Die Wilde Leck ist das Gipfelziel für kletternde Alpinisten in den Stubaier Alpen. Ihr Ostgrat lockt Allroundbergsteiger seit jeher: mit markanter Linie, gutem Fels und einer geradezu ikonischen Kletterstelle auf den Gendarm.

"Hei mi leckst am …" – der alte Oberreintalgruß ist auch über das Wettersteingebirge hinaus oft geeignet, um Staunen, Ehrfurcht oder Muffensausen angesichts gewaltiger Bergkulisse auszudrücken. Beim Anmarsch zur Wilden Leck liegt einem diese Assoziation förmlich auf der Zunge. 

"Hei mi leckst am …"

| © Joachim Stark

Der passende Moment, um sie laut auszusprechen, folgt nach Erklimmen der linken Seitenmoräne des Sulztalferners, etwa 45 Minuten Wegzeit nach der Amberger Hütte. Denn zuvor versteckt sich der Berg trotz seiner nicht gerade mickerigen 3361 Meter Höhe irgendwo ganz hinten rechts im Sulztal.

Der kleine Gendarm machte den Ostgrat legendär – mit Kletterer ziert er sogar Buch-Titel!

| © Joachim Stark


Aber ab etwa 2400 Meter schiebt sich die Wilde Leck dann mehr und mehr ins Bild. Und damit alles, was hochalpines Bergsteigen interessant macht: weite Gletscherflächen, steile Kargletscher, eine schneedurchsetzte dunkle Nordwand und das Ziel des heutigen Tages – der scharfe, felsige Ostgrat. Dessen Felsqualität ist für Stubaier Verhältnisse fast schon einzigartig, denn ab Erreichen des Grates auf ungefähr 3100 Meter Höhe steigt und kraxelt man in bestem Gneis dahin, teils an der Wand am Grat entlang, teils direkt auf der Schneide – mit entsprechend grandioser Ausgesetztheit und zweifelsfrei toller Aussicht.

Zweifellos dürfte die Wilde Leck aber auch der am schwierigsten erreichbare Gipfel der gesamten Stubaier Alpen sein. Dass auf ihren Gipfel ein so schöner Grat führt, macht den Berg dennoch zu einem Kletter-Highlight der Region. Das fiel schon Ludwig Purtscheller auf, der den Ostgrat vor 130 Jahren mit zwei Gefährten als Erster erkletterte. Man sollte jedoch nicht verschweigen, dass Zu- und Abstieg durch einen ordentlichen Bruchhaufen führen. Bedachtes Steigen und solide alpine Kenntnisse sind also Grundvoraussetzung für eine genussvolle Begehung.

ALPIN-Tour - Wilde Leck, 3361 m, Überschreitung Ostgrat – Südwestgrat

Lang, ausgesetzt, spannend, abwechslungsreich: hochalpiner Kletterklassiker der Stubaier Alpen.

  • Schwierigkeitsgrad der Hochtour: schwer, III (IV)

  • Dauer: 8 – 12 Std.

  • Höhenmeter: 1300 Hm

  • Ausgangspunkt: Amberger Hütte, 2135 m

  • Beste Zeit: Juli – September

Route: Flach Richtung Sulztalferner und Wilde Leck, entlang der Seitenmoräne zum Gletscher. Leicht ansteigend, später steiler nach Westen abbiegend und südlich unterhalb des Ostgrats aufsteigen Ri. Südwand. Durch Geröll und Blockwerk den Weg auf den Grat suchen. Diesem offensichtlich folgen. Den Gendarm kann man rechts umgehen, später wieder nach links zurück zum Grat und Gipfel. Dort bis zur nächsten Graterhebung mit vom Gipfel sichtbarem Steinmann. Über Blockwerk hinab in ein Joch (Pfeile, Abseilstände), auf den Gletscher und zurück zur Hütte.

Die Amberger Hütte hat von Mitte Juni bis Anfang Oktober geöffnet. Im Winter von Februar bis Anfang Mai. Es gibt regionale Küche mit allerlei Feinheiten für nach der Tour. 

ALPIN-Info

Lange, konditionell anspruchsvolle, aber lohnende Überschreitung mit luftiger Klettereinlage.

  • Info (& Bergführer): Ötztal Tourismus, Unterlängenfeld 81, A-6444 Längenfeld, Tel. +43 57200 300, laengenfeld.com

  • Anreise: Ins Ötztal nach Längenfeld, dort links abbiegen und weiter nach Gries im Sulztal. Kostenloser Parkplatz am Ortsende.

  • Hütte: Amberger Hütte, 2135 m, Tel. +43 676 9523426, ambergerhuette.at

  • Einkehr: Sulztalalm, 1898 m, Tel. +43 664 75116965, oetztal.at

  • Ausrüstung: Grundausrüstung Hochtour, Gurt, Helm, 50-m-Seil, Schlingen, Karabiner, 3 Expressschlingen, kleines Klemmkeilsortiment und 3 – 4 Friends, Abseilgerät, Stirnlampe

  • Absicherung: Einzelne Bohrhaken am Ostgrat, mobile Absicherung über Friends und Schlingen problemlos möglich. Am Südwestgrat sowie hinunter zum Gletscher neue Abseilstände. Objektive Gefahren sind Steinschlag, Wetter und die Höhe, die nicht akklimatisierten Bergsteigern den Stecker ziehen kann. Heikel bei Neuschnee oder Vereisung. Die Tour ist am Gipfel nicht vorbei, der Abstieg ist lang und anspruchsvoll!

  • Karte: AV-Karte, 1: 25 000, Blatt 31/1, Hochstubai

  • Tipp: Am Vorabend der Tour mit dem Bike zur Hütte pedalieren, verkürzt den Abstieg von der Hütte auf 20 Min.! Tour im Winter gut mit Ski kombinierbar.

Text von Joachim Stark

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