"Gletscherbegehung möglichst als Dreierseilschaft“, lesen Hans und Michi im Lehrbuch. O Panne! Sie wollten doch im Sommer zu zweit auf den Liskamm, ihren bisher schwersten Viertausender. Der Normalweg führt unten über einen spaltigen Gletscher, oben sind Wechten und Steilfirn angesagt. Müssen sie sich wegen des Gletschers nach einem dritten Partner umsehen? Oder können sie es verantworten, den Gletscher nur zu zweit zu begehen?

Generell gilt natürlich das Prinzip, dass im Gebirge alles erlaubt ist – man muss nur die Konsequenzen tragen. Und um die abzuwägen, stellt sich die Frage: Welche Gefahr ist die größte für mich? Dementsprechend müssen die Sicherungsmaßnahmen gewählt werden – nach dem "Risiko-Dreischritt": Gefahren erkennen – einschätzen – entscheiden.

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Ein Blick in Karte und Führer zeigt die Problemzonen im Gelände: beim Liskamm zum Beispiel einen spaltigen Gletscher von der Monte-Rosa- Hütte bis zum Lisjoch (Spaltensturzgefahr), dann einen Firnaufschwung und -grat (mäßige Absturzgefahr), einen Wechtengrat (Absturzgefahr durch Wechtenbruch) und zuletzt eine 45 Grad steile, ausgesetzte Firnflanke (Absturzgefahr). 

Wo Absturzgefahr herrscht, egal ob in Firn-, Eisflanken oder im Fels, muss seillängenweise gesichert werden – es sei denn, man hat das Gelände seilfrei im Griff. Hier bietet die Zweierseilschaft deutliche Vorteile: Man kann überschlagend gehen, sich also im Vorstieg abwechseln; zum Handling am Stand hat man mehr Platz; und man kann die volle Seillänge nutzen, weil kein Dritter eingebunden werden muss.

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Hier bietet die Zweierseilschaft deutliche Vorteile: Man kann überschlagend gehen, sich also im Vorstieg abwechseln; zum Handling am Stand hat man mehr Platz; und man kann die volle Seillänge nutzen, weil kein Dritter eingebunden werden muss.

So baut man einen 16er-Knoten: Man beginnt wie beim Achter.

Das alles spart auch wertvolle Zeit auf langen Touren. Ziele, bei denen absturzgefährdete Steilzonen überwiegen, sollte man also bevorzugt im Zweierteam angehen. Denn mit drei oder mehr Personen ordentlich zu sichern, ist eine sehr komplexe Aufgabe. Was aber tut man dann auf dem Gletscher? Hier werden nicht umsonst Seilschaftsgrößen von drei bis fünf Personen empfohlen.

Begehung von Gletschern

Mit mehr Leuten am Seil tut sich die Gruppe deutlich leichter, einen Spaltensturz des Ersten zu halten – und ihn gemeinsam wieder heraus zu bugsieren. Erst wenn ein Gletscher so steil und wild wird, dass die Absturzgefahr ernster zu bewerten ist als die eines Spaltensturzes, ist man mit dem größeren Team ungünstig dran.

Die Seilsschlaufe wird aber zweimal mehr um das Hauptseil gelegt, bevor es duch das Auge geführt wird.

Für "handelsübliche" Gletscher aber ist man als Zweiergruppe normalerweise besser beraten, sich Verstärkung zu suchen. Wenn man aber niemanden findet? Oder wenn, wie bei Hans und Michi am Liskamm, nach dem Gletscher noch längere absturzgefährliche Bereiche kommen? Dann ist es unter Umständen leichter, die Nachteile des Zweierteams am Gletscher auszugleichen, als mit großer Gruppe zu sichern.

Die erste Maßnahme sind Bremsknoten im Seil. Für eine Gletscher-Zweierseilschaft wird das Seil gedrittelt, damit jeder viel Seilreserve zur Spaltenbergung hat, dann werden zwischen den Partnern im Abstand von etwa zwei Metern Knoten ins Seil geknüpft. Große, dicke Knollen, die sich beim Spaltensturz in den Schnee einschneiden und den Sturz bremsen oder gar blockieren. Der "16er"- oder "32er"-Knoten funktioniert wie der bekannte Achterknoten; nur wird die Seilschlaufe ein paarmal mehr verdreht, bevor sie zum Knoten gesteckt wird.

Danach muss der Knoten noch etwas zusammengezogen werden.

Dadurch verkürzt sich der Abstand zwischen den Seilpartnern von etwa 16 Metern (einem Drittel des 50- Meter-Seils) auf 11 – 13 Meter. Das sollte ausreichen, um auch alleine den Sturz des Partners zu halten. Hat man ein Doppelseil dabei, kann man auf besonders fiesen Gletschern auch tricksen: Ein Partner bindet sich am Ende eines Seilstrangs ein, dann werden 20 oder mehr Meter Seil mit Bremsknoten versehen, bis der Abstand groß genug erscheint.

Ein Seilpartner nimmt dann den verbleibenden Seilrest von etwa 30 Meter, der andere hat den zweiten Strang im Rucksack; so haben beide reichlich Seil für die Spaltenbergung zur Verfügung. Besonders heikle Stellen können natürlich auch klassisch gesichert werden. 

Apropos Seil: Ein Einzelstrang eines Doppelseils reicht für Gletscherbegehungen aus; in felsigem Gelände muss er doppelt genommen werden. Man hat also nur die halbe Seillänge zur Verfügung, es sei denn, man nimmt auch den zweiten Strang mit. Damit kann man dann auch über die volle Länge abseilen, was mit einem Einfachseil nicht möglich ist. Wer gerne mit Zwillingsseil geht, sollte es am Gletscher lieber auch im Doppelstrang verwenden.

Bremsknoten helfen am Gletscher zum Halten eines Spaltensturzes – aber sie wirken in beide Richtungen bremsend: Den Partner mit Flaschenzug rauszuziehen, kann man komplett abschreiben. Meist versprechende Methode zur Spaltenbergung ist die Lose Rolle, die mit dem knotenfreien Seilrest gebaut wird. Wenn sie sauber aufgebaut ist und man am Spaltenrand einen Pickel oder Rucksack unterlegt, damit sich das Seil nicht in den Schnee frisst, hat zumindest eine kräftige Person ordentliche Chancen, den Partner zu befreien.

Der kann helfen, indem er am fixierten Strang der Losen Rolle mitzieht, vielleicht mit einer Prusikschlinge als Haltehilfe. Bei der Selbstbergemethode mit Prusik und Selbstflaschenzug ist irgendwann ein Bremsknoten im Weg. Der kann mit einem Trick überwunden werden:

Selbstflaschenzug bis zum Bremsknoten, oberen Prusik nach oberhalb des Knotens versetzen, Trittschlinge einklinken und darin aufstehen, den nun entlasteten Knoten öffnen und das frei werdende Seil durch die Rücklaufsperre am Hüftgurt ziehen.

Sofern der Knoten nicht vereist ist und sich öffnen lässt, kann das funktionieren – aber man merkt schon: Wer zu zweit ernste Gletscher begehen will, muss die Techniken souverän draufhaben. Vor allem einen Fixpunkt zu bauen, etwa einen Toten Mann, während das Gewicht des in der Spalte hängenden Partners am Körper zieht, fordert Können, Kraft und Coolness.

Text von Andreas Dick

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4 Kommentare

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hans.simeaner

Kleine Anmerkung zur Formulierung: Auch ein Zwillingsseil ist ein Doppelseil. Sie meinten vermutlich, dass Halbseile doppelt genommen werden müssen.

Luc

Schweizer Flaschenzug, siehe Bergsport Sommer, SAC-Verlag, wär auch noch möglich. Vorher einstudieren, ist unabdingbar.

Tornado

Ja, stimme Glacier voll zu. Haben das selbst ausprobiert aber mussten schmerzlich feststellen, dass das klassische 50m Einfachseil zu kurz für die lose Rolle beim Dritteln ist (kann man sich ja im Nachhinein auch einfach ausrechnen). Daher Seilrest komplett beim hinteren Partner, dass wenigstens einer mit der losen Rolle bergen könnte und Selbstrettung als Mittel der Wahl.

glacier

eine lose Rolle in einer Zweier-Seilschaft ist aus meiner Sicht nur in den seltensten Fällen möglich. Viel eher setzt man hier auf die Selbstrettung mit Prusik bzw. Aufstiegsklemme