Ein gewaltiger Berg mit hohem Aufforderungscharakter, ein Schmuckstück für jedes Tourenbuch. Gerade weil das Abenteuer in diesen finsteren Silvretta-Felsen überwiegt.

Erste Orientierung im Tal: wir peilen das Fluchthorn an.
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Da liegt er nun auf meinem Fuß, der Stein, der eben noch ein Stück Felswand war und unseren Klemmkeil willig geschluckt hatte.

Aber beim Keil-Lösen teilte sich lautlos das Sesam-öffne-dich, explodierte in schierer Gewalt, zerschlug den Helm meines Partners, rollte über seinen Rücken, fiel auf meine Beine und blieb in der Seilschlaufe über dem Abgrund hängen. Groß wie ein Hochtourenrucksack und um ein Vielfaches schwerer!...

Alle noch da? Ja, zum Glück! Alles in Ordnung? Mal sehen. Kopf heil? Ja!!! Die Hände des Partners? Blutig aufgeschrammt. Der Rucksack hat den Rücken geschützt.

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Meine Beine? Bestimmt gebrochen! Mein Fuß? Bestimmt plattgedrückt. Den Brocken krieg ich nicht runter. Nebel ziehen aus der Tiefe hoch, von oben drücken Wolken. Mein dritter Gedanke: Da fliegt kein Heli mehr!

Aber durchschnaufen, Hirn wieder klar kriegen. Bein bewegen - geht! Fuß? Da rührt sich nichts! Der Stein muss weg. Halt, er hängt ja auch noch im Seil! Gut, dass er nicht weitergeflogen ist … mitsamt dem Seil … in die Tiefe.

Also vorsichtig festen Halt suchen im Felsgebrösel, Seil einholen. Gibt’s hier einen wirklich festen Punkt?

Es gelingt mir, den Fuß im Geröll ein wenig hin und her zu schieben, mit der Hand den Felsblock zu lüpfen - bloß nicht das Gleichgewicht verlieren! - und mich Stück für Stück zu befreien. Mittelfußknochen gebrochen, mindestens.

Doch: bewegen geht, auftreten geht. Und: Dem Fels einen Fußtritt zu versetzen müsste auch gehen! Kurz rufen, horchen - nein, an diesem Berg sind wir ganz alleine.

Zack, da rauscht er zu Tale, polternd, platzend, torkelnd. In einer Staub- und Schwefelwolke, so, als habe uns der Gottseibeiuns persönlich verlassen. War wohl auch so - und unsere Schutzengelscharen sitzen jetzt wohl auch da, verschnaufen und rauchen.

Ohne Seil geht gar nichts - und ohne Helm erst recht nicht.

Die Wolken hängen tief und nass um uns, als wir am laut rauschenden Futschölbach bergan steigen. Nach einer guten Stunde sind wir am Finanzerstein, wo seit jeher pausiert wird, entweder davor in der Sonne oder (wie vor vier Jahren im Schneegewehe) in seinem Bauch, der einst Zöllnern Obdach bot.

Doch heute ist der Riesenblock feucht, lädt nicht zum Rasten ein. Also auf schmalem Steig die Moräne hinauf. Oben geht’s durch eine Felspforte - plötzlich wird es hell.

Kurz zeigt sich majestätisch ein gewaltiges dunkles Massiv - die Fluchthörner! Dann wieder dichter Nebel, der minutenschnell in die Tiefe fällt. Das Tal bleibt unter einem dichten Federbett, doch die kleinen Gletscher gegenüber erstrahlen im Morgenlicht wie alte polierte Schätze und jede Kontur am Augstenberg wirkt frisch ziseliert.

Wir sind in einer anderen Welt angekommen und freuen uns. Brotzeit, Karte lesen, Gipfel suchen, Anekdoten.

Eindrücke von der Tour - klicken Sie sich durch unsere Slideshow!

Ein Stück höher durchwandern wir eine Wüstenei aus kistengroßen Blöcken. Vor vier Jahren im Schnee war es eine Zitterpartie, nicht in die vielen verborgenen Löcher zu treten oder auf den Wackelsteinen auszurutschen. Bald stehen wir am Fuße der Weilenmannrinne, die in gerader Linie in die Höhe führt.

Jakob Johann Weilenmann gibt ihr den Namen, ein Kaufmann aus St. Gallen. Am 19. August 1861 stand er als Erster auf dem Südlichen Fluchthorn, dem höchsten der drei Gipfel. Den Piz Buin hakte er 1865 ab, wie so viele Berge in Rätikon und Silvretta. Auch der Piz Linard, der höchste der Gruppe, besitzt eine Weilenmannrinne.

Finish: Die dunklen Blöcke kurz vor dem Gipfel.

Eineinhalb Stunden brauchen wir für 350 Höhenmeter, dann stehen wir stolz auf dem rötlichen Felskopf am oberen Ende der Rinne. Links von uns zieht sich ein Grat hinaus, der so aussieht, als habe ein Kind mit nassem Sand gekleckert.

Vor uns fällt es steil hinab zum jämmerlichen Rest des Fluchthornferners, rechts geht es erst hinunter zur zweiten, östlichen Rinne, dann hinauf in den unübersichtlich zergliederten Gipfelaufbau.

Die Sonne ist wieder in die Wolken gekrochen, die schwarzbraunen Felsen wirken noch düsterer. Wir seilen uns an. Im Fels kommen wir zügig voran, genießen die Höhe, die Wegfindung, die Aussicht, die Miniaturen am Fels: grün-weiße Flechten und frische Bruchstellen, die rötlich schimmern. Das Urgestein heißt Amphibolit oder Hornblendengneis, lerne ich zu Hause aus dem Lexikon.

Wenige kleine Steinmänner führen über schräge Platten, durch kantige Kamine und bröselige Fluchten. Ob daher der Name des Berges kommt? Oder weil er Rückzugsort des Wildes ist? Wir ergreifen diesmal nicht die Flucht … sind bald oben … setzen einen Klemmkeil …

Und dann? Der Stein rauscht in die Tiefe, wir wollen weiter: Da ist er schon, der Gipfel. Kaum zehn Meter höher. Das Kreuz erhebt sich aus einem großen Plateau aus losen Brocken, die keinen sehr stabilen Eindruck machen. Das Kreuz übrigens auch nicht. So wie die ganze Welt um uns herum.

Geschafft: jetzt ein kurzer Blick ins Gipfelbuch.

Die Gletscher in der Tiefe wirken grindig, zerfasert, wie ein Gruß aus einer zu Ende gehenden Zeit. Der Permafrost hat aufgehört, diesem Berg Halt zu geben. Es ist zu warm. Uns fröstelt und wir sind uns einig: Hinunter, ohne Eile, aber auf dem kürzesten Weg.

Jeden Griff doppelt prüfen, eh wir ihn belasten. Rücksturz zur Erde sozusagen. Ein rutschiges Unterfangen in Sand und Geröll. Alles geht gut. Unten dann ein zaghafter Blick zurück. Regenwolken verschlingen das Fluchthorn. Wir werden nicht zurückkehren.

Text und Fotos: Bene Benedikt

Aus ALPIN 04/10 (Text gekürzt)

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