ALPIN-Testchef und Bergführer Olaf Perwitzschky klärt die wichtigsten Fragen für Skitouren-Einsteiger.

Das Thema Skitouren boomt. Viele Menschen überlegen, mit dem Skitourengehen zu beginnen. Dabei gilt zu klären, wie man den Umstieg von der Piste ins Gelände meistert und welche Ausrüstung man sich anschaffen muss. Da sich manche unsicher sind, ob der neue Sport tatsächlich dauerhaft etwas für sie ist, stellt sich zudem die Frage, wie man auf Tour kommt und dennoch den Geldbeutel schont.

- Anzeige -

Wir haben uns mit ALPIN-Testchef Olaf Perwitzschky unterhalten und die wichtigsten Fragen für Skitouren-Einsteiger gestellt. Olaf ist Bergführer, passionierter Tourengeher und Ausrüstungsexperte.

Olaf, wie gut sollte man auf der Piste fahren können, um mit dem Einstieg ins Tourengehen liebäugeln zu können?

Gibt Tipps für Skitouren-Einsteiger: ALPIN-Testchef und Bergführer Olaf Perwitzschky.

- Anzeige -

Der Ausspruch "Ich komme überall gut runter" trifft es gut. Man sollte rote und auch schwarze Pisten problemlos und auch bei nicht idealen (Sicht-)Verhältnissen angstfrei und sicher abfahren können.

Würdest Du empfehlen, erstmal lediglich auf der Piste das Aufsteigen zu testen und auch über die Piste abzufahren?

Ganz klar ja. Ich kann sehen, ob der Sport etwas für mich ist, kann mich an die spezifische Bewegung des Aufsteigens gewöhnen und kann das ungewohnte Material testen. Denkbar ist auch, sich eine Piste zu suchen, an deren Rand bzw. in deren Nähe man etwas variantenreich, etwa durch den Wald, aufsteigen kann, um dann über die Piste abzufahren.

Wie erfahre ich, wo und wann das Pistengehen erlaubt ist?

Prinzipiell gilt zumindest in Bayern das freie Betretungsrecht der Natur. Das heißt, dass es überall erlaubt ist, wo es nicht durch lokale Regelungen verboten ist. Klar ist, dass man dabei die Regeln für sichere Pistentouren beachten sollte (siehe Fotogalerie, d. Red.). 

Hinweisen möchte ich auf das Booklet Pistenskitouren 2019 aus unserer Januar-Ausgabe. Darin listen wir lohnenswerte Ziele und geben Infos zu Hütten, Tourenabenden und Tourengeher-Stammtischen. (Wer es gedruckt lesen mag, kann hier das Heft bestellen, online fassen wir die Inhalte hier zusammen, d. Red.)

Bevor ich losgehe, empfiehlt es sich, das Skigebiet im Internet zu suchen, um mir aktuelle Informationen zu holen. In aller Regel haben die Skigebiete inzwischen auch Informationen bezüglich der Regelungen für Pistengeher z.B. zu speziellen Tagen oder Abenden für Tourengeher.

Nehmen wir an, das mit den Pistentouren hat gut funktioniert und man hat Lust auf mehr bekommen: Empfiehlst Du vor der ersten eigenen Tour im freien Gelände auf jeden Fall einen Kurs oder eine Tour mit Bergführer zu buchen? 

Prinzipiell finde ich nicht, dass man für alles, was man mal ausprobieren möchte, gleich einen Kurs braucht. Für die ersten leichten (Pisten-)Touren kann man sicher auch alleine und nach dem Prinzip learning-by-doing vorgehen. 

Spezieller wird es, wenn man in steileres Gelände geht. Bei der Spitz- bzw. Kickkehre ist es sicher hilfreich, zu wissen, wie das geht. Am besten ist, jemanden dabei zu haben, der mit gutem Beispiel vorangeht.

Und wer nach eigenen kleinen und leichten (Pisten-)Touren herausgefunden hat, dass er tiefer ins Tourengehen einsteigen möchte, ist sicher nicht schlecht beraten, zum Beispiel über seine AV-Sektion einen Kurs mitzmachen, wo es dann auch um Einschätzung des Lawinenrisikos, Tourenplanung usw. geht.

Spaß für Einsteiger: Die ALPIN-Tiefschneetage im Kleinwalsertal.

| © Birgit Gelder

Toll sind für Touren-Einsteiger in mehrerlei Hinsicht ganz sicher unsere ALPIN-Tiefschneetage. Hier kann man zu einem günstigen Preis mit Bergführern auf Tour gehen und Material testen, das unser Partner Sport-Conrad in Hülle und Fülle mitbringt. Wer das passende Set-Up gefunden hat, kann es vor Ort auch noch zu stark reduzierten Preisen erwerben.

2019 findet das Event von 15.03. bis 17.03. in Fieberbrunn und vom 22.03. bis 24.03. im Kleinwalsertal statt. Noch bis 04.03. kann man sich unter www.alpin-tiefschneetage.de anmelden. Auf der Webseite findet man auch weitere Infos zu dem Event.

Wie findet man Touren, die leicht und für Einsteiger geeignet sind?

Da ist das Internet eine gute Quelle. Zum Beispiel bei gipfelbuch.ch oder alpenvereinaktiv.com und diversen anderen Touren-Plattformen wird man schnell fündig.

Zum Thema Lawinensicherheit und damit zum Thema Ausrüstung: Gibt es lawinensichere Touren im Gelände, bei denen man ohne LVS-Ausrüstung unterwegs sein kann? Oder ist es für Dich ein No-Go überhaupt daran zu denken, ohne LVS-Gerät, Sonde und Schaufel auf Tour im Gelände zu gehen?

Es gibt Touren, die vom Gelände her und bei geringer Lawinenwarnstufe als lawinensicher angesehen werden können. Andererseits birgt diese Herangehensweise auch die Gefahr, das Risiko auszudehnen. Daher gilt letztlich schon der Grundatz: Im freien Skigelände sollte man die Lawinen-Notfallausrüstung immer dabei haben. 

Kommen wir damit zum Material insgesamt: Kann ich Helm, Skibrille und Kleidung sowie anderes Material (z.B. Rucksack) erstmal vom Pistenskifahren oder anderen Bergsportarten benutzen?

Klar. Skibrille ist kein Thema, Helm eigentlich auch. Skitourenhelme sind ein bisschen leichter, das kann später interessant werden. Die Funktionswäsche von anderen Sportarten kann verwendet werden, eine atmungsaktive Softshell-Berghose auch, Jacken ebenso. Auch die Teleskop-Bergstöcke mit ausreichend großen Schneetellern tun es erstmal genauso wie der 30 Liter Sommer-Bergrucksack. Das ist dann alles nicht optimal für Skitouren, aber ausreichend, um kostengünstig loszukommen.

Zur in jedem Fall benötigten Tourenskiausrüstung: Womit muss ich Pi mal Daumen für Tourenski, Tourenbindung, Tourenschuhe und Aufstiegs-Felle mindestens rechnen, wenn ich sie neu kaufen möchte?

Wenn man ein günstiges Set-Up findet, ist man mit ungefähr 1.000 Euro dabei. Nach oben sind die Grenzen offen.

Das ist natürlich eine Menge Geld, wenn man sich nicht sicher ist, ob man den Sport dauerhaft ausüben wird. Kann man sich die Ausrüstung erstmal von einem Sportgeschäft vor Ort leihen? Was ist dabei zu beachten und wie viel kostet das ungefähr für einen Tag?

Für ein komplettes Set dürften so 50 Euro fällig werden. Es gibt aber bei weitem nicht so viele Verleihstationen für Touren-Ausrüstung wie für Alpin-Skier. Man sollte sich hierzu erstmal im Internet schlau machen und das Touren-Ziel entsprechend auswählen. 

Und was hältst Du davon, sich eine Ausrüstung gebraucht zu kaufen z.B. über Internet-Portale?

Kann man machen und Glück haben, birgt aber auch die Gefahr, Pech zu haben. Man sollte genau hinschauen, sich zum Beispiel Detail-Fotos der Lauffläche der Skier und der Kanten schicken lassen. Wenn zum Beispiel die Kante an einer Stelle eingedrückt ist, ist der Ski letztlich hinüber.

Kann man es wagen, auch Schuhe gebraucht zu kaufen oder muss man die unbedingt anprobiert haben?

Schwierig. Klappt eigentlich nur, wenn man genau weiß, was man braucht, also welches Modell, welcher Hersteller, welche Größe. Und das kann man nur durch Anprobieren herausfinden. Da ist man schnell beim heiklen "Beratungsklau", sprich, im Geschäft mit Experten-Hilfe einen passenden Schuh ausfindig machen und den im Internet gebraucht suchen. Nicht die feine Art.

Oft kauft man Skitouren-Ausrüstung beim Händler wesentlich günstiger im Set (Ski, Bindung, Schuhe, evtl. Felle) und zum Saison-Ende. Kannst Du (Online-)-Anbieter empfehlen?

Die Vorgehensweise ist sicher zu empfehlen wenn man Geld sparen möchte. Besonderer Tipp ist hier Sport-Conrad, der nach dem Ende der ALPIN-Tiefschneetage das dort angebotene Material zu sehr günstigen Konditionen online verkauft. Am besten also ab 25. März bei sport-conrad.com reinschauen.

Günstige Gelegenheit zum Ausrüstungs-Kauf: Die ALPIN-Tiefschneetage.

Bevor ich die Ausrüstung kaufe, muss ich erst klären, was genau ich brauche: Wie finde ich heraus, welcher Tourenski der richtige für mich ist? Wonach richtet sich die Länge? Wonach die Breite?

Die Länge der Ski richtet sich nach der Körpergröße. Körpergröße bis Körpergröße minus 10 Zentimeter ist hier das rechte Maß.

Abfahrtsorientierte sollten sich für einen längeren Ski entscheiden, für die, denen es um das Gesamterlebnis geht, die im Aufstieg Vorteile haben und sich mit der Kickkehre leichter tun wollen, nehmen eher die kürzere Variante

Bei der Breite kommt es auf das bevorzugte Einsatzgebiet an. 95 Milimeter halte ich für eine gute Universalbreite. Wer nur abfährt und im Powder unterwegs ist, kann da sicher noch ein paar Milimeter draufpacken. Wer dagegen viel auch auf der Piste unterwegs sein will, für den ist ein schmalerer Ski, zum Beispiel mit eine Breite von 88 Milimetern, der Richtige.

Man sollte bei der Wahl des Skis auch wissen: Woher komme ich als Alpin-Skifahrer? Wie viel Erfahrung und Können bringe ich mit? Was für Ambitionen habe ich auf Tourenskier? Geht es mir um schnellen, sportlichen Aufstieg? Oder geht es mir eigentlich nur um die Abfahrt und ich nehme den Aufstieg letztlich nur notgedrungen in Kauf? 

Hier der ALPIN-Test "Tourenski" aus dem Jahr Winter 2018/2016:

Welche Bindung empfiehlt sich? Welche verschiedenen Bindungsarten gibt es überhaupt?

Es hat sich in den letzten Jahren viel getan, die Bandbreite der Bindungen ist groß. Das geht von der extrem leichten Bindung für Skitouren-Rennläufer bis hin zur relativ schweren Freeride-Bindung, die letztlich alle Features einer Alpin-Bindung bietet und dazu noch die Eigenschaft, damit aufsteigen zu können. 

Für Einsteiger ist sicher der Mittelweg der goldene: nicht allzu schwer, aber stabil genug, um sicher abfahren zu können. 

Auch wenn der Trend im Tourenbereich klar zur Pin-Bindung geht, hat die gute alte Rahmenbindung in meinen Augen noch ihre Existenzberechtigung, auch wenn sie etwas schwerer ist.

Um mal konkrete Modelle zu nennen: Mit der Fritschi Vipec, der G3 ION, der Dynafit Radical, der ATK Raider oder der Marker Kingpin macht man nichts verkehrt.

Hier der ALPIN-Test "Skitouren-Bindungen" aus dem Jahr Winter 2017/2018:

Worauf muss ich als Einsteiger bei Skitouren-Schuhen achten? Kann ich die Größe von meinen normalen Schuhen übertragen?

Wie vorhin schon angedeutet, ist ein gut passender Skischuh notwendig, um mit Genuss auf Skitour zu gehen. Hier muss man wirklich probieren, welcher Schuh passt. Nicht nur die Größe ist entscheidend, sondern auch die Fußform. 

Zudem muss auch hier ein guter Kompromiss zwischen Leichtigkeit im Aufstieg und Stabilität bei der Abfahrt gefunden werden. Und Stabilität heißt letztlich immer auch Gewicht.

Als einsteigergeeignete Allround-Modelle könnte man hier den Scarpa Maestrale / Gea, den Tecnica Zero G oder den Scott Celeste / Cosmos nennen.

Bleiben die Felle: Was muss ich hier als Einsteiger wissen?

Hier kann man sich überlegen, ob man sich ein klassisches Klebefell oder ein Haftfell zulegt. Letzteres funktioniert, muss aber gepflegt werden, sonst fallen sie vom Ski. Wenn man sich entgegen der üblichen Praxis die Felle getrennt vom Ski zulegt, muss man zudem darauf achten, dass das Spann- bzw. Befestigungssystem des Fells zum Ski passt. Außerdem muss das Fell so geschnitten sein, dass nur die Kanten des Skis freiliegen, der Belag aber komplett vom Fell abgedeckt ist.

Letzte Frage Olaf: Wie man es dreht und wendet, es erfordert einiges an Geld und Energie, bis man seine erste eigene Tour gehen kann. Lohnt sich das denn wirklich? Kann man nicht einfach auf der Piste bleiben und hier Spaß haben? Oder, wenn man den konditionellen Aspekt dabei vermisst, zum Langlaufen gehen? Was macht für Dich die Faszination Skitourengehen aus?

Zum Finanziellen: Man darf nicht vergessen, wie teuer Alpin-Skifahren ist. Gehen wir rechnerisch mal von 50 Euro pro Skitag aus, dann sind 1.000 Euro für die Skitourenausrüstung nach 20 Touren-Tagen reingeholt. Ab da lohnt es sich finanziell, umgestiegen zu sein.

Ich finde die Kombination aus sportlicher Betätigung, Training und Abfahrtsspaß einfach schön. Dieses gleichmäßige bergauf gleiten bringt mich oft in eine Art meditativen, sehr entspannten Zustand. Dabei kann ich - im Gegensatz zum Biken - das Tempo immer so regulieren, dass ich in dem Anstregungssbereich bleibe, der gerade zu mir passt. 

Außerdem ist es eine Natursportart, man spürt die Elemente, den Wind, die Kälte, die Sonne unmittelbar und erlebt wenn man Glück hat und weiß, wann und wo man am besten unterwegs ist, Einsamkeit am Berg.

- Anzeige -