Die Bedrohung des marinen Lebensraums durch Plastikmüll lässt Meeresbiologin Julia Hager nicht mehr los.

Du warst viel unterwegs, was hat dich am meisten geschockt?

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Das war 2010, als ich noch in Oregon lebte. Eines Tages kam ich an einen Strand, der normalerweise recht sauber ist. Nach einem Sturm war er auf einer Länge von zwei bis drei Kilometern übersät mit Plastikschnipseln. Mir war klar, dass die nächste Flut all die kleinen Plastikteile wieder mit zurück ins Meer nimmt, bevor man den Strand reinigen kann. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit diesem Thema und sensibilisiere Schüler und Erwachsene unter anderem in Vorträgen und Workshops für die Gefahren durch die globale Plastikverschmutzung. 

Aufmacherseite aus dem EXTRA in ALPIN 08/2019.

| © www.alpin.de

Dabei kann ich auch dank meiner Nebentätigkeit als Reiseleiterin sehr viel aus eigener Erfahrung berichten. So zum Beispiel von einer Reise nach Spitzbergen, während der wir ein riesiges Geisternetz fanden, in dem sich vier Rentiere verfangen hatten. Spitzbergen-Rentiere müssen aufgrund des Klimawandels ihre Nahrung mit Algen ergänzen und suchen am Strand danach. Sie sind neugierig und so ein Netz riecht natürlich nach Algen. Sie verfangen sich dann mit ihrem Geweih darin, können sich nicht mehr befreien und verenden.

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 Ich fand es ziemlich verstörend, dass auch die Landtiere durch den angespülten Müll verletzt werden und sogar zu Tode kommen. Aber hier bei uns zu Hause stört es mich genauso, wenn ich sehe, dass Leute, die in der Natur unterwegs sind, um sich zu erholen, ihren Müll einfach liegen lassen.

Müssen wir uns den Meeresboden mit Plastik bedeckt vorstellen?

Ich habe es natürlich noch nicht mit eigenen Augen gesehen, sondern kenne nur die Bilder und Daten von Wissenschaftlern. Laut Studien sollen ca. 70% des gesamten Plastikmülls, der in den Ozeanen ist, auf dem Meeresboden liegen. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts haben herausgefunden, dass in der Arktis im Schnitt 3485 Müllteile pro Quadratkilometer liegen. Da findet man alles: Flaschen, Reifen, Folien, Netze … 

Viele Plastikteile (z.B. aus PP und PE) schwimmen zunächst an der Oberfläche. Sobald sich Muschellarven oder ähnliches daran anlagern, verlieren sie an Auftrieb, sinken in die Tiefe und verschwinden so aus unserem Blickfeld. Der Plastikmüll ist aber trotzdem noch vorhanden und wird nie ganz abgebaut. Er zerfällt nur in immer kleinere Partikel über Mikroplastik zu Nanoplastik, das aktuell nur mit sehr hohem Aufwand nachweisbar ist. 

Für Julia steht der Schutz des Lebensraums Ozean an erster Stelle. Ihre Erfahrungen und Ergebnisse gibt sie bei Vorträgen weiter und führt Workshops und Projekte mit Schulklassen durch.

| © Julia Hager

Und von diesen kleinen Teilchen gehen große Gefahren aus: Sie werden aktiv oder passiv von Tieren aufgenommen und über die Nahrung natürlich auch von uns Menschen. Je kleiner die Teile, desto gefährlicher sind sie, weil sie in die Blutbahn und bis ins Gehirn vordringen können. Welche Folgen die Aufnahme der Mikro- und Nanoplastikpartikel bei Tieren und Menschen hat, wird derzeit intensiv erforscht.

Was kann jeder konkret tun?

Man kann natürlich versuchen, so gut es geht auf Plastik zu verzichten. Man kann beim Einkauf auf unverpackte Lebensmittel achten und bei der Kleidung auf nachhaltige Naturfasern. Wie wäre es, selbst mal Müll aufzuheben in der Natur, auch wenn man ihn nicht zurückgelassen hat, denn jede Flasche, Tüte, Zigarettenkippe etc., die nicht mehr in der Natur liegt, kann weder Tier noch Mensch gefährlich werden. Außerdem sollte man defensiv und vorausschauend fahren: Der größte Anteil an Mikroplastik stammt vom Gummiabrieb der Autoreifen.

Wie wird sich das Thema entwickeln?

Über 30 Seiten alles zum Thema Nachhaltigkeit und Bergsport: unser EXTRA in ALPIN 08/2019.

| © ALPIN

Schwer zu sagen... Auch wenn immer mehr Läden eröffnen, die unverpackte Waren anbieten und immer mehr Menschen einen Zero-Waste-Lifestyle anstreben, geht die Entwicklung doch viel zu langsam. Und die Umstellung Einzelner wird bei weitem nicht ausreichen. Die Politik hat zwar leichte Signale gesetzt und ein paar kleine Schritte unternommen, wie etwa das Verbot von Plastikwattestäbchen, Trinkhalmen und Einwegbesteck. Aber die Meere sind nicht voller Wattestäbchen. Sie sind voll von allem, was man sich vorstellen kann. 

Diese Verbote müssen also viel weitergehen und natürlich dürften auch Müllexporte nicht mehr erlaubt sein. Zusätzlich müssen Industrie und Handel ihre Anstrengungen hin zu einem geringeren Plastikverbrauch und zu weniger Verpackung ebenfalls dringend intensivieren. Da ist in jedem Fall Geschwindigkeit und Konsequenz gefragt. Global betrachtet, brauchen Länder ohne ein funktionierendes Abfallmanagementsystem dringend Unterstützung bei der Einrichtung eines solchen Systems, um endlich die Hauptquellen von Plastikmüll in der Umwelt und in den Meeren zu stoppen.

Zwischen 1950 und 2015 wurden weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Das entspricht mehr als einer Tonne pro Mensch. Nicht einmal zehn Prozent des jemals produzierten Kunststoffs sind recycelt worden.

| © Richard Carey/stock.adobe.com

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich wünschte, dass die Menschen ihr Bewusstsein für die Natur als unsere Lebensgrundlage wiederfinden und den Respekt ihr gegenüber in ihrem Herz und ihrem Geist verankern, sodass sie sie ganz selbstverständlich schützen. Es gibt inzwischen viele Menschen, die sehr engagiert sind und das lässt mich hoffen. Von Politik und Industrie würde ich mir baldigst Maßnahmen wünschen, die die Menschen nicht zu arg einschränken und trotzdem die richtige Wirkung haben. 

Wir bräuchten zum Beispiel eine echte Kreislaufwirtschaft – dass etwa aus einem Blumentopf auch wieder ein Blumentopf wird und nicht ein minderwertiges Produkt, das spätestens danach dann wirklich Müll ist. Also nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip (abgekürzt auch „C2C“, sinngemäß „vom Ursprung zum Ursprung“). Das ist es, was wir anstreben müssen.

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