Zur tödlichen Gefahr werden Gletscherspalten nur, wenn man nicht angeseilt ist. Wer mit Seil einbricht und von den Gefährten gehalten werden kann, dem kann kaum noch viel passieren – vorausgesetzt zumindest einer kennt die Methoden der Spaltenbergung.

Was, wenn der Schritt zu kurz ist?
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Eine Seilschaft, die am Gletscher aufmerksam ohne zu viel Seildurchhang geht, sollte einen Spaltensturz immer halten können. Durch den Sturzzug wird man normalerweise zu Boden gerissen. Wie beim Bremsen im Firn sollte man versuchen, die Füße in Richtung Spalte zu bekommen und den Sturz vor der Spalte zu bremsen; je nach Steilheit, Schneehärte und Seilschaftsgröße geht das leichter oder schwerer.

Anton, Bert und Charlie

Für die weiteren Erklärungen ist es sinnvoll, die Seilschaftsmitglieder durchzunummerieren: Nennen wir den Gestürzten A(nton), den Nächsten im Seil B(ert) und den Dritten C(harlie). Bei größeren Teams übernimmt der Beste die Rolle von Charlie als Retter, die anderen machen sich nützlich als Hintersicherer der Fixierung oder als Zughelfer.

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Außer den Rettern brauchen wir noch ein wenig Handwerkszeug. Für den "Rettungsprusik" braucht man eine körperlange (ca. 4 m) Reepschnur (5 – 7 mm); sie wird per Prusikknoten ums Seil geknüpft, in kurzem Abstand per Sackstich abgebunden und ins Ende kommt wieder ein Sackstich. In den kurzen Abbund wird ein Karabiner eingehängt, der für verschiedene Tricks dient; in der Restschlinge kann man sich beispielsweise selbst sichern, wobei die Länge durch den Sackstich angepasst werden kann.

Weitere nützliche Bauteile sind der T-Anker und der Gardaknoten, der aber auch durch moderne Klemmgeräte (Magic Plate, Ropeman) ersetzt werden kann.

Ist der Sturz gehalten, hält Charlie das Gewicht des Gestürzten und Bert baut einen Fixpunkt – entweder mit einer Eisschraube oder einem T-Anker. Um dabei mehr Bewegungsfreiheit zu haben, sichert er sich im Seil, das zur Spalte geht, mit Rettungsprusik, den er in seinem Anseilpunkt mit Safelock-Karabiner einhängt; den Seilknoten kann er dann aushängen. Ist der Fixpunkt gebaut, wird der Abbund des Rettungsprusik mit Schraubkarabiner eingehängt; dann wird vorsichtig in Teamwork die Last des Gestürzten auf diese Verankerung übertragen. Hält sie, wird dann als Rückversicherung und Basis für die Rettung der freie Anseilknoten im Fixpunkt eingehängt.

Mit dem Bau des Fixpunkts und der Fixierung des Gestürzten hat Bert seine Schuldigkeit getan; er kann nun noch den Fixpunkt hintersichern, indem er sich, im Rettungsprusik eingehängt, dahinter setzt.

Die weiteren Aufgaben der Rettung übernimmt nun Charlie. Er sichert sich mit Rettungsprusik in dem Seil, das vom Fixpunkt kommt, und öffnet sämtliche Seilknoten und die Puppe im freien Seilende. An diesem Seil gesichert, geht er vorsichtig zum Spaltenrand; seine Selbstsicherung muss dabei so eingestellt (abgeknotet) sein, dass sie auf Zug ist, wenn er am Spaltenrand steht.

Von hier aus sollte er Ruf- oder gar Sichtkontakt zum Gestürzten bekommen, um dessen Zustand und Aktionsfähigkeit einzuschätzen. Je nach Situation gibt es nun mehrere Möglichkeiten der Rettung.

Eine Art Primitiv-Flaschenzug

Ist der Gestürzte nicht sehr tief eingebrochen, die Spaltenwand nicht zu steil und das Seil wenig im Schnee eingeschnitten, kann man ihn unter Umständen per Mannschaftszug herausholen, wenn die Seilschaft groß und stark genug ist.

Dabei ziehen alle Seilschaftsmitglieder wie beim Tauziehen am Seil, eventuell mit Prusikschlingen oder Klemmgerät als Greifhilfe; der Gestürzte muss sich nur an der Spaltenwand abstützen, um nicht erdrückt zu werden. Charlie gibt dabei vom Spaltenrand Kommandos wie Ho-Ruck und kontrolliert die Zuggeschwindigkeit.

Die lose Rolle ist die einfachste Methode für kleine Seilschaften, um ein Mitglied aus der Spalte zu bekommen.

Leider geht’s nur selten so leicht; das Standardmanöver der Spaltenrettung ist die "Lose Rolle" , eine Art Primitiv-Flaschenzug.

Dazu hängt Charlie einen Verschlusskarabiner, falls vorhanden auch eine Seilrolle, in das Restseil ein und lässt dieses so in die Spalte hinunter, dass sich eine große Schlaufe bildet, deren eines Ende am Fixpunkt befestigt ist, das andere hält er in der Hand.

Der Gestürzte (Anton) hängt nun den Verschlusskarabiner in seinem Anseilpunkt ein, Charlie sichert das freie Ende mit einer mittellangen Prusikschlinge, die er im Abbund des Rettungsprusik einhängt (Rücklaufsperre). Unter die beiden Stränge der Losen Rolle legt er am Spaltenrand einen Pickel oder Rucksack (sichern!), damit sie sich nicht in den Schnee einschneiden können.

Nun ziehen alle, die können, am freien Ende, nach jedem Hub wird die Rücklaufsperre nachgeschoben, der Gestürzte muss sich wieder nur vom Spaltenrand wegdrücken und aufpassen, dass er nicht durch den Schnee gezerrt wird.

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