Hält die High-Tech-Sportjacke, was sie verspricht?

Als Outdoor-Journalist bekommt man viele Pressemitteilungen von Unternehmen, die ein neu auf den Markt kommendes Produkt als "Revolution" anpreisen. 

Gemacht für windige Winterläufe: Holger und das Gore Tex Active Run Jacket.

Außen Wasser und ein bisschen Dreck, innen trocken: So soll das aussehen nach der Tour.

Auch Gore spart in einer Pressemitteilung zum Ausbau der beim Gore-Tex Active Run Jacket verwendeten Shakedry-Technologie nicht mit derartigen Superlativen: "Die GORE-TEX® SHAKEDRY™ Produkttechnologie revolutioniert den Bekleidungs-Markt für Leistungssport. Dank der Technologie (...) entsteht das leichteste und zugleich atmungsfähigste GORE-TEX® Produkt, das es je gab. 

Durch den Verzicht auf eine zusätzliche äußere Schicht und der dennoch gegebenen absoluten Wasserdichtigkeit ermöglicht GORE-TEX® SHAKEDRY™ optimalen Tragekomfort (...). Das geringe Gewicht und die hohe Atmungsaktivität verringern die Schweißansammlung und beschleunigen den Feuchtigkeitstransport. (...). 

Außerdem wird durch die GORE-TEX® SHAKEDRY™ Konstruktion kein Wasser absorbiert, somit kann das Kleidungsstück einfach durch Schütteln getrocknet werden."

Als Outdoor-Journalist weiß man nach einiger Zeit im Beruf, dass es sich bei den angekündigten Revolutionen der Outdoor-Industrie in den allermeisten Fällen - wenn überhaupt - eher um kleine Evolutionen handelt. 

Eigentlich nicht dafür gemacht: Unser Tester war mit dem Jacket auch auf Mountainbike-Tour. 

Dementsprechend gespannt aber mit einer gesunden Portion Skepsis habe ich von Anfang Dezember bis Mitte Januar das One Gore-Tex Active Run Jacket mit Shakedry-Technologie getestet.

Und jetzt kommt's: Das Teil ist für mein Verständnis tatsächlich revolutionär. Revolutionär gut. Es ist definitiv die beste Wetterschutz-Laufjacke, die ich jemals getragen habe.

Eine derart hohe Atmungsaktivität selbst bei sehr intensiven Einheiten habe ich bislang noch nie erlebt. Die Jacke wird auch bei extrem schweißtreibenden Aktivitäten kaum von innen nass. Und wenn, dann trocknet sie verdammt schnell. 

Gleichzeitig ist der Wetterschutz angesichts des extrem geringen Gewichts (das Kleidungsstück wiegt ca. 100 bis 130 Gramm) sowie des geringen Packvolumens tatsächlich ungeheuer hoch. 

Winddicht und hoch atmungsaktiv: Eigenschaften, die man (auch) beim Langlaufen braucht.

Bei Regen kommt sehr lange kein Tropfen Wasser durch. Die Tropfen bleiben als solche auf der Oberfläche der Jacke und können abgeschüttelt werden, wodurch die Jacke weiterhin trocken bleibt ("shakedry"). 

Verbunden mit der hohen Atmungsaktivität sorgt das dafür, dass der Oberkörper lange Zeit trocken bleibt, was besonders im Winter wichtig ist, um warm zu beiben. 

Lediglich bei einem langen Trailrun, bei dem es über mehrere Stunden stark geregnet hat (remember Tief "Burglind"?), war ich irgendwann doch (wie üblich) klitschnass. Ob der Schweiß nicht mehr raus konnte oder das Wasser von außen reinkam? Who knows.

Gut aber, dass die Jacke auch nass immer noch winddicht war, so dass zumindes kein windchill-Effekt hinzukam. Diese Eigenschaft ist auch auf dem Fahrrad bei kühlen Temperaturen und höheren Geschwindigkeiten richtig angenehm. 

Die Frage ist, wie lange die tollen Eigenschaften der sportlich geschnittenen Jacke anhalten. Denn (auch das ist so eine Erfahrung, die man als Outdoor-Journalist über die Jahre mehrfach gemacht hat): Neu funktioniert alles bestens, nach ein paar Monaten lassen die Eigenschaften nach und irgendwann ist der Lack komplett ab.

Hach, das perlt so schön!

Einwandfrei gearbeitet: Reißverschluss und Brussttasche.

Das möchte ich der stylisch und edel aussehenden Jacke aber nicht unterstellen. Anlass zur Sorgen gibt es bislang nicht. Auch nach Wochen des harten Einsatzes und bislang fünf Waschgängen "funktioniert" die Jacke wie am ersten Tag. 

Einzig die Arm-Bündchen habe etwas von ihrer Spannkraft eingebüßt. Viele weitere Features, die mit der Zeit "schwächer" werden könnten, hat die recht minimalistische Jacke ohnehin nicht: Eine Brusttasche, einen Aufhänger sowie eine Kapuze mit Gummizug ohne Kordel. Alles ist hochwertig verarbeitet, die Reißverschlüsse laufen einwandfrei.

Nun möchte und muss man als Outdoor-Journalist bei aller Begeisterung aber auch kritisch bleiben.

Rückansicht des guten Stücks.

Gore empfiehlt wegen des wenig widerstandsfähigen Materials als Einsatzbereich ausdrücklich "nur" Laufen, Rennrad und Langlaufen und das ohne robusten Rucksack . 

Ich habe mich nicht ganz daran gehalten und die Jacke "auf eigene Gefahr" auch auf dem Mountainbike und beim Trailrunning (mit leichtem Laufrucksack) getestet. Gebüßt habe ich dies mit einer wenige Quadratmilimeter großen Stelle, an der die Jacke nun beschädigt ist. Den Moment, bei dem das passiert sein könnte, erinnere ich nicht. Irgendwo kurz hängengeblieben? 

Die Empfehlungen von Gore sollten besser beachtet werden, will man lange Spaß an der Jacke haben.

Und da stellt sich dann die Frage, ob man bereit ist, 300 Euro für eine Jacke auszugeben, die hinsichtlich ihrer Eigenschaften zwar revolutionär gut, aber so filigran ist, dass man sie den Risiken wilderer Sportarten besser nicht aussetzen sollte.

Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Text von Holger Rupprecht