Höhe kann krank machen. Doch warum es in der Höhe zu Problemen kommt, wissen nur die wenigsten. ALPIN erklärt, was der geringere Sauerstoffpartialdruck bewirken kann.

Das Angebot im Internet ist groß. Geführte Touren auf unzählige Gipfel sind buchbar. Eine viertägige Monte-Rosa-Tour beginnt man, indem man mit der Bergbahn auf über 3800 Meter fährt. Für knapp 2000 Euro ist man dabei. Ohne eine gute Vorbereitung und den nötigen körperlichen Zustand kann ein solches Vorhaben jedoch schnell zum Alptraum werden.

- Anzeige -

Noch gefährlicher sind Vorhaben im Himalaja. Der Anmarsch ins Everest-Basislager auf fast 5400 Metern kann durch Flugzeug und Helikopter deutlich verkürzt werden.

 "Diese Art von Angeboten und ihre Durchführung, oft fern jeglicher Regeln des Aufstiegs, sind mit Sicherheit einer der Gründe für das Auftreten der Höhenkrankheit in der heutigen Zeit," erklärt Dr. Armin Berner, leitender Oberarzt der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin am Klinikum Garmisch-Partenkirchen.

Höhenmesser

Bis 5500 Meter funktioniert eine zeitweise Anpassung, darüber ist ein dauerhafter Aufenthalt nicht mehr möglich.

| © Rudolf
- Anzeige -

Prophylaxe mit Nebenwirkungen

"Dazu kommt bei diesen Vorhaben noch die teilweise haarsträubende empfohlene prophylaktische Medikation unseriöser Veranstalter", mahnt er die gängige Praxis an. Ein Beispiel: Einige Veranstalter empfehlen die Einnahme von ASS 500 (kurz für Acetylsalicylsäure 500 mg), um dadurch Symptome wie Kopfschmerzen zu unterbinden. "Das birgt zwei ganz offensichtliche Gefahren", führt Berner aus.

Die Einnahme von ASS-Tabletten bringt Gefahren mit sich.

| © Picture Alliance

"Zum einen wird dadurch ein möglicherweise wichtiges Alarmzeichen, nämlich das Auftreten der ersten Symptome der Höhenkrankheit, verschleiert, zum anderen hat ASS blutverdünnende Eigenschaften. Bei einem Sturz kann das zu anhaltend starken Blutungen führen und somit noch ganz andere Gefahren mit sich bringen. Eigentlich weiß doch jeder etwas bewanderte Bergsteiger, wie das mit dem Aufstieg sinnvollerweise zu handhaben ist", sagt Berner.

Doch Theorie und Praxis liegen gerade beim Auftreten der Höhenkrankheit oft weit auseinander. Das Erreichen des Zieles um jeden Preis steht leider immer mehr im Vordergrund.

Aufstiegsfaustregeln

  • not too high too fast

  • zu Fuß gehen verhindert schnellen Aufstieg

  • nicht zu schnell gehen (Pulskontrolle)

  • nicht zu viel tragen (Lasten)

  • Schlafhöhe unter maximaler Tageshöhe (go high – sleep down)

  • viel trinken

  • pro 1000 Meter 10 Prozent Leistungsabfall

  • ab 2000 Meter Meereshöhe kann es zu ersten Symptomen kommen.

Zwei-Tages-Phänomen

Die Höhenkrankheit kann in unterschiedlich starker Ausprägung auftreten. Eine in wenigen Stunden bis zu einem Tag beginnende, leichte Höhenerkrankung äußert sich in erster Linie durch Kopfschmerzen.

Ohne künstlichen Sauerstoff geht bei den meisten Achttausender-Bergsteigern nichts.

| © Picture Alliance

Hinzu kommen Schwäche, Schwindel, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Schlafstörungen. "Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sinken und das Unfallrisiko steigt", fasst Berner zusammen.

Bei den schwereren Formen muss dann zwischen dem sogenannten Höhenhirnödem, einer schweren Verlaufsform der akuten Höhenkrankheit, und dem Höhenlungenödem unterschieden werden. Sie treten häufig nicht am ersten Tag nach Beginn der Symptomatik auf, ernst wird es in der zweiten Nacht auf neuer Schlafhöhe.

Werden die schweren Formen nicht richtig erkannt und therapiert, verlaufen sie in bis zu 40 Prozent der Fälle tödlich.

In Gefahr: Lunge und Gehirn

Die physiologische Reaktion auf den Sauerstoffmangel ist die Erhöhung von Atem- und Herzfrequenz und gehört zum Akklimatisationsprozess. Sie kann mehrere Tage anhalten. Ein Rückgang des erhöhten Pulses ist Zeichen einer erfolgreichen Höhenanpassung, der sogenannten Höhentoleranz. Sie ist individuell sehr verschieden.

Steigt man weiter auf die nächste Höhenstufe, beginnt dieser Prozess von Neuem. Bis 5500 Meter funktioniert diese Anpassung, darüber ist ein dauerhafter Aufenthalt nicht möglich. Nicht nur die absolute Höhe, sondern auch die Art und Weise des Aufstieges entscheiden über die Anpassungsmöglichkeiten. Ungünstig ist immer, wenn man zu schnell zu hoch aufsteigt.

Höhenlungenödem können auch bei Touren in den Westalpen auftreten

| © Picture Alliance

Das Höhenlungenödem tritt zwischen einer Höhe von 2000 und 6000 Metern auf und wird durch einen rapiden Leistungsabfall bei zuvor unauffälligem Verlauf oder leichter Atemnot mit trockenem Husten auffällig.

Durch den geringen Sauerstoffpartialdruck in der Atmosphäre, also wenig Sauerstoff in der Umgebungsluft im Verhältnis zu Stickstoff, kommt es zum Druckanstieg im Lungenkreislauf (sogenannte hypoxisch pulmonale Vasokonstriktion, HPV) mit einem Flüssigkeitsaustritt aus dem Blutgefäßsystem und einer Flüssigkeitseinlagerung in der Lunge.

"Das erschwert die Atmung und behindert zusätzlich massiv den notwendigen Gasaustausch", beschreibt Berner die Auswirkungen. Dieser Reaktion steuert der Körper durch vermehrte Atmung entgegen, genannt Hyperventilation. Erschwert oder sogar unmöglich wird die HPV durch Alkohol oder schlaffördernde Medikamente.

"Durch diese Einflüsse kann das Gehirn nicht mehr adäquat auf die veränderten Bedingungen reagieren und die Folge ist eine eventuell lebensgefährliche Situation", warnt Berner.

Bei der Manifestation der akuten Höhenkrankheit am Gehirn fallen die Betroffenen anfangs meist durch Wesensveränderungen auf. Ein Leitsymptom vom Übergang einer eher harmlosen Höhenerkrankung zu der absolut lebensbedrohlichen Form des Höhenhirnödems ist die Gangunsicherheit, medizinisch Ataxie.

 Dazu kommen schwerste, medikamentenresistente Kopfschmerzen, Übelkeit mit Erbrechen, Lichtscheue, Fieber, Bewusstseinsstörungen bis zum Koma und letztendlich in knapp der Hälfte der Fälle der Tod. Ursache hierfür ist ebenfalls eine Flüssigkeitseinlagerung, dabei aber im Gehirn.

Während die akute Höhenerkrankung im gesamten Alpenraum vorkommen kann, kommt es zu einem Höhenlungenödem meist nur in den Westalpen, beim Trekking und beim Höhenbergsteigen. Das Höhenhirnödem ist im Alpenraum aufgrund der relativ geringen Höhe sehr selten.

Fakten

  • Das Einhalten einfacher Aufstiegs- und Verhaltensregeln würde einen Großteil der Höhenkrankheiten verhindern.

  • Alle Formen der Höhenkrankheit sind bedingt durch den geringeren Sauerstoffpartialdruck in der Höhe.

  • Schwere Formen sind das Höhenlungenödem und das Höhenhirnödem.

  • Die Höhenkrankheit beginnt meist mit Kopfschmerzen, Übelkeit oder Leistungsabfall.

  • Eine medikamentöse Prophylaxe kann die wichtigen Warnsymptome verschleiern und somit eine große Gefahr darstellen. Ausnahmen sind der Rettungseinsatz oder eine bekannte Veranlagung.

  • Wichtige Grundpfeiler der Therapie der Höhenkrankheit sind: Sauerstoffgabe, Höhe reduzieren und Druck erhöhen.

  • Die Symptome des Höhenlungenödems lassen sich häufig gut durch Verlassen der Höhe, Sauerstoffgabe und das Medikament Nifedipin behandeln.

  • Die Therapie des Höhenhirnödems ist schwieriger.

  • Präventives Höhentraining kann, sinnvoll eingesetzt, einen wichtigen Beitrag zum Erfolg eines Vorhabens leisten.

Therapie

Für die Therapie jeder Art von Höhenkrankheit gilt: Sauerstoffzufuhr erhöhen, Höhe reduzieren und Druck erhöhen. Ist einer dieser Parameter gegeben, erfolgt rasche Besserung.

 "Nach einem zehnminütigen Flug mit dem Helikopter ins Tal kann ein Patient mit schwersten Symptomen eines Höhenlungenödems schon bei der Ankunft wieder normal atmen", beschreibt Berner seine Erfahrung als Bergnotarzt bei vielen Rettungsaktionen in den Westalpen.

Kann bei leichten Formen der Höhenkrankheit helfen: Ibuprofen

| © Picture Alliance

"Gefährlich wird es aber, wenn man oben nicht weg kommt", führt er weiter aus. Nur auf einer einzigen Hütte im Alpenraum gibt es eine aufblasbare Druckkammer, die es ermöglicht, den Erkrankten einem höheren Druck auszusetzen.

Bei der leichten Form der Höhenkrankheit kann man auf Ibuprofen zurückgreifen. "Solange das gut hilft, ist es noch nicht dramatisch." Allerdings darf dann keinesfalls höher gestiegen werden. Das Medikament verschleiert in der Folge nämlich wichtige Warnsignale.

Die Therapie der gehirnbezogenen Form der Höhenkrankheit ist dagegen nicht so einfach. Allein das Verlassen der Höhe bringt nicht sofort eine merkliche Besserung. Eine medikamentöse Therapie wird unumgänglich. "Dazu setzen wir Cortison und Sauerstoff ein", erklärt Berner.

Vernunft ist die beste Prävention

Viele Fälle der Höhenkrankheit könnten durch das Einhalten der Grundregeln und mit ein paar kleinen Verhaltenstipps verhindert werden. Beginnen kann man mit der Geschwindigkeit des Aufstiegs, also "not too high too fast". Am besten zu ermöglichen ist das, indem man geht.

Ein zu rasanter Aufstieg, wie mit Helikopter oder Bergbahn, ist ungünstig. Die Vorbereitung der Physis vor einer großen Tour ist förderlich. Zum einen ist eine gute Durchschnittsausdauer Voraussetzung für eine erfolgreiche Bergtour in größeren Höhen.

Von besonderer Bedeutung: die Schlafhöhe.

| © Picture Alliance

Zum anderen kann so auch die eigene körperliche Verfassung schon im Vorfeld überprüft werden und dadurch der Tourplan sinnvoll abgestimmt werden. Jeder gut trainierte Ganzjahresbergsteiger kann hohe Berge besteigen. Sportliche Spitzenleistungen im Tal sind aber kein Garant für einen Erfolg in der Höhe. Aber natürlich ist es auch möglich, sich durch Trainingstouren auf höhere Gipfel vorzubereiten. "Höhentraining vor Touren ist ein Muss!", betont Berner.

Nicht zuletzt, um seinen Körper und dessen Reaktion auf Sauerstoffmangel kennenzulernen. Ist schon mal eine Art der Höhenkrankheit bei früheren Touren aufgetreten, besteht ein erhöhtes Risiko, wieder Probleme damit zu bekommen. Für die Übernachtung gilt die Faustregel: Schlafhöhe unter maximaler Tageshöhe.

Das bedeutet, dass man nicht auf dem höchsten Punkt des Tages sein Biwak aufstellen sollte, sondern unbedingt darunter. "Für die Entstehung der Höhenkrankheit ist nicht die Tages-, sondern die Schlafhöhe maßgeblich", fasst Berner zusammen. Go high, sleep down heißt es in Fachkreisen.

Problem Flüssigkeitszufuhr

Der Flüssigkeitsverlust ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für die Entstehung der Höhenerkrankung. Dadurch, dass Getränke beim Höhenbergsteigen selbst getragen werden müssen, ist die mitzunehmende Menge automatisch begrenzt. Allerdings ist gerade hier ein höherer Flüssigkeitsbedarf vorhanden.

"Die Luft ist kalt und vor allem trocken. Wir verlieren dabei durch die Ausatmung schon viel Flüssigkeit. Des Weiteren wird natürlich unter körperlicher Anstrengung viel Flüssigkeit durch Schwitzen abgegeben." Zusammengerechnet sind es wohl fünf bis zehn Liter, die man pro Tag an Flüssigkeit benötigt.

Unterschätzender Risikofaktor: Flüssigkeitsverlust

| © Picture Alliance

"Eine Menge, die man nicht zusätzlich tragen kann." In großen Höhen muss man ohnehin Schnee schmelzen, in geringeren Höhen steht ggf. Wasser zur Verfügung. Das sollte man allerdings wegen des Infektionsrisikos in den meisten Fällen abkochen.

Hoch schlafen im Training

Die 4000er der Alpen dienen perfekt dazu, um als Trainingstour für höhere Gebirge genutzt zu werden. Der Abstand zwischen Trainingsende und eigentlichem Anstieg sollte nicht größer als sieben Tage sein. Des Weiteren ist auch wieder die Schlafhöhe wichtig.

"Beim Training darf man, im Vergleich zur sonstigen Schlafhöhe zu Hause, ruhig höher liegen." So ermöglicht man dem Körper die Akklimatisation, also die langfristigere Anpassung an die Höhe.

Während bei Trekkingtouren aufgrund gruppendynamischer Prozesse und auch aufgrund schlechter Vorbereitung der Teilnehmer mehr Höhenprobleme auftreten als bei Individualbergsteigern, ist das Risiko, beim Höhenbergsteigen zu sterben, in den letzten dreißig Jahren massiv zurückgegangen. Bestimmte Anbieter, gerade bei Expeditionsreisen, sind sehr bedacht auf eine sinnvolle Tourengestaltung und eine gesunde Handhabung der zur Verfügung stehenden Hilfen und Mittel.

Doch ist die Gefahr gerade bei unerfahrenen Kleinexpeditionen nicht von der Hand zu weisen. Und der Trend "immer schneller, immer weiter" birgt darüber hinaus natürlich auch zusätzliche Risiken.

Text von Justus König

- Anzeige -

2 Kommentare

Kommentar schreiben
notyetadoc

@buran: Das ist eine individuelle Entscheidung. Grundsätzlich sollte die Schlafhöhe pro Tourentag im Schnitt max 300-500m erhöht werden. Dh. bspw. bei einer Tagesetappe von 3000m auf 3700m einen Ruhetag einlegen.
nähere Infos entweder bei Sport/Höhenmediziner deiner Wahl oder entsprechenden Fachgesellschaften (bexmed zum Beispiel).
In Laienforen werden teilweise abenteuerliche und gefährliche Informationen verbreitet (ich habe schon von Tipps gelesen prophylaktisch Aspirin einzunehmen, was einfach nur bescheuert ist)

buran

Wie lange ist der empfohlene Aufenthalt pro Höhe für eine erfolgreiche Akklimatisation? In welchen Schritten soll die Höhe angepasst werden?