Er war allein unterwegs. Von München nach Venedig, mit Zelt und 20 Kilo Gepäck. Die Tour lässt ihn nicht mehr los. Warum, versucht Christoph Michel hier herauszufinden.

Einmal am Gipfel stehen, in die Berge blicken und sich nicht denken: Da und da und da steige ich vielleicht irgendwann einmal hinauf. Einmal wissen, dass man sich das gesamte Panorama erwandern wird, dass sich jeder ersehnte Gipfelblick erfüllen wird, Tag für Tag, bis die Alpenkette überquert ist - das war mein Traum.

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Also bin ich mit der U-Bahn zum Münchner Marienplatz gefahren und losgelaufen. Schritt für Schritt, Höhenmeter um Höhenmeter, bis ich 23 Geh- und zwei Ruhetage später am Markusplatz stand. Es war die eindrucksvollste Tour, die ich je gemacht habe, beeindruckender als jedes Trekking in Neuseeland. Nur – warum eigentlich?

München - Venedig

Hier geht's los: am Marienplatz in München.

| © Imago / Ralph Peters

Das Erste, was mir einfällt, wenn ich zurückdenke, sind nicht die Panoramen, der landschaftliche Reiz einzelner Etappen, spektakuläre Steige oder bestimmte Gipfel. Das erste sind die Schmerzen. Anfangs die vom Beckengurt geschwollenen Hüften, dann die Knieschmerzen, dann die Fußschmerzen. Mit Zelt, Essen und Fotoausrüstung hatte ich 20 Kilo zu schleppen.

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Bis zum Inntal dachte ich, nicht durchhalten zu können, aber dann ging es langsam immer besser. Trotzdem, beim nächsten Mal werde ich von Zahnbürste und Rasierer den Griff absägen.

Auch wenn ich mich bislang über einen derartigen Gewichtsfanatismus lustig gemacht habe. Solange ich nicht, wie manche Leute, die Etiketten aus der Kleidung entferne …

Bevor es losgeht, macht man sich so seine Vorstellungen von der Tour. Man hat Zeit, man ist allein, man könnte unterwegs - also nur beispielsweise - tiefsinnige Gedanken haben. Oder Lösungen finden für Probleme. Oder in schicksalhaften Begegnungen auf besondere Menschen treffen.

Fotogalerie: Klickt Euch durch die Slideshow mit Impressionen von der Traumtour.

Ich hatte mir auch ausgemalt, wie es sein würde, am Markusplatz anzukommen. Sogar das passende Foto hatte ich schon im Kopf: Eine Draufsicht auf mich, der ich, alle viere von mir gestreckt, platt und euphorisch am Boden liege.

Und dann der Tiermodus. Meine Tage waren mit Essen, Schlafen, Gehen vollkommen erfüllt, meine Gedanken auch. Beim Wandern dachte ich meist an irgendeinen recht sinnlosen Blödsinn, manchmal an einen einzelnen Satz, den ich wie ein Mantra immer wieder vor mir hersagen musste.

Selbst abends im Zelt konnte ich oft nicht einschlafen, weil ich mir in Endlosschleife überlegte: Was war heute, wie weit komme ich morgen, wo finde ich einen Platz für das Zelt?

München - Venedig

Auf dem Wegabschnitt zwischen Olpererhütte und Pfitscher Joch.

| © Christoph Michel

Denn das war nicht immer einfach. Unter der Benediktenwand zum Beispiel wollte ich meine Etappe nach der Tutzinger Hütte beenden. Doch dort konnte ich nirgends zelten und so musste ich weiter, zwei quälende Stunden lang.

Erst nach einem langen Abstieg ins Tal fand ich das erste einigermaßen waagrechte Plätzchen für mein Zelt. Nur leider direkt neben dem Weg.

Das Alleinsein ist neben der körperlichen Anstrengung bestimmt ein Grund, warum diese Tour im Nachhinein so sehr haften bleibt. Es wirkte auf mich insgesamt beflügelnd.

Fotogalerie: Ausrüstungs-Empfehlungen für lange Touren.

Sicherlich habe ich mich auch einsam gefühlt, aber ohne dabei das Bedürfnis zu haben, mich anderen Wanderern anzuschließen. Ab und zu tut ein Ratsch zweifellos gut, ansonsten mussten eben Schafe, Kühe und meine Knie für laute Konversationen herhalten.

Die Tiere wurden von mir grundsätzlich gegrüßt und meine Knie habe ich morgens immer aufgemuntert, die nächste Etappe gut durchzustehen: „Auf geht’s, wir haben heute viele Höhenmeter vor uns, macht mir nicht schlapp.“

Manchmal ist es schwer, sich selbst zu motivieren. Ich erinnere mich an einen Morgen in den Zillertaler Alpen, kurz vor dem Pfitscher Joch. Eigentlich brauchte ich nur aufzustehen und die magische Grenze zu Italien überschreiten.

Aber der Regen peitschte gegen mein Zelt, draußen war es kalt, dunkelgrau und niemand war da, der mir gesagt hätte: „Jetzt steh auf, du faule Sau!“ Oder als mich das Gewitter einholte, ausgerechnet im Lüsener-Alm-Gebiet, einer weiten, ungeschützten Hochebene auf dem Weg zum Peitlerkofel. Der einzige Moment meiner Tour, in dem ich Angst hatte.

Doch dann gibt es immer wieder diese großartigen Bergerlebnisse, die einen für alles entschädigen. Wie Sonnenuntergang und Sonnenaufgang am Gipfel des Piz Boè, dem mit 3152 Metern höchsten Punkt der Tour.

München - Venedig

Kurze Rast: nach 20 Etappen an der Moschesin-Alm.

| © Christoph Michel

Was für ein Rundblick über die scharfen Konturen der Dolomiten - traumhaft! Mit diesem Gipfel kann nur noch der Monte Schiara konkurrieren, den ich mir mit einer harten Nacht verdient habe. Einer Nacht in einem Kar trog, in dem Sturmböen immer wieder abrupt an meinem Zelt rissen. Ich lag wach und lauschte dem kalten Widerhall des Steinschlags, der um mich herum abging.

Doch am nächsten Tag wurde ich belohnt: Nach fast drei Wochen Wanderung war der Gipfel des letzten richtigen Berges an der Alpensüdseite erreicht. Flaches Land, ich hatte den festen Willen, die Ebene so schnell wie möglich zu durchqueren.

Fotogalerie: Ist der Akku leer, läuft es sich schlecht! Tipps zur richtigen Verpflegung auf Tour. 

Anfangs war ich überrascht, die Gegend stellte sich nicht so schlimm dar, wie bei der obligatorischen Urlaubsfahrt von der Autobahn aus. Am Fluss Piave entlang führte der Weg durch teilweise nette Ortschaften.

Streckenweise musste ich auch direkt auf der Landstraße gehen, wurde von Lastern überholt, fühlte mich in meiner Wanderausrüstung deplaziert. Am dritten Tag näherte ich mich der Lagune, und da, kurz vor dem Ziel, bekam ich Gänsehaut.

Wäre ich nicht so erschöpft gewesen, ich hätte laut gelacht, geweint, geschrien. Dann verließ mich die Euphorie und ich musste gegen das Bedürfnis ankämpfen, mich an Ort und Stelle fallen zu lassen und nicht mehr aufzustehen.

Jesolo. Das trübe Wasser gefiel mir nicht besser, nur weil ich zu Fuß gekommen war, im Gegenteil. Auch begann hier die auf ihre Art härteste Etappe der gesamten Tour: die erste Hälfte des Tages musste ich auf der Rückseite der Touri-Hochburgen entlangmarschieren, in der zweiten Tageshälfte ging es von einem Campingplatz zum nächsten.

Und doch sind es ausgerechnet diese Tage, die für mich im Nachhinein am eindrucksvollsten waren. Vielleicht gewährt die Ebene mehr Raum für das, was in einem passiert. Vielleicht spielt auch eine gewisse Landstreicher- Romantik eine Rolle.

Wegen der totalen Erschöpfung erlebte ich schließlich auch das Ankommen am Markusplatz anders als gedacht. Um 5 Uhr morgens stieg ich bei Dunkelheit als einziger Fahrgast auf die Fähre. Der Horizont spannte sich lila über das Wasser, die Lichter Venedigs spiegelten sich darin und rückten immer näher.

Das Ziel: der Markusplatz in Venedig.

| © Imago / Imagebroker

Ich hätte gern ein Foto von mir, wie ich mit innerer Hochstimmung an Deck sitze. Aber wahrscheinlich würde man darauf nur einen hageren, in sich zusammen gesunkenen Wanderer sehen, dessen maximale Gefühlsregung ein leicht debiles Lächeln ist.

Und am Markusplatz? Da war ich stolz und zufrieden, aber es war mir viel zu anstrengend, mich hinzulegen und alle viere von mir zu strecken. Ganz abgesehen davon, dass das Pflaster mit Taubendreck überzogen war.

So konnte ich mich gerade dazu aufraffen, mir wenigstens die Kamera vors Gesicht zu halten und abzudrücken. Dann nahm ich den direkten Weg ins nächste Café. 7,50 Euro für eine Tasse - ich war in der Wirklichkeit angekommen.

Ludwig Graßler gilt als der Erfinder der Route München - Venedig. Der gebürtige Oberpfälzer verstarb am 22. August 2019 im Alter von 94 Jahren. Hier findet Ihr einen Nachruf auf den Schöpfer des legendären "Traumpfades".

Text von Gundula Iblher

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1 Kommentar

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A.S.

Sehr schöner Bericht, toll zu lesen.