Der Nürnberger Wendelin Reichl bestieg letzten Sommer alle Seven Summits der Alpen in 9 Wochen. Die Strecken von einem Gipfel zum nächsten legte er mit seinem Reisefahrrad zurück.

Im ersten Teil unseres dreiteiligen Interviews ging es von Wendelins Vorbereitungen auf die Reise über einen missglückten Gipfelversuch an der Vorderen Grauspitze bis hin zur Besteigung der Zugspitze. Dann standen für den Nürnberger Großglockner, Triglav und Gran Paradiso auf dem Programm. Ob Wendelin die Top-Gipfel von Österreich, Slowenien und Italien problemlos besteigen konnte, erfahrt Ihr im zweiten Teil unseres Interviews.

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Die Seven Summits der Alpen in neun Wochen "by fair means": Wendelin Reichl hatte im Sommer 2017 einiges zu tun.

| © Wendelin Reichl

Wie hast du dich auf die Dufourspitze, den anspruchsvollsten Berg, vorbereitet? 

Das war der schwierigste Berg, das war von vornherein klar. Hier habe ich einen Bergführer gebucht. Vor der Dufourspitze habe ich eine Akklimatisierungstour auf das Breithorn gemacht. Ich traf am Berg eine Mutter mit ihrem etwa 12 Jahre alten Sohn, mit denen ich hoch bin. Danach habe ich noch fünf Stunden auf der Station vor mich hinvegetiert, um mich nochmal besser zu akklimatisieren. Auf der Dufourspitze sind schon viele höhenkrank geworden. Ich wusste zwar, dass ich gut mit der Höhe klarkomme, aber ich wollte es nicht drauf ankommen lassen.

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Wie sind deine Erinnerungen an den Berg?

Innerhalb eines Tages bin ich zur Monte Rosa Hütte, dort habe ich mich mit dem Bergführer getroffen. Die Hütte ist richtig cool, das ist der "Nachhaltigkeits-Vorreiter" der Alpenvereinshütten. Perfekte Betten, ich konnte nirgendwo so gut geschlafen wie dort – zumindest am Tag nach dem Gipfel. Am zweiten Tag sind wir um 2:30 Uhr losmarschiert. Wir mussten zwar vier Stunden im Dunkeln laufen, aber das Gelände war nicht so anspruchsvoll. Dann kamen wir zu den Kletterpassagen im ausgesetzten Gelände. Das war eine tolle Erfahrung! Zum Glück war ich aufgrund der vorherigen Besteigungen super im Flow und auch top akklimatisiert. Ich konnte die Tour genießen und hatte mit dem Bergführer zusätzlich ein sicheres Gefühl. Hier hatte ich das beste Gipfelgefühl, weil ich wusste, ich hatte den schwierigsten Berg bezwungen. Zur Abwechslung war auch mal nichts los. Schlussendlich war es die richtige Entscheidung in die Schweiz zu fahren und die Dufourspitze vorzuziehen.

Der höchste Berg der Seven Summits der Alpen – der Mont Blanc – als vorletzter Berg. Hier habt ihr bei Sonnenaufgang als erste Seilgruppe des Tages den Gipfel erreicht. Zu dem Zeitpunkt sind seit Anfang des Sommers schon neun Bergsteiger da oben umgekommen. Bist du mit einem mulmigen Gefühl auf den Berg?

Wir sind von der Goûter Hütte zum Mont Blanc gestartet. Von meinem 61-Jährigen Bergsteiger konnte ich wirklich viel lernen. Er hatte quasi die perfekte Taktik, um auf den Berg zu kommen und wusste genau, was zu tun war. Wir haben uns um kurz vor drei beim Frühstück getroffen. Um kurz nach drei, waren die Leute bis in den zweiten Stock angestanden. Ohne den Bergführer wäre ich nicht so früh da gewesen und es macht schon einen Unterschied, ob da jetzt fünf Leute oder 100 Leute vor dir stehen. Wir sind als zweite Seilschaft los, haben die erste relativ schnell eingeholt und waren in 2,5 Stunden oben am Gipfel. Da war die Sonne gerade am Aufgehen und wir hatten wieder circa 10 Minuten alleine. Beim Absteigen konnte ich den Sonnenaufgang richtig genießen. Auf der Tour habe ich ein super Gespür für Distanzen bekommen: Zum einen, weil ich die Strecken immer mit dem Fahrrad gefahren bin und zum anderen, weil man vom jeweiligen Gipfel aus meist schon den nächsten Gipfel gesehen hat.

Du hattest schon richtig Glück, dass alles so hingehauen hat, wie du es dir vorgenommen hattest…

Wir hatten wirklich Glück mit dem Wetter. Ich habe teilweise Leute getroffen, die schon mehrere Gipfelversuche hinter sich hatten, weil sie immer Pech mit den äußeren Bedingungen hatten. Beim Mont Blanc war es der vorletzte Hochtourentag der Sommersaison. Danach kam der Wettersturz von 15 Grad. An meinem Ruhetag nach dem Gipfel bin ich auf der Goûter Hütte aufgewacht und alles war weiß. Ich hatte keine Verletzungen, keine Material-Probleme und das Wetter hat mitgespielt.

Ein Berg fehlte dir noch ... 

Nach dem Mont Blanc hatte ich noch 1,5 Wochen, um durch die Schweiz nochmal zur Vorderen Grauspitze zu fahren. Das war die schönste Route, weil ich befreit fahren konnte: Sechs Gipfel im Gepäck, alles hat geklappt, ich war super euphorisch und wusste: Wenn ich in Lichtenstein ankomme und das Wetter schlecht ist, warte ich so lange, bis es einigermaßen passt und geh dann hoch. Zwischendurch habe ich meinen Vater und ein paar Verwandte im Oberwallis besucht, das lag direkt auf der Route. Ich bin dann auch noch die Route gefahren, die ich eigentlich mit dem Fahrrad zur Dufourspitze fahren wollte. In Lichtenstein habe ich mich nochmal mit einem Freund getroffen. 

War der letzte Berg ein besonderer Abschluss?

Es war wieder schlechtes Wetter gemeldet. Von der Schweizer Seite aus sind wir dann mit der Älplibahn ein kleines Stück gefahren und dann wie beim Nordic Walking hoch. Wir waren vor dem Regen am Gipfel, der kam erst im Abstieg. Über die Vordere Grauspitze habe ich im Vorfeld am meisten gelesen. Es hätte dort so wunderschön sein sollen, aber bei uns war es halt nur schlecht. Wir waren oben auf dem Gipfel, hatten keinerlei Sicht. Nur durch das Gipfelbuch wussten wir, dass wir am richtigen Gipfel waren. Es war ein recht unspektakulärer Abschluss meines Projekts. Wir sind dann abgestiegen, haben noch eine Pizza gegessen, rein ins Auto und sieben Stunden später saß ich in Nürnberg auf meiner Couch und dachte "was ist denn jetzt passiert". In diesen paar Wochen haben Distanzen eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen: Ich habe die Kilometer in stundenlanger Arbeit zurückgelegt, hab höchstens 140 km an einem Tag geschafft und dann sitzt du da plötzlich im Auto. Das war wie fliegen. Alles schwirrte an mit vorbei.

Wie hast du das Ganze finanziert? Was hat es dich gekostet?

Die Gesamtkosten betrugen mehrere tausend Euro. Aber ich habe alles selbst finanziert. Ich wollte nicht auch noch den Druck eines Sponsors spüren. Der Druck, den ich mir selber auferlegt hatte, hat gereicht. Ich wollte zeigen, dass so eine Tour auch dann umsetzbar ist, wenn man kein Top-Bergsteiger oder Radfahrer ist. Der Wille ist ausschlaggebend. Das Campen hat genervt, aber es kostete weniger als Pensionen und ich war einfach freier unterwegs. Einmal haben wir wild gecampt, unter dem Dach einer Kapelle in Lichtenstein, weil es so geregnet hat. In den Alpen mit den ganzen Campingplätzen ist das echt ideal: Wenn du Lust hast, noch ein paar Kilometer weiterzufahren, schaust du, wo der nächste Campingplatz ist und fährst hin. In der Not hätte ich auch auf einer Wiese das Zelt aufbauen können. Die Atmosphäre ist auch einmalig, das mag ich einfach. Ich habe in meinem Kocher Essen gemacht. Es war mir wichtig, abends was Gescheites zu essen, wenn ich mich den ganzen Tag verausgabe.

Welcher der Seven Summits der Alpen ist dein Favorit?

Ich würde nochmal auf die Zugspitze, um den Jubiläumsgrat zu machen. Der Grat ist Deutschland schon eine Besonderheit im Alpinismus. Die Dufourspitze würde ich auch nochmal machen, weil es so schön war. Hier gibt es auch so viele Möglichkeiten, den Berg auf andere Weise zu besteigen. Zum Beispiel eine viertägige Tour mit Überschreitungen von Castor, Pollux, Breithorn. Oder von der anderen Seite über die Refugio Magharita.

Planst du ein nächstes Projekt?

Ich habe ja gerade meinen Master in Kulturgeografie gemacht und die Uni abgeschlossen. Ich würde gerne wieder etwas planen, aber im Moment kann ich das nicht, weil die Zukunft gerade etwas ungewiss ist. Ich würde gerne mal nach Nepal und dort einen Berg besteigen. Das muss kein 8000er sein, ein 7000er vielleicht… Aber das ist noch Zukunftmusik. Ich habe die ganze Tour über fleißig gefilmt und Fotos gemacht, daraus möchte ich jetzt einen chronologischen Film zusammenschneiden.

Hast du dich mal im Vorher-Nachher-Vergleich gewogen?

Nein, aber ich habe sicherlich das letzte Rest-Fett, das ich hatte noch abgespeckt und in Muskeln umgesetzt. Ich habe mich überragend gefühlt, das war ein Köpergefühl, das ich so wahrscheinlich nicht mehr erreichen werden. Ich habe mich mit jedem Tag besser gefühlt.

Den ersten Teil unseres Interviews findet Ihr hier.

Wenn Ihr den zweiten Teil noch einmal lesen möchtet, dann klickt hier. 

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