Kamm-Passagen, Klettereinlagen und überwältigende Ausblicke - der Anstieg zum Hohen Tenn bietet alles, was man sich bei einem Höhenweg wünscht. Mit 2600 Höhenmetern will das Bergerlebnis allerdings verdient sein. Aber: Die Strecke wird mit der Übernachtung auf der Gleiwitzer Hütte in zwei bequeme Etappen zweigeteilt.

"Der schönste Höhenweg der Alpen" sagt zumindest Reinhold Messner.
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Bei aperen Verhältnissen verspricht der Gleiwitzer Höhenweg eine genussreiche Bergtour mit Ferrata-Freuden, bei Neuschnee ein spannendes Abenteuer auf Messers Schneide.

Seit dem "Urteil des Paris" ist klar: Mit Superlativen sollte man sich zurückhalten. Erfahrene Alpinisten sind vorsichtig, wenn es darum geht, ihre Lieblingstour anzupreisen.

Außer man heißt Reinhold Messner: Nachdem er den Gleiwitzer Höhenweg bei einer Überschreitung des Kleinen und Großen Wiesbachhorns als Zustieg benutzt hatte, bezeichnete er die Kammtour als "den schönsten Höhenweg der Alpen".

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Gnadenlos knallt die Juli-Sonne ins Tal der Fuscher Ache herab. Den wärmsten Tag des Jahres hatte der Wetterbericht zwar schon am Vorabend prognostiziert.

Dass ich mit meinen Bergschuhen am Asphalt des Hüttenparkplatzes kleben bleibe, beunruhigt mich dann aber doch. Schließlich werden mir allein die zweieinhalb Kilometer Vertikaldistanz die Schweißtropfen auf die Stirn treiben.

Ich spiele daher nicht den Tagestouren-Konditionshelden, sondern teile den gewaltigen Höhenunterschied mit einer Übernachtung auf der Gleiwitzer Hütte in zwei Etappen auf.

Wie weise diese Entscheidung ist, wird mir eine leere Trinkflasche später bei der urigen Hirzbachalm klar.

Eindrücke von der Tour - klicken Sie sich durch unsere Slideshow!

Hoch über dem von unendlich grünen Steilwiesenhängen eingerahmten Talkessel entdecke ich zum ersten Mal die Gleiwitzer Hütte. Schon von hier unten wird mir klar: Dort oben muss ich übernachten. Was sich oberhalb der Hütte zusammenbraut, entpuppt sich bald als heftiges Sommergewitter. Entferntes Donnergrollen, einzelne Regentropfen und dann der erste Blitz. So schnell es geht, eile ich die ungeschützte Bergflanke hinauf und erreiche triefend die Hütte. Gerade noch rechtzeitig, bevor mir der Himmel auf den Kopf fällt.

Vor dem Windfang begrüßt mich grinsend Erich Brugger. In der Hand eine wohlverdiente Pausenzigarette. Bis Herbst 2011 war er der Wirt auf der Gleiwitzer Hütte. Blitz und Donner können ihn nicht sonderlich beeindrucken: UN-Einsätze, bei denen er für die Feldküche und den Aufbau der Unterkünfte verantwortlich war, führten ihn in den 90er-Jahren nach Albanien, in den Kosovo und auf die Golan-Höhen.

Gleich bei meiner Ankunft falle ich mit der Tür ins Haus und will von Erich wissen, ob Messners Zitat genauso wasserdicht sei wie das Hüttendach. "Ist es", versichert mir der Mittdreißiger und warnt mich davor, Reinholds Spuren zu weit zu folgen.

Aufgrund der Steinschlaggefahr sei von der weiteren Überschreitung vom Hohen Tenn zum Großen Wiesbachhorn dringend abzuraten. Empfehlenswert seien hingegen die Pinzgauer Kasnocken, die drinnen schon in der Küche brutzeln. Schnell das Lager bezogen, schon sitze ich im Gastraum vor den Nocken. Ein Biss genügt, um zu wissen: Im Vergleich zu dieser Pinzgauer Delikatesse schmecken manche Allgäuer Kässpatzen wie alter Käse.

Mal Aper, mal verschneit: Im Anstieg zum Hohen Tenn.

Der zweite Tag beginnt mit dem worst case. Der Handy-Wecker hat mich im Stich gelassen, ich habe den Sonnenaufgang verpasst.

Mit wehenden Haaren und ohne Kaffee eile ich aus der Hütte und einer weiteren Besonderheit entgegen. Im Internet hatte ich gelesen: "Nimmt man eine Landkarte der Alpen zur Hand und sucht man den geografisch nördlichsten Dreitausender, so wird man in der Nähe von Zell am See fündig. Auf einer geografischen Breite von 47° 11' 33'' befindet sich der Bauernbrachkopf mit 3125 Meter und ein klein wenig nördlich davon sein Vorgipfel der Kempsenkopf.

Diese zwei Gipfel sind die nördlichsten Dreitausender der Alpen." Wie praktisch, dass beide auf dem Weg zum Hohen Tenn liegen.

Je näher ich ihnen komme, desto weniger interessiert mich ihre geografische Sonderrolle. Zu großartig ist die Bergtour selbst. War der Weg zur Oberen Jägerscharte mit beeindruckenden Steilhangquerungen und Klettersteigeinlagen gespickt, tritt ab dem 2750 Meter hohen Wegpunkt optische Reizüberflutung ein. Und das im besten Sinne.

Entlang des Kammes wandern Füße und Augen weiter nach Süden. Rechts unten liegt das Kapruner Tal mit seinen türkisfarbenen Stauseen und dem markanten Kitzsteinhorn darüber. Links das einsame, tief eingeschnittene Hirzbachtal. Direkt vor mir die gleißende Gletscherwelt der Glocknergruppe. Der schwarze Tenn und das Große Wiesbachhorn mit seinem Kaindlgrat buhlen um die Gunst der Blicke.

Bei dermaßen viel Bergwelt fällt es nicht leicht, sich auf den Weg zu konzentrieren. Immer dem Panoramagrat folgend, komme ich aus dem Staunen nicht heraus, bis ich an einem senkrechten Schiffsbug aus Stein stehe. Na, der Steig wird dieses Hindernis links oder rechts umgehen. Nennt sich ja schließlich "Höhenweg". Doch weit gefehlt. Steinmänner leiten direkt auf die Felsstufe zu. 50 Meter später befinde ich mich in einem kurzen, aber knackigen Klettersteig. Sein Ende ist richtig sportlich.

Lauftseg: Stellenweise muss am Gleiwitzer Höhenweg jeder Schritt sitzen.

Der Schlussüberhang wäre ohne Drahtseile und Eisentritte ausschließlich Kletterern vorbehalten. Dass es auch ohne Gurt und Seil geht, ist Alfred Haringer von der DAV-Sektion Tittmoning zu verdanken. Bis zu 15 Mal im Jahr fährt der Hütten- und Wegereferent in die Hohen Tauern, um auf dem Gleiwitzer Höhenweg nach dem Rechten zu sehen. Bisweilen blickt er dabei auch in die Abgründe des Bergtourismus. Schon mehrmals hatte Haringer erlebt, wie Turnschuhtouristen auf dem Weg zum Hohen Tenn in die Tiefe stürzten.

Beim anschließenden, deutlich leichteren Gipfelanstieg ziehe ich meinen Hut vor den Erstbesteigern, die die Schlüsselstelle in natura meistern mussten. Bei der ersten literarisch dokumentierten Überschreitung beider Gipfel am 16. August 1871 haben Albert Kaindl, Josef Pöschl und ihr Bergführer Johann Grill nicht schlecht gestaunt, als sie am Gipfel ein trigonometrisches Vermessungszeichen antrafen. Da muss ihnen wohl jemand zuvorgekommen sein. Nicht nur das, schließlich hatte der Hohe Tenn bereits drei Jahrzehnte zuvor höchst geistlichen Besuch erhalten: Etwa im Jahr 1840 hatte Kardinal Friedrich Fürst Schwarzenberg den Gipfel "in kleiner Gesellschaft" erreicht.

Text: Michael Pröttel

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