aus Schieferplatten, die glücklicherweise durch den hart gefrorenen Firn stabil zusammengehalten werden. So hemmt nichts mehr unseren Aufstieg über den Fels.
Der Grat ist meist gut zu begehen.
Der bisherige Charakter einer firn-dominierten Hochtour hatte sich nun ganz schnell in den einer alpinen Klettertour verwandelt. Ich bin froh, mein Material nicht im Auto gelassen zu haben. Marc verstärkt den Stand mit einer Schlinge. Ich folge Sissi und Stefan und bete, mich nicht plötzlich kopfunter am Seilende baumelnd wiederzufinden. Hätte ich eine solche Tour ohne Vorsteiger überhaupt gewagt?
Der teilweise mit Schnee und Eis verkleisterte Fels fühlt sich trügerisch und glatt an. Ich kralle mich mit den Steigeisen weiter nach oben. Nur nicht nach unten blicken, in diese schwindelerregende Südseite des Berges. Ich denke an meine Frau Christine, ihre besorgten Umarmungen vor jeder meiner Bergtouren und meine schnodderigen Antworten auf ihre Ängste. Ich möchte natürlich, dass nichts passiert, was ihre Sorgen bestätigen könnte. Nach drei oder vier Seillängen wird der Kamin immer noch steiler. Wer spricht hier von "wenig schwierig"? Eine dünne Eisschicht überzieht die Felsen jetzt ganz und gar. Kaum mehr etwas zu greifen. Ich kämpfe mich mühevoll nach oben.
Weit entfernt von der Welt unten
Gott sei Dank endet auch dieser schattige Kamin irgendwann und wir tauchen auf dem sonnenüberfluteten Grat wieder auf. Schnell bauen wir einen Stand, um den anderen das Nachkommen zu erleichtern. Wir fühlen uns ganz klein in der Weite dieser Bergwelt. Wie Vögel, die auf ihrem Weg nach Süden kurz Rast machen. Endlich stößt der Grat an die Gipelwechte, die wir noch mehr oder weniger elegant überwinden müssen, um auf dem höchsten Punkt des Combin de Grafenaire zu stehen.
Am Gipfel des Combin du Valsorey
Es ist schon gleich Mittag. Höchste Zeit, wieder ins Tal abzusteigen. Wir rutschen auf dem Schneefeld wie auf einem windgeblähten Segel hinab bis zum Combin de Valsorey. Dann kraxeln wir noch ein kurzes Stück den Meitin-Grat hinab, um anschließend durch die schrofige Südflanke abzusteigen. Vorsichtig steigen wir über ganze Tellerstapel aus Stein, stets bedacht nicht auszurutschen und möglichst keinen Steinschlag zu verursachen. Marc geht voraus und legt ab und zu einen Keil, um den Abstieg zu versichern. Wir lauschen beständig auf die von oben kommenden Steinschlaggeräusche. Die Sonne erwärmt den Boden und taut den Schnee. Der Abstieg wird allmählich rutschig. Ab und zu rollt ein Stein den Abhang hinunter, was uns unbewusst schneller werden lässt. Glücklich erreichen wir das Hochplateau.
Auf großen flachen Steinen liegend, glücklich über unsere gelungene Tour, sprechen wir über die Harmonie und die perfekte Ergänzung innerhalb der Seilschaften. Nach und nach kommen auch die anderen auf den angewärmten Felsplatten zum Liegen. Nur Matthias und Lorenz waren etwas länger mit dem heiklen Abstieg beschäftigt. Ich konnte sie immer wieder noch weiter oben auf dem Hang erkennen. Schließlich kamen sie zwei Stunden später an. Ein grauer Nebel hüllt uns ein. Der Combin de Grafenaire nutzt diese Gelegenheit, um sich darin zu verstecken.
Text: Herbert Binggeli, Fotos: Marc Schaerrer
Aus ALPIN 6/2005
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