Strömender Regen trommelt auf das Autodach, die Scheibenwischer kämpfen auf höchster Stufe gegen das herabfallende Nass. Es ist Vatertag, Mitte Mai und wir wollen es noch einmal wissen. Trotz vorangegangener sommerlicher Temperaturen können wir noch nicht vom Winter lassen. Wir, das sind Stephan und Andi, Thomas und ich, der Franz.

Am Arlbergpass lenkt Andi seinen Kombi auf einen Parkplatz. Eigentlich wollten wir ja nach Zermatt. Jetzt rieselt aber auch hier schon bis auf 1500 Meter herab der Schnee. Andi schlägt deshalb vor, die Fahrkilometer einzusparen und eines der näheren Gletscher-gebiete zu wählen - beispielsweise im Pitztal.

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Blick zum Hauptgipfel der Wildspitze.

| © Imago

Wie wär's, wenn wir einen Tag im Pistengebiet so richtig "ballern" und dann gleich oben in den Zelten zu übernachten würden, um am folgenden Tag die 3770 Meter hohe Wildspitze anzupacken?

Wir dachten, dass so spät im Jahr - es ist schließlich Mitte Mai - kaum mehr Skifahrer unterwegs wären. Da haben wir uns allerdings gewaltig getäuscht. Weit hinten am Liftparkplatz müssen wir unser Vehikel abstellen. Hektisches Treiben um uns herum.

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"Beeilt euch, sonst zerfahren uns die Freaks hier noch den ganzen Pulver", mahnt Stephan, während er sich prophylaktisch gegen möglichen Unterzucker einen Müsliriegel zwischen die Kiefer schiebt. Trotz der vielen Leute erleben wir einen herrlichen Tag im Pistengebiet. Zufrieden sitzen wir auf einer Bank und genießen die Abendsonne an der Bergstation. Schließlich verziehen wir uns und schlagen unsere Zelte auf.

Am nächsten Tag lässt uns herrlichstes Wetter und ein endlos blauer Himmel sofort aus den Schlafsäcken springen. In der Nacht war es nicht sehr kalt, maximal null Grad. Also los, bevor es noch wärmer wird.

Kurzer Abstieg an der Liftstation Mittelbergjoch, im Hintergrund der Brochkogel.

Eigentlich wollten wir zum Mittelbergjoch aufsteigen, doch um Zeit zu sparen, nehmen wir den Lift. Eingebettet zwischen Wildspitze und dem 3635 Meter hohen Broch-kogel zieht die Aufstiegsspur über den zunächst flachen Gletscher.

Hinter einem recht alpinen Eisaufbau grüßt der Gipfel unseres Ziels zu uns herunter. Der frische Neuschnee hat dem Gletscher und den Bergen ein wunderschönes, weißes Kleid geliehen. Möge es für heute noch halten, denke ich. Denn schon nach kurzer Fahrt müssen wir die Ski abnehmen und über ausgeaperte Steine steigen.

Hinter einem bunten Völkchen von Tourengehern folgen wir der Spur relativ eben in südliche Richtung. Auf der Höhe des Hinteren Brochkogels ändern wir unsere Bekleidung schlagartig - nämlich von Sommer in Winter. Ein scharfer, schneidender Wind lässt uns alle die Rucksackdeckeltaschen öffnen, um darin nach Jacken oder Fleece zu kramen.

Auch der Untergrund wird immer harschiger. Der Wind hat an vielen Stellen den frischen Pulverschnee in alle Richtungen geblasen. Wieder senken sich die Köpfe in die Rucksäcke. Zum Vorschein kommen Harscheisen. Da haben es unsere beiden Snowboarder einfach: Mit ihren Schneeschuhen und den Eisenzähnen vorne, können sie schnurstracks bergauf zum Skidepot steigen.

Klickt Euch durch die Fotogalerie mit Impressionen von der Tour:

Ohne lange zu zögern, schreiten sie vorbei an dem kleinen Grüppchen Tourengeher und nehmen den felsigen Gipfelaufbau sofort in Angriff. Am Depot trennt sich die Spreu vom Weizen. Die meisten entledigen sich ihres Sportgeräts und erklimmen - lediglich mit Skistöcken bewaffnet - die letzten felsigen Höhenmeter. Nach einer kurzen Studie des Hangs entscheide ich mich, die Ski ebenfalls zurückzulassen.

Zwischen Süd- und Nordgipfel befindet sich ein relativ steiler Hang, der sich zwar durchaus für eine Skiabfahrt eignen würde, doch trügerisch blitzt an einigen Stellen Blankeis hervor. Auf eine Rutschpartie kann ich gerne verzichten. Zudem müsste ich meine Latten für eine eventuell "spaßfreie" Abfahrt weiter hinaufschleppen.

Am Vatertag staubt's: Thomas im Powder.

Obwohl der komplette Anstieg vom Liftgebiet bis zum Gipfel gerademal 700 Höhenmeter beträgt, macht sich die "dünne Luft" schon deutlich bemerkbar. Ich scheue mich auch nicht, wie einige andere Bergsteiger, meine Steigeisen anzuziehen. Wozu habe ich sie sonst dabei? Und eine gute Übung ist es auch.

Bald sind meine Freunde und ich gemeinsam am Ziel und wir genießen einen herrlichen Rundblick. Er schweift über Weißkugel, Similaun und Finailspitze bis weit in die italienischen Alpen. Doch nun wird es ernst. Die Jungs verabschieden sich vorläufig von mir.

Ich verspreche ihnen, ein paar tolle Abfahrtsfotos von ihnen zu machen. Ein Sturz, zumindest innerhalb der oberen zwei Drittel hätte fatale Folgen. Vor allem für Stephan: Er trägt nach einem Bike-Unfall eine Stahlplatte in der Schulter.

Thomas steht am Start. Schon beginnt er die ersten Schwünge. Die Abfahrt sieht nicht einfach aus. Mit Telemarkern ist es konstruktionsbedingt schwierig, die Kanten fest ins Eis zu drücken. Immerhin kommt er wohlbehalten neben mir zum Stehen.

Jetzt startet Stephan mit seinem Snowboard. Zuerst beginnt er mit einer Querung. Springt um, eine nächste Querung folgt. Auweia, hoffentlich hält die Kante. Einen Großteil hat er schon geschafft, da passiert es. Er verliert den Halt und saust los. In der Direttissima rutscht er nach unten, beginnt zu tomahawken.

Oh je! Ich denke an sein Schlüsselbein, er wahrscheinlich auch. Doch irgendwie fängt er sich wieder und erreicht uns Gott sei Dank unverletzt. Als letzter stößt Andi (ohne Zwischenfall) zu unserer kleinen Gruppe. Weiter geht's! Diesmal fahre ich als Erster.

Die letzten Meter zum Gipfelkreuz.

| © Imago

Erst bei Erreichen des Steilhangs wird der bockige Schnee endlich weicher. Nun haben wir die Wahl. Weiter den Aufstiegs auf Frühjahrsschnee befahren oder die sonnenabgewandte, steile Abfahrt wählen? Mittlerweile ist auch diese von der Mittagssonne beschienen. Könnte sein, dass sich vom Vortag Bruchharsch gebildet hat.

Doch siehe da: feinster, etwa 50 Zentimeter tiefer Powder. In langen Turns jage ich nach unten. Am liebsten würde ich den ganzen Hang komplett hinunter heizen, aber wir wollen ja noch ein paar schöne Bilder einfangen. Andi und Thomas wagen sich sogar in die Nähe der gefährlichen Gletscher

Was tut man nicht alles für ein gutes Motiv. Begeistert resümiere ich auf dem Kameradisplay: blauer Himmel, weißer Schnee, nette Jungs. Und das alles Mitte Mai. Die restlichen Höhenmeter versuchen wir gut Speed aufzunehmen und sausen mit wenigen, weiten Bögen über das flache Gletscherbett.

Trotzdem sind es noch ein paar unangenehme Meter zurück zum Mittelbergjoch. Bald ist auch das geschafft und wir befinden uns wieder in der Zivilisation des Pistenskigebiets. Wieder warten wir in der Abendsonne - diesmal auf die letzte Talfahrt mit dem Pitzexpress, denn auf der üblichen Talabfahrt im Taschachtal liegt längst kein Schnee mehr.

Text von Franz Faltermaier

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