Das Seil ist die Lebensader eines Alpinisten oder Kletterers. Das Angebot der Hersteller ist riesig. Aber Seil ist nicht gleich Seil. Im Bergsportbereich unterscheiden wir drei Seilkategorien: Zwillingsseile, Halbseile und Einfachseile. Wir sagen Ihnen, welches Seil wofür geeignet ist.

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Seile sind ein kleines Wunderwerk. Denn Elastizität und Flexibilität bei einer gleichzeitig sensationellen Festigkeit zu erlangen, ist kein einfaches Unterfangen. Die Anforderungen an ein Kletterseil sind immens.

Es muss eine hohe Reißfestigkeit bei Stürzen haben – und das in allen nur erdenklichen Situationen. Es muss den Fangstoß (die Kraft, die auf den Stürzenden einwirkt) möglichst gering halten, darf gleichzeitig aber nicht zu viel Dehnung haben.

Alle diese Kriterien sind in der Norm für Seile festgelegt. Der Fangstoß darf maximal 12 kN betragen, jedes Einfachseil muss mindestens fünf Normstürze (Sturzfaktor: 1,77 kN) aushalten und das Seil darf bei Belastung nicht mehr als 40 Prozent Dehnung haben.

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Neben diesen sicherheitsrelevanten Kriterien ist eine gute Handhabbarkeit wichtig. Ein Seil, das zu weich oder zu steif ist, bringt in der Praxis schnell Probleme mit sich. Zusätzlich darf der Verschleiß eines Seils nicht zu hoch sein und gleichzeitig soll das Ganze natürlich so leicht und so preiswert wie möglich sein.

Seilkategorien

Aber Seil ist nicht gleich Seil. Im Bergsportbereich unterscheiden wir drei Seilkategorien:

  • Zwillingsseile
  • Halbseile
  • und Einfachseile.

Zwillingsseile

Durchmesser: 7,5 – 8 mm

Normstürze: 15 – 20

Gewicht: ca. 38 – 40 g/m

Zwillingsseile sind zwei dünne Seile, die immer parallel benutzt werden. Im Einzelstrang sind sie die dünnsten Seile, da sie aber immer parallel benutzt werden, halten sie im Doppelstrang etwa 20 Normstürze.

Weitere Vorteile gegenüber Einfachseilen sind die volle Abseillänge, die zur Verfügung steht, sowie die höhere Redundanz bei Steinschlag oder Stürzen über scharfe Kanten.

Im Gegensatz zu Halbseilen dürfen an einem einzelnen Zwillingsseilstrang keine Nachsteiger gesichert werden. Einsatzzweck für Zwillingsseile sind alpine Unternehmungen und Mehrseillängenrouten in Zweierseilschaft. Die empfohlene Länge: 50 Meter.

Produkt-Beispiel

Beal Ice Twin

Durchmesser: 7,7 mm

Gewicht: 37 g/m

Preis: 124,95 Euro (50 m), 149,95 (60 m)

Halbseile

Sturzfaktor: Was ist das? Klicken Sie für eine Großansicht!

Durchmesser: 8 – 9 mm

Normstürze: 6 – 10

Gewicht: ca. 40 – 42 g/m

Halbseile haben gegenüber Zwillingsseilen den Vorteil, dass bei einer Dreierseilschaft an jedem Strang ein Kletterer nachsteigen kann. Außerdem kann man bei Halbseilen den einen und den anderen Strang in unterschiedliche Zwischensicherungen einhängen, um die Seilreibung zu reduzieren (Halbseiltechnik).

Da Halbseile nur unwesentlich schwerer und teurer sind als Zwillingsseile, werden in den Alpen Halbseile zunehmend häufiger verwendet als Zwillingsseile.

Vorteile von Halbseilen gegenüber Einfachseilen sind natürlich auch hier die volle Abseillänge und die noch höhere Redundanz bei Steinschlag und Stürzen über scharfe Kanten.

Bei Halbseilen kann man auch einen einzelnen Strang z.B. als Gletscherseil hernehmen und für Hochtouren, wo ein freier Sturz oder eine Belastung über eine Kante nicht vorkommen kann. Einsatzzweck von Halbseilen sind alpine Unternehmungen, heikle Eisklettereien und Mehrseillängentouren in Dreierseilschaft. Wir empfehlen Ihnen hier zu einer Länge von 60 Meter.

Produkt-Beispiel

Mammut Genesis

Durchmesser: 8,5 mm

Gewicht: 48 g/m

Preis: 160 Euro (50 m), 180 Euro (60 m)

Einfachseile

Durchmesser: 9 – 11 mm

Normstürze: 5 – 12

Gewicht: 52 – 75 g/m

Einfachseile kann man nicht mehr über einen Kamm scheren. Zu unterschiedlich sind inzwischen die Charaktere und Einsatzbereiche. Gemeinsam haben sie lediglich, dass sie im Einzelstrang benutzt werden.

Es gibt ultraleichte und dünne Seile zum extremen Sportklettern, die aber dem Normalanwender nicht zu empfehlen sind. Interessant für den Kletter- Normalo wird es etwa bei 9,4 – 9,7 mm Durchmesser.

Da Seilrisse in den letzten Jahren wieder vermehrt auftreten (ausschließlich bei Stürzen über scharfe Kanten), sollte man darauf achten, im alpinen Gelände beim Einsatz eines Einfachseils ein dickeres Seil zu verwenden (10 mm und mehr). Auch in Klettergebieten mit auffällig scharfen Strukturen macht das Sinn.

Für Leute, die sich ausschließlich an Kunstwänden bewegen, bieten die Hersteller inzwischen spezielle Seile an. Der Mantelanteil ist hier höher, das Gewicht spielt nicht die vordergründige Rolle. Dafür halten die Seile länger und sind besonders auf den Einsatz im topropen ausgelegt.

Für den universellen Einsatz sind Seile mit ca. 10 mm Durchmesser gut geeignet. Einfachseile werden überall da eingesetzt, wo kurze Routen geklettert werden und einfache Handhabung wichtiger ist als das Gewicht. Die gängige Seillänge rangiert zwischen 50 Meter (Halle) und 80 Meter (Sportklettern). Normal sind Längen von 60 bis 70 Meter.

Produkt-Beispiele

Einfachseil dünn

Beal Joker

Durchmesser: 9,1 mm

Gewicht: 53 g/m

Preis: 136,96 Euro (50 m) 164,95 Euro (60 m)

Einfachseil dick Millet Diamax Triaxiale

Durchmesser: 10,2 mm

Gewicht: 66 g/m

Preis: 169,90 Euro (60 m)

Einfachseil HalleEdelrid Tower BS TS

Durchmesser: 10,5 mm

Gewicht: 69 g/m

Preis: 99,95 Euro (30 m) 130 Euro (40 m)

Besonderheiten

Es gibt Seile, die mehrere Normen erfüllen. Das Beal Joker beispielsweise erfüllt die Norm für alle drei Seilgruppen. Das klingt auf den ersten Blick wenig spektakulär, ist aber gar nicht so einfach. Das Seil darf im Doppelstrang als Zwillingsseil keinen zu hohen Fangstoß haben, im Einfachstrang getestet aber keine zu hohe Dehnung.

Für die Praxis ist diese Dreifachkennzeichnung allerdings wenig relevant. Edelrid bietet mit dem Apus ein Seil an, das Zwillings- und Halbseilnorm erfüllt. Ganz sinnvoll, denn mit dem dünnen (und leichten!) Seil hat, kann an jedem Seilstrang eine Person nachsteigen.

Öko-Aspekt

Ein Kriterium bei Seilen ist heutzutage das thema Nachhaltigkeit. Da Seile bis auf das Coating (die Imprägnierung) in aller Regel aus ein- und demselben Material hergestellt werden, bietet sich ein Recycling geradezu an, wie beispielsweise Millet durchführt.

Wer ein altes Seil abgibt (egal welcher Marke), bekommt beim Kauf eines neuen Millet- Seiles Nachlass. Edelrid fertigt alle Seile nach den strengen Bluesign-Standards. Mammut produziert die Seile unter klimaneutralen Kriterien und Beal verspricht, dass für jedes gekaufte Seil ein Baum gepflanzt wird.

Text von Olaf Perwitzschky

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