Trotz schneearmer Winter setzt sich der Trend der Lawinen-Airbags weiter fort. Vier neue Systeme sind in dieser Saison auf den Markt gekommen – mit Stärken und Schwächen.

Wohl kaum ein Marktsegment im Wintersportbereich ist derzeit so stark umkämpft wie der Markt der Lawinen-Airbags. In Österreich kursieren weltweite Verkaufszahlen von 70 000 bis 100 000 Stück, die pro Jahr verkauft werden. Das halten wir für (deutlich) zu hoch gegriffen. Realistisch ist nach Einschätzung einiger Hersteller aktuell eine Größenordnung um die 50 000 Stück.

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Mit den Lawinenrucksäcken scheint es also so zu sein wie mit den Sicherungsgeräten beim Klettern: Sie avancieren zu einem Image-Produkt. Allerdings zu einem sehr teuren Image-Produkt. Denn eine Lizenz für ein Airbag-System (kaum ein Anbieter hat ein echtes eigenes System) kostet einen Hersteller schnell mal eine siebenstellige Euro-Summe.

Test Lawinenrucksäcke, Skitourenairbags

Ortovox und Arva brauchen ein Extra-Tool zum Zurückdrehen der Einstechnadel.

| © Birgit Gelder

Trotz allem kommen alleine in dieser Saison vier neue Systeme auf den Markt. Damit gibt es inzwischen elf eigenständige Airbag-Systeme. Die neuen sind das P.Ride von ABS, der Voltair von Arc’teryx, das Reactor von Arva und das Avabag von Ortovox.

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Test Lawinenrucksäcke, Skitourenairbags

Den Akku-Pack des Voltair von Arc’teryx kann man zum Laden herausnehmen.

| © Birgit Gelder

Das Arc’teryx-Sytem arbeitet ganz grob so ähnlich wie das vor zwei Jahren vorgestellte Jet-Force-System von Black Diamond und Pieps. Ein mittels Akku angetriebenes Turbo-Gebläse füllt in wenigen Sekunden einen Einkammer-Airbag mit 150 Liter Volumen. Das System hat den Vorteil, dass eine Auslösung oft geübt und wiederholt sowie demonstriert werden kann.

Nachteile sind recht viel Elektronik und ein ziemlich hohes Gesamtgewicht. Der Arc’teryx-Rucksack, in dem das System "verpackt" ist, ist gewohnt schlicht.

Test Lawinenrucksäcke, Skitourenairbags

Der Griff des Avabag von Ortovox steht vor und kann jederzeit gut gegriffen werden.

| © Birgit Gelder

Arva, letztes Jahr noch ABS-Inside-Partner, wartet 16/17 mit einem recht leichten eigenständigen System auf, dem Reactor. Über einen Bowdenzug wird eine Patrone angestochen und über ein Venturi-Ventil Außenluft angesaugt und so der Airbag gefüllt. Als einziger Anbieter neben ABS setzt Arva auf einen Zwei-Kammer-Airbag, der aber nicht als solcher erkennbar ist.

Das System ist in Relation zum nutzbaren Volumen des Rucksacks das leichteste und zudem preislich interessant. In der Handhabung erscheint es beim ersten Mal etwas umständlich, zum Zurückdrehen der Einstechnadel gibt es ein extra Tool und zum Ablassen des aufgeblasenen Airbags auch. Allerdings gewöhnt man sich daran und so oft lässt man ja auch keine Luft aus seinem Airbag.

Auch Ortovox hat zur aktuellen Saison ein eigenes System, das Avabag. Hier wird mittels Bowdenzug eine Patrone angestochen und füllt dann einen Einkammer-Airbag. Auch der Avabag verlangt ein Tool zum Zurückdrehen der Einstechnadel (liegt lose bei). Das Ortovox-Sytem wird als leichtestes System auf dem Markt gehandelt, in der "Gramm-pro-Liter-Rucksackvolumen-Rechnung" ist Ortovox allerdings schwerer als Arva. Die nachgemessene Volumenangabe weicht bei Ortovox doch stark von der Herstellerangabe ab. Mit nutzbaren 20 Litern im Hauptfach wird es auf (Tages-) Skitouren mit Steigeisen knapp …

Die innovativste Neuerung bei den Lawinen-Airbags ist das P.Ride von ABS. Hier ist eine Gruppenauslösung möglich oder auch eine einzelne Fremdauslösung. Beim Einschalten des Systems konfigurieren sich die P.Ride-Modelle untereinander und der Normal-Modus ist der, dass jedes Gruppenmitglied alle anderen mitauslösen kann. In Anbetracht der Tatsache, dass es inzwischen etliche Todesfälle bei Lawinenverschütteten gibt, die einen Airbag auf dem Rücken hatten, diesen aber nicht ausgelöst haben, sicherlich eine ganz interessante Option.

Die Reichweite des Systems beträgt maximal 500 Meter, dabei wirkt jeder Teilnehmer (jedes P.Ride-System) als Transmitter. So kann rechnerisch eine Gruppe von fünf Personen mit P.Ride einen Teilnehmer mit Airbag in 2,5 Kilometer Entfernung auslösen. Für Ehepaare und Familien, die viel Freeriden, und natürlich für kommerzielle Gruppen ist dieses System sicherlich ganz interessant. Leider ist das P.Ride recht schwer (mit dem 32-Liter-Rucksack fast 4 Kilo) und auch nicht ganz billig.

Fazit

Auf dem Markt findet jeder ein passendes Airbag-System. Es gilt abzuwägen, was einem wichtig ist: das Gewicht, der Preis, eine gute Packbarkeit oder das höchstmögliche Maß.

Text von Olaf Perwitzschky

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