Er ist nicht nur "der höchste Spitz im ganzen Tyrol", sondern auch einer der Paradeberge, ohne die kein Tourenbuch Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte: der Ortler. Den "Makel" kein Viertausender zu sein, macht der 3905 Meter hohe Ostalpenriese durch seine Aura locker wieder wett. Auch wenn man, den Kopf in den Nacken gelegt, vom Talort Sulden aus, den Verlauf des Normalwegs fast komplett einsehen kann...oben ist man deswegen noch lange nicht!

"Spaghetti oder Minestrone?", fragt Hüttenwirtin Iris Wöll bestimmt. Während sich Ulla, Claudia und Gerhard, unser Bergführer, für die Suppe entscheiden, fällt meine Wahl auf Kohlenhydrate. Die brauche ich jetzt! Die 1200 Höhenmeter Anstieg vom Talort Sulden zur Julius Payerhütte (3029m), den Ausgangspunkt jeder Ortlerbesteigung über den Normalweg, konnten wir dank Liftbenutzung zwar um gut 500 Höhenmeter verkürzen, die verbleibende Strecke ging es aber aufgrund der reichlich fortgeschrittenen Zeit im verschärften Tempo dahin.

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Sonnenuntergang, von der Payerhütte aus gesehen.

| © Wolfgang Dengler

Seit der Liftstation klebten zwei Hünen mit Riesenrucksäcken an unseren Fersen. Die beiden tschechischen Bergsteiger, vom Äußeren her eine Art Karpaten-Version der Huberbuam, wollen am nächsten Tag vom Oberen Ortlerplatt mit ihren Gleitschirmen ins Tal segeln. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn sie morgen die Strecke - nur an den Klauen eines Steinadlers hängend - zurücklegen würden. Wir werden sehen.

Bis auf eine kurze Trinkpause an der Tabarettahütte (2556m), begleitet von faszinierenden Blicken in die berühmt-berüchtigte Norwand des Ortler, hieß es Durchmaschieren - um ja nicht das Abendessen zu verpassen. Als eine der letzten Seilschaften kamen wir noch rechtzeitig vor sieben auf der Payerhütte an. Also erstmal Spaghetti!

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Dass die Hütte rappelvoll ist, überrascht wenig. Hatte doch die Wetterprognose für dieses Wochenende bestes Bergwetter versprochen. Kein Wunder also, dass sich nach verregneten Augustwochen scheinbar alles in Richtung Alpen in Bewegung gesetzt hat. Der erste Stau in München erwies sich nur als kleiner Vorgeschmack auf die Geduldsprobe, die uns den Rest des Nachmittags beschäftigen sollte. Doch spätestens jetzt, bei einem grandiosen Sonnenuntergang und einem ebensolchen Nachtisch, war aller Ärger über das stundenlange "Stopp and Go" bereits wieder vergessen.

Rückschau: Blick vom Bärenloch auf den Grat.

| © Wolfgang Dengler

Aufbruch im Dunkeln

Als am nächsten "Morgen" - nach unruhigem Schlaf - um halb fünf der Wecker klingelt, ist die Hütte bereits auf den Beinen. Überall das obligatorische Gewusele: in den Zimmern, in den Gängen, auf den Treppen, im Trockenraum. An den neuralgischen Punkten - WC und Waschbecken - heißt es Schlangestehen. Überall ernste, bedeutungschwangere Mienen. Niemand lacht. Während ich noch darüber nachgrübele, ob dies an der Uhrzeit oder dem Ernst der bevorstehenden Aufgabe liegen könnte, zwingen wir uns apathisch zu etwas Kaffee und Marmeladenbrot.

Kurz darauf stehen Claudia, Ulla, Gerhard und ich auch schon vor der Payerhütte. Bis zum Sonnenaufgang dauert es noch, also Stirnlampen an und los. Die Querung der Westflanke der Tabarettaspitze (3128m) verläuft ohne Probleme. Was bei den vorliegenden Verhältnissen nicht weiter erwähnenswert ist, hat bei Schnee und Eis schon manche Seilschaft vor Schwierigkeiten gestellt: Vor allem beim Abstieg, müde von der Tour, Hütte und Weißbier bereits vor Augen, kommt es hier immer wieder zu bösen Unfällen.

Das erste Teilstück des Normalweges verwöhnt uns heute hingegen mit besten Verhätnissen, der gesamte Gratverlauf ist vollkommen schnee- und eisfrei. So gelangen wir zügig zu einer Scharte im Westgrat, von der man auf gleicher Höhe bis zu einer weiteren Scharte in einer Rippe quert. Eigentlich. Wir verpassen irgendwie die "Abzweigung" - wie wir aber erst auf dem Rückweg feststellen werden - und finden uns an einer ersten, luftigen Kletterstelle wieder. Das kurze Stück reicht, um endgültig wach zu werden.

Unser Verhauer hat jedoch keinerlei Konsequenzen, und so stoßen wir nach ein paar Metern wieder auf deutliche Steigspuren. Vor uns reihen sich nun die Lichter der Stirnlampen über den Gratrücken wie an einer Perlenschnur. Der weitere Wegverlauf ist offensichtlich, muss aber stellenweise immer wieder geprüft werden. Wir seilen uns an und erreichen die ersten Felsaufschwünge.

"Avanti Raggazi"

Abstieg: Ulla und Claudia am Anfang des "Wandls".

| © Wolfgang Dengler

Im eher leichten Auf und Ab geht es den passageweise drahtseilgesicherten Grat entlang bis zu einem Sattel. Wir stehen vor der fast 60 Meter hohen, nahezu senkrechten Wand des Tschierfeckwandls, der ersten wirklichen Prüfung der Tour. Die III`er Stellen des Wandls werden durch etliche Stifte und eine lange Eisenkette entschärft, von einer Leiter - wie in manchen Berichten immer noch zu lesen - keine Spur. Die Sonne kommt raus als wir zeitgleich den von abertausenden Bergschuhen glattpolierten Fels nach oben klettern.

Der Grat wird kurzeitig breiter, fordert aber dennoch volle Konzentration, denn das nächste, enorm ausgesetzte Stück lässt nicht lange auf sich warten. Den Übergang zum Gletscher bereits vor Augen, finden wir uns plötzlich in einem Stau wieder. Der deutlich verschärfte Unterton in dem hallenden Anfeuerungs-Mischmasch aus "Gäits hoit weita", "Avanti Raggazi", "Wos is etzt?" und "Forza, forza!" verrät mir, dass es jetzt ernst werden könnte.

Und so ist es: Zum Finale wartet der Grat mit einer Überraschung auf, die den Adrenalinspiegel mancher Seilschaftsangehöriger hörbar nach oben treibt: Ein kleiner, nicht entschärfter Überhang auf eine schräge Platte von vielleicht 50 cm Breite fordert beherztes Zupacken. Keine Frage, aber dieses kurze Stück ist die Schlüsselstelle des Grates im Auf- , vor allem aber im Abstieg. Ohne wirklich brauchbaren Griff und den saugenden Tiefblick vor Augen wurstele ich mich die zwei Meter nach oben. Eleganz sieht anders aus.

Im "Bärenloch"

Wie ein Spaziergang kommt mir jetzt die anschließende Querung zum "Bärenloch" vor. Der Eindruck täuscht, denn auf den knapp hundert Meter horizontal entlang des steil abfallenden ersten Gletscherhanges, sollte man besser nicht ausrutschen. Loser Moränenschutt auf Blankeis kann ohne Steigeisen an den Füßen durchaus heikel werden. Die Zwölfzacker montieren wir erst im "Bärenloch", einer Gletschermulde, die sich in Falllinie mehrer hausgroßer Seracs befindet, an die Stiefel.

Die Karawane zieht weiter: Seilschaften im "Bärenloch".

| © Wolfgang Dengler

Bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauem, wolkenlosen Himmel mögen - naiv wie man ist - erst gar keine Gedanken an Eisschlag aufkommen. Die gut 600 Höhenmeter von hier bis zum Gipfel konnte man bis vor einigen Jahren noch komplett im Eis zurücklegen. Aufgrund der fortschreitenden Ausaperung sind die südseitigen Hänge des "Bärenlochs" nicht nur viel steiler, sondern auch steiniger geworden.

So wartet kurz nach dem Bärenloch gleich die Schlüsselstelle im Eis - oder besser gesagt im kombiniertem Gelände. Ein mit Fels und Blankeis durchsetzter Steilaufschwung von 40 Grad lässt die Karawane der Ortleraspiranten immer wieder ins Stocken geraten. Unter Führung von Gerhard meistern wir aber auch diese Passage in Steinwurfnähe des Lombardi-Biwaks (3316m) ohne Probleme.

Abflug vom Ortlerplatt

Was nun folgt, ist ein Gletscherhatsch der etwas verschärften Art. Nach einem kurzen Steilhang führt die Spur immer wieder um und über abgrundtiefe Spalten auf das Obere Ortlerplatt. Hier legt sich das Gelände und der Gipfelaufbau scheint zum Greifen nahe. Er wird allerdings nicht in direkter Linie angegangen, sondern durch einen großen Rechtsbogen erreicht.

Wir kommen gerade rechtzeitig, um die beiden Tschechen, die Karpatenbuam, mit ihren Gleitschirmen - unter lauten Anfeuerungsrufen - Richtung Norwand entschweben zu sehen. Nach einer weiteren halben Stunde wird es feierlich für uns. Vorbei am Spalier der Seilschaften, jedenfalls kommt es mir so vor, geht es die letzten Meter bis zum Kreuz.

König Ortler gewährt Audienz - und das bei Kaiserwetter. Wir saugen das grandiose Panorama in uns auf, glücklich einen perfekten Bergtag erwischt zu haben. Man könnte eine halbe Ewigkeit hier oben bleiben, aber der Abstieg bis ins Tal kostet nochmal einiges an Zeit und Kraft - so werden es wohl später wieder Nudeln werden!

Text von Wolfgang Dengler

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