Grate sind die Königsdisziplin beim Bergsteigen. Sie bilden logische Linien und sind toll anzusehen. Aber sie haben auch ihre Tücken.

Ein Grat ist für den Bergsteiger Fluch und Segen zugleich: Steinschlag und Gletscherspalten kommen kaum vor. Orientierungsprobleme sind selbst bei schlechter Sicht unwahrscheinlich. Warum aber Fluch? Weil Grate für Normalbergsteiger ver- FLUCHt schwer abzusichern sind. Es erfordert einiges an Erfahrung, sich elegant und zügig zu bewegen und gleichzeitig der Absturz- und Mitreißgefahr zu trotzen.

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Es gibt kein Patentrezept, aber mit etwas Köpfchen und Erfahrung und dem nötigen Geschick lässt sich zumindest der Totalabsturz der Seilschaft vermeiden. Wir nehmen an, dass wir uns im Absturzgelände bewegen, das heißt, dass ein Stolperer fatale Folgen hätte. Der Grat selber ist nicht schwer zu klettern (Stellen UIAA III). Wir gehen ferner davon aus, dass Personen sich unsicher fühlen und Sicherungsbedarf haben – jetzt kommt das Seil ins Spiel.

Doch Achtung: Wenn eine starke Bergsteigerin und ein schwacher Bergsteiger einfach so, weil es sich gut anfühlt, an zwei Enden eines Seiles hängen und vor sich hinsteigen, ist das eben keine Sicherheit, sondern eher ein „doppeltes Schadensausmaß bei erhöhter Eintretenswahrscheinlichkeit“: Das Seil ist selten straff, bei Sturz eines Seilschaftteils entsteht ein Fangstoß, die andere Person wird mitgerissen!

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Daher sollte der Gelegenheitsbergsteiger das lange, mitlaufende Seil ohne Fixpunkte nur am flachen bis mittelsteilen Gletscher (nach Verhältnissen) einsetzen, wo die Mitreißgefahr keine Rolle spielt. Es bleiben also zwei Möglichkeiten übrig: Entweder man sichert über Fixpunkte oder man geht seilfrei. Das geht aber nur, wenn sich alle Beteiligten sicher bewegen und keine objektiven Gefahren drohen.

Sichern über Fixpunkte

Keine Sorge, es wird nicht empfohlen, grundsätzlich am verblockten Grat von Stand zu Stand zu sichern. Dann bräuchte man für das Weisshorn eine Woche Urlaub und einen sehr guten Schlafsack … Schnelligkeit ist Sicherheit, Schnelligkeit ohne Hudeln – das ist Kunst. Routen an berühmten Graten weichen besonders im Urgestein immer wieder in die Wände aus, weil mal wieder ein unüberwindlicher zahnartiger „Gendarm“ kommt.

Grate richtig absichern

Ein Grat ist oftmals schwierig abzusichern. Gibt es Köpfel und Blöcke, kann man das Seil entsprechend laufen lassen und hat somit schon ein gutes Maß an Absicherung.

| © Birgit Gelder

Hier ist die Mitreißgefahr groß, hier muss einzeln geklettert und über verlässliche Fixpunkte gesichert werden. Dies kann auf vielbegangenen Routen der Bohrhaken sein, ein solides Mauerhakensortiment oder aber ein großer fester Block mit einer Schlinge oder dem Seil „eingefangen“, wo dann am schnellsten und einfachsten mit Halbmastwurf gesichert wird. Wenn der Grat wenig ansteigt und nicht allzu schwer zu klettern ist, kann der Absturz in die Flanken dadurch verhindert werden, dass zwischen den Seilpartnern immer 1 – 3 Zwischensicherungen eingehängt sind.

Dazu braucht man eine solide Schlosserei am Gurt: Expressschlingen, Friends und Keile sowie (Köpfel-)Schlingen für die Blöcke. Besonders im blockigen Urgestein reicht es mitunter aber auch, das Seil immer auf der richtigen Seite der Blöcke durchlaufen zu lassen, sprich: Vor der heiklen Stelle auf der Ostseite läuft das Seil westlich um einen Block. Geübte Geher „schlenzen“ das Seil einfach um die Blöcke, der oder die Hintere denkt mit und korrigiert hier und da den Seilverlauf.

Funktioniert auch zu dritt

Man lässt, je nach Gelände, 10 – 25 Meter Abstand zwischen den Seilpartnern, der Vordere hängt immer mal wieder etwas ein, der Hintere wartet, damit das Seil straff bleibt, denn: Eingespielt muss sie schon sein, die Seilschaft! Erst wenn der Vordere kein Material zum Absichern mehr hat, sichert er den Hinteren nach. Dieser kann dann gleich weitergehen, er hat ja das Material bei sich. So kommt man zügig voran. Wenn einer stürzt, ist es aufgrund der hohen Seilreibung im mäßig geneigten Gelände wenig wahrscheinlich, dass der andere aus dem Stand gezogen wird.

Dies funktioniert auch zu dritt: Nimmt man etwa 25 Meter Seil, kommt die mittlere Person nach ca. 12 Metern und muss die Zwischensicherungen dann jeweils umhängen. Der Grat wird steiler. Ist die Kletterstelle kurz und das Team eingespielt, kann der Vorsteigende statt Stand zu machen auch eine Rücklaufsperre einbauen (T-Bloc o.ä.). Stürzt er, kommt er ja ohnehin an der nächsten Zwischensicherung zum Hängen (falls er nicht auf ein Band schlägt – in alpinem Gelände wird nicht gestürzt!). Stürzt der Nachsteiger, verhindert die Rücklaufsperre, dass der Vorsteiger aus der Tour gezogen wird.

Grate richtig absichern

Köpfelschlingen sind am Grat eine beliebte Absicherungsmöglichkeit. Man sollte sich nur immer vergewissern, dass die Köpfel auch fest sind.

| © Birgit Gelder

Unabdingbare Voraussetzung ist eine verlässliche, in alle Richtungen belastbare Zwischensicherung, also ein Bohrhaken, eine Sanduhr oder ein perfekt sitzender Friend. Vorsicht vor gefrorenem Wasser, ob Wechte, Firn, glasierter Fels oder Eis: Gefrorenes Wasser ist immer schwerer einzuschätzen als Fels. Mit einer Absicherung ohne Fixpunkte sollte man unter solchen Umständen äußerst vorsichtig sein. Lieber auf Nummer sicher gehen und von Fixpunkt zu Fixpunkt sichern.

Die Mitreißgefahr ist z.B. im harten Firn schon in flachem Gelände von 20 Grad eminent! Daher gilt auch für das sogenannte kurze Seil: Mach eine solide Ausbildung oder überlass es den Profis: Nimm nicht den Partner an die Leine, nur um zu zeigen, wer der Chef ist! Selbst die Profis werden leider erschreckend oft von ihren Gästen mitgerissen.

Seillänge & Seilschaftsgröße

Den beschriebenen Situationen ist nur das Einfachseil oder eben der Doppelstrang (2 Halb- oder Zwillingsseile) gewachsen. Besonders problematisch sind Scherkräfte im scharfen Gestein. Wichtig ist die Länge: Die üblichen Sportkletterseile (50, 60, 70 m …) sind viel zu lang für den Grat! Das Seil muss am Standplatz jedes Mal eingezogen werden. Ein kürzeres Seil ist besser. Wenn nicht abgeseilt werden muss, reichen 30 Meter Seil für die Absicherung von Graten .

Am Gletscher ist eine größere Seilschaft (4 – 5 Personen) ein Sicherheits-Plus. Wenn jedoch über längere Abschnitte am Grat gesichert geklettert werden muss, sollte die autonome Seilschaft nicht mehr als 3 Personen umfassen, optimal ist hier immer noch die Zweier-Seilschaft. Kurze Kletterstellen kann man z.B. über Fixseile/ Seilklemmen etc. auch in größeren Gruppen bewältigen, das überlässt man aber besser einem Profi !

Text von Tobias Bach

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