"Mit euch klappt das sowieso nie“, hatte mein Freund gemeint, als ich ihm ein halbes Jahr zuvor die Idee eröffnete, die Haute Route mit zwei Freundinnen zu gehen. Er sollte Recht behalten. Die Begeisterung von Alexa und Katrin schwand umgekehrt proportional zum näherrückenden Termin Ende April.

Rückblick vom Anstieg zur Tête Blanche auf das Matterhorn, das hier in recht ungewöhnlicher Perspektive erscheint.
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Die eine fühlte sich der Anstrengung auf einmal nicht mehr gewachsen, die andere hatte Liebeskummer. Ende März wurde es mir dann zu dumm. Ich sagte ab und schwor mir: Nie wieder nur mit Frauen auf Ski-Hochtour. Auf die ist kein Verlass. Auf mich und meinen Schwur auch nicht, denn eine Woche später sah alles anders aus.

Beim Klettern hatte ich einer anderen Freundin, Marion, von meiner Enttäuschung erzählt. An diesem Nachmittag hatten wir Shirin kennen gelernt. Die Chemie zwischen uns dreien stimmte sofort. Als die junge Sportstudentin auch noch sagte, dass sie lieber auf Skitouren ginge als in den Klettergarten, war für mich klar: Wir drei wären ein gutes Team. Zwei Testtouren im Sellrain bestätigten das.

Shirin war noch nicht so erfahren in Hochtouren, aber konditionell fit und motiviert. Marion und ich hatten langjährige Erfahrung. Das Wichtigste war jedoch, dass wir jede Menge Spaß miteinander hatten und uns ohne Konkurrenzgehabe verstanden. Unter bergsteigenden Frauen ist das leider oft anders. Zur Fotogalerie Tourenbuch Haute Route Zweieinhalb Wochen später fuhren wir von der Bergstation Schwarzsee oberhalb von Zermatt Richtung Zmuttgletscher ab. Neben einem Bus vom Schweizer Militär erwartete uns am Fußweg von der Stafelalp ein riesiger Turnschuhberg. „Bedient euch“, sagte ein Soldat mit Rastalocken. Wir schauten ihn ungläubig an.

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„Die sind von der Patrouille des Glaciers, die gestern Nacht um 22.00 Uhr in Zermatt gestartet ist.“ Auf dem Weiterweg zum Zmuttgletscher erzählte ich Marion und Shirin die Hintergründe dieses Skitouren-Rennens, bei dem die Teams die Haute Route in einer Etappe zurücklegen.

Marion hat den Anstieg zum Südgipfel der Dents de Bertol sicher im Griff. Im Hintergrund die Bouquetins.

Shirin war froh, dass wir die Haute Route gemütlicher und mit kleinen Varianten angehen wollten. Die am häufigsten begangene, klassische Haute Route führt von Chamonix, bzw. Argentiere, über Orsieres, Bourg St.-Pierre, die Cabane de Valsorey, Cabane de Chanrion, Cabane des Vignettes und die Schonbielhutte nach Zermatt.

Zu dieser Strecke existieren zahlreiche Varianten. Um einer Volkerwanderung zu entgehen, hatten wir beschlossen, in umgekehrter Richtung zu gehen. An unserem Anreisetag waren wir von Zermatt zur Schonbielhutte aufgestiegen.

Als wir am folgenden Tag um 4.45 Uhr von der Hüttenterrasse aufbrechen, empfängt uns ein funkelnder Sternenhimmel. Alle anderen schlafen noch. Wir hatten Shirin einen Sonnenaufgang im Gletscherbruch versprochen. Der Schnee ist hart. Mit den Ski am Rucksack stapfen wir los.

Nach der Abfahrt vom Schwarzsee beginnt unter dem Matterhorn der erste Anstieg zur Schönbielhütte.

Die kurze Hütten-Abfahrt legen wir per pedes zuruck. Marion vorneweg, gefolgt von Shirin und mir als Besenfrau. Der eben noch schwarze Himmel hatte ins Blauschwarze gewechselt. Dunkel heben sich die Felsen von Matterhorn und Dent d'Hérens gegen den Himmel ab. Fahl leuchten die weiten Schneefelder im Sternenlicht.

Plötzlich stürzt gleich rechts neben dem Matterhorn eine Sternschnuppe kerzengerade herab. Wie gebannt stehe ich da. Schaue und staune. Die Stimmung ist unglaublich. Erst Shirins Rufen bringt mich in die Wirklichkeit zurück.

Die Stirnlampen der beiden Freundinnen leuchten schon ziemlich weit unter mir. Ich mache, dass ich hinterherkomme. Wenig später spuren wir im flachen Gelände an den Fuß der Wandflue. Der Himmel ist jetzt lilablassblau. Als wir wenig später über einen eisigen Hang die ersten Séracs erreichen, sind sie in rotes Licht getaucht.

Rechts von ihnen ziehen wir unsere Spur auf den Stockjigletscher. Shirin staunt. So etwas hat sie noch nie erlebt. Wir sind allein unterwegs und genießen es. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Nach dem Gletscherbruch spuren wir gemütlich auf der weiten weißen Fläche des Stockjigletschers Richtung Tête Blanche. Zur Fotogalerie Tourenbuch Haute Route Am Col de Valpelline treffen wir die ersten Skitourengeher. Die Abfahrt von der Tête Blanche wird ein Pulvertraum. Wir überholen eine Gruppe Schneeschuhgeher mit Bergführer. Ob es nicht bitter sei, bei diesem Schnee zu gehen, rufen wir ihm zu. Er lacht verschmitzt. Am Abend werden wir ihn und seine Gäste auf der Cabane de Bertol wieder treffen.

Auch die Zermatter Bergführerpartie mit Privatgast, die wir am Vorabend auf der Schönbielhütte kennen gelernt hatten, wird wieder da sein. Aber im Moment trennen uns etliche atemraubende Stufen von der Hütte. Wie ein Adlerhorst thront die Cabane de Bertol in 3311 Meter Höhe auf dem Rocher de Bertol.

Auch Teamgeist entscheidet über den Erfolg auf der Haute Route.

Sie wurde 1972 in Form eines sechseckigen Kristalls errichtet. Auch die Vorgänger- Hütte von 1896 stand schon dort. Inzwischen leiten Metallstufen den erschöpften Bergsteiger nach oben. In der aussichtsreichen Hüttenstube empfangen uns große Schalen, gefüllt mit Orangen, Äpfeln und Müsliriegeln. Die sind von der Patrouille des Glaciers übrig geblieben. Wir freuen uns über die gesunde Erfrischung und greifen dankbar zu.

Beim Abendessen lernen wir mit Hajo Netzer, einen weiteren Bergführer kennen. Auch ihn und seine beiden Gäste werden wir in den kommenden Tagen immer wieder treffen. Und genau das ist es, was meiner Ansicht nach einen großen Teil der Faszination Haute Route ausmacht.

Es ist nicht nur die atemberaubend schöne Landschaft mit ihren zum Greifen nahen Viertausendern, sondern es sind vor allem die Menschen, die man in dieser Umgebung trifft, die ihren Alltag weit hinter sich gelassen haben und deren wahre Charaktere fern von gesellschaftlichen Normen zu Tage treten.

Es ist das gemeinsame Erleben und Miteinander in der eigenen Seilschaft und mit anderen Partien, die die Haute Route für jeden zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Man muss nur dafür offen sein. Zur Fotogalerie Tourenbuch Haute Route Als wir am nächsten Tag um 5.00 Uhr an den untersten Stufen der Cabane de Bertol angelangt sind, kommt uns Hajo hinterher gelaufen. „Ihr habt eure Felle vergessen“, meint er grinsend und reicht Shirin und mir unsere Aufstiegshilfen. In der morgendlichen Hektik hatten wir sie im Frühstücksraum liegen gelassen. Peinlich, peinlich. Hajo ist ein großes Stück Kuchen auf der Cabane des Vignettes gewiss.

Auch mit teilweise windverblasenem Schnee ein Vergnügen - die Abfahrt von den Dents de Bertol.

Der Tag verspricht noch prächtiger als der Vortag zu werden. Auf unserer Variante über den südlichen Gipfel der Dents de Bertol und durch das vereiste Nord- und Südwestkar hinab auf den Haut Glacier d’Arolla sind wir unter uns. Im Sonnenschein spuren wir Richtung Col de l’Evêque.

Über uns locken die mächtigen Nordwand-Ausläufer des Mont Brulé mit steilen Abfahrten. Marion und ich geraten ins Schwärmen – bis ein Felsblock mitten auf dem Gletscher unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Hier könnte man glatt bouldern“, meint Marion und spricht damit aus, was ich gerade denke. Und während am Col du Mont Brulé die Skitourengeher in Ameisengröße Schlange stehen, prüfen wir barfuß die kleinen Tritte und Griffe.

Trotz Sonne wird es nach einiger Zeit recht kalt an den Füßen und so setzen wir unseren Weg fort. Unterhalb des Col de l’Evêque beschließen wir nach einem Blick auf die Karte, erneut eine kleine Variante einzulegen. Wir steigen durch die Rinne rechts des Cols und der Felsen auf und werden mit einem unverspurten Pulverhang auf dem Glacier du Mont Collon belohnt.

Abends auf der vollen Cabane des Vignettes ist die Wiedersehensfreude groß, als wir Hajo, den Zermatter Bergführer und die Schneeschuhgänger treffen. Beim Essen sind wir richtig ausgelassen. So könnte es ewig weitergehen.

Marions kann’s auch auf Skitour nicht lassen: Boulderversuch am Haut Glacier d'Arolla

Doch manchmal ändern sich die Verhältnisse schneller, als man denken kann. Schon an diesem Abend fühlte sich Shirin nicht besonders wohl. Marion und ich tippten auf einen verdorbenen Magen. In der Nacht wurde es nicht besser und am nächsten Morgen beim Aufstieg zum Pigne d’Arolla hat es auch Marion und mich erwischt.

Und als wir schließlich auf der Cabane de Chanrion eintrafen, fühlten wir uns alle drei recht elend. Wir quälten uns noch einen weiteren Tag zur Cabane de Valsorey und hinab nach Bourg-St.-Pièrre. Hier war für uns Endstation, wir mussten die Haute Route abbrechen.

Zwei weitere Touren-Tage mit einer ausgewachsenen Magen-Darm-Grippe quer durch die Mont-Blanc- Gruppe wären zu viel für uns geworden. Traurig traten wir die Heimreise an. Doch wir gaben uns das feste Versprechen, die letzten Etappen im nächsten Frühlingnachzuholen. Fortsetzung folgt …

Text: Mirjam Hempel

Fotos: Bernd Ritschel

Aus ALPIN 01/07 (Text gekürzt)

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