Gemeinsam unterwegs: Skitouren in der Gruppe machen Spaß. Doch sie bergen auch Risiken. Leicht lenken Erwartungshaltung und Gruppendruck die Entscheidungsfindung am Berg. Es gibt nicht wenige soziale Fallen, in die wir tappen können.

Bisher hat sich noch niemand die Mühe gemacht zu zählen, wie viele Skihochtourengeher an einem angenommenen Tourentag X auf einem Gletscher Y mit sichtbaren Spalten das Anseilen im Aufstieg für nötig hielten, um dann angesichts leuchtender Powderhänge ganz brillante Argumente zu finden, warum es in der Abfahrt eben doch seilfrei ginge.

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Umgekehrt verhalten wir uns bei düsterem Wetter gleich erheblich defensiver, obwohl die Gefahrenlage doch eigentlich die gleiche ist. Die Beispiele zeigen, wie sehr unser Entscheidungsverhalten von psychischen Prozessen beeinflusst wird.

Je größer die Gruppe, desto schwieriger die Kommunikation. Und: Ist der, der vorangeht, wirklich der Kompetenteste?

Wie diese sich wechselseitig beeinflussen, gehört zu den kompliziertesten Fragen der Psychologie. Nun baut ja keiner ein Organigramm seiner Psychoprozesse. Es gibt aber gut beschriebene "psychosoziale Fallen", die fehlerhafte Entscheidungen einleiten können. Damit Sie nicht hineintreten, trägt ALPIN diese Fallen praxisnah zusammen.

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Ballistisches Verhalten

So hat es Werner Munter genannt, der Schweizer Lawinenforscher, welcher als erster strukturiert den "Faktor Mensch" in die breite Diskussion gebracht hat.

Die Psychologen sagen "Entrapment", das heißt "in der Falle sein".

Eine Gewehrkugel, einmal abgeschossen, kann ihren Weg nicht mehr verändern. Genau so benehmen sich viele Skitourengruppen.

Wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant, verstrickt man sich immer mehr in eine Kette von Fehlern, weil man sich in der Gruppe darin bestärkt, doch das Richtige zu tun.

Eine strukturierte Tourenplanung am Vortag.

Man hat schließlich schon so viel investiert, an Aufstiegsleistung, an Logistik … und es ist doch nicht mehr weit. Wer will schon 800 Höhenmeter wieder aufsteigen, weil der letzte Hang ein bisschen steiler, ein bisschen eingewehter ist als gedacht? An dieser Stelle wird mancher Lawinenunfall erklärbar. Wie kommt es dazu? Ist man einmal im "Wir-ziehen- es-durch"-Modus, beginnt die selektive Informationsaufnahme.

Ja, der Hang ist steil, aber da ist so ein angedeuteter Rücken. Ja, es hat Triebschnee, aber hier ist es relativ windgeschützt. Die Frage ist: Wie schützt man sich vor diesem Gruppeneffekt?

Tourenplanung

Es gibt (nicht nur bei Munter) diverse Vorschläge für eine strukturierte Tourenplanung auf Skitour.

Ein (sozialer) Nebeneffekt des gemeinsamen, virtuellen Durchgehens der Tour am Vorabend mit Karte, Lawinenlagebericht und einem Glaserl Wein ist der Umstand, dass man in entspannter Atmosphäre Diskussionen vorwegnehmen oder vorbereiten kann, die an Ort und Stelle im Gelände durch oben genannte Wahrnehmungs- und Motivationsprobleme blockiert sind: "Wir hatten doch gestern gesagt, über 35 Grad fahren wir nicht?"

Eindrucksmanagement

Zum Problem "Entrapment" gehört das "Eindrucksmanagement", soll heißen: Wir glauben, unser Gesicht wahren zu müssen, das Eingeständnis eines Fehlers sei eine Schwäche!

Dabei ist es genau umgekehrt, und wieder hilft die Tourenplanung: An bestimmten Checkpunkten werden die Verhältnisse vor Ort gecheckt und im Rahmen der gleitenden oder rollenden Planung entschieden, ob und wie es weitergeht. Wenn ich sage "heute gehen wir auf den Zischgeles" stelle ich eine Tatsachenbehauptung auf und baue mir selbst eine Falle - da gibt es kein Zurück!

Deshalb sagen erfahrene Bergführer immer "unser Ziel ist heute …". Ob wir es erreichen, bestimmen die Natur und unsere Puste.

Kompetente Führung

"Wir gehen heute …" klingt zwar nach Führung. Aber gerade an Führungsqualitäten mangelt es oft oder es gibt zu viel davon oder die falschen.

Mit der Führung ist es so eine Sache, besonders in formal ungeführten Gruppen von Freizeit-Skitourengehern. Diese wurden in der Studie "Risikomanagement von Skibergsteigern" beobachtet und dann befragt. Einige typische Beispiele:

  • Alte (Ehe-)Paare: Er geht die ganze Zeit vor und trifft alle Entscheidungen. Bei der (Einzel-) Befragung wird aber offensichtlich: Sie kennt den Lawinenlagebericht besser, kann besser mit der Karte umgehen … "Führung aus Gewohnheit" könnte man das nennen. Ob das im Alltag funktioniert, sei dahingestellt, auf Skitour sollte die Rollenverteilung überdacht werden.
  • Betriebsausflug: Der Franz hat die Tour ausgesucht, weil er sie kennt (vom Sommer), er hat die Hütte reserviert, die Notfallausrüstung (Schaufel, Sonde, LVS) besorgt. Fast selbstverständlich, dass er auch die Entscheidungen in Sachen Lawinen trifft, oder? Aber ist er auch kompetent dafür oder gibt es jemanden in der Gruppe, der viel mehr davon versteht, aber vielleicht nicht so eine "Rampensau" ist?
  • Frauengruppe, Tagestour: Endlich mal ohne die gescheitmeiernden Kerle unterwegs! Es wäre fast peinlich, streberhaft, Führung zu übernehmen oder einzufordern. Dann könnte man ja gleich mit Männern gehen.

Oft ergeben sich Führung und Tourenplanung bei einsamen unverspurten Touren von selbst, wo allein die Orientierungsfrage nach "Führung" schreit. Gruppen wie die drei beschriebenen sind zwar gerne "im Bereich der Spuren" auf beliebten und bekannten Touren unterwegs.

Doch gerade in der Abfahrt ist es reizvoll, auch mal raus aus den Spuren zu fahren, und dann wird es in dieser Konstellation (ohne Führung) gefährlich!

Risikoschübe

Die Sozialforschung hat gezeigt, dass Gruppen besonders bei Risikoentscheidungen dazu neigen, von einem Mittelwert zu einem Extrem zu driften.

Jeder sollte die Chance haben, sich ein Urteil zu bilden, am Checkpunkt wird sich ausgetauscht.

Dies kann sowohl ein Sicherheitsschub sein, d. h. die Gruppenmitglieder bestärken sich gegenseitig in sicherheitsbetontem Verhalten, als eben auch ein Risikoschub - riskante Entscheidungen (des Individuums) verstärken sich in der Gruppe, ihre tatsächliche Umsetzung wird wahrscheinlicher.

Sicherheitsschieber kommen selten hinauf, Risikoschieber mitunter nicht hinunter - was hilft gegen diese Phänomene einer "Gruppenkrankheit"?

Teamtraining am Checkpunkt

Die aufsteigende Gruppe kommt aus dem Wald, der verabredete Checkpunkt ist erstmals zu sehen. Es ist wenig hilfreich, wenn gleich einer ruft, "ah, da ist ja der Triebschneehang, da gehen wir am besten links durch".

Jeder sollte die Chance haben, sich ein Urteil zu bilden, am Checkpunkt wird sich ausgetauscht - so nehmen alle am Entscheidungsprozess teil, es werden mehr Beobachtungen berücksichtigt.

Die Wahrscheinlichkeit, zu einer wirklich fundierten Entscheidung zu kommen, steigt. Bei Gruppen von sehr Erfahrenen besteht die Gefahr, dass jeder sich auf den anderen verlässt.

Bei Gruppen mit einem Erfahrenen besteht die Gefahr, dass niemand dessen Beurteilung der Verhältnisse hinterfragt. Beiden Problemen kann durch Kommunikation begegnet werden. Gruppen ohne Erfahrenen schließlich … den Satz können Sie selbst zu Ende führen.

Wenn Sicherheitsabstände vereinbart sind, müssen diese konsequent eingehalten werden – auch wenn jemand seinen Ski sucht!

Klare Kommunikation

Vom Denken über das Sprechen zum Handeln ist es bekanntlich weit. Nehmen wir den Lawinenhang: Die Gruppe hat im Aufstieg eine Gefahrenstelle identifiziert.

"Haltet Abstände", ruft einer. Das reicht aber leider nicht, denn es gibt unterschiedliche Arten von "Abständen".

Definierte Abstände müssen eingehalten werden (also nicht gleich wieder auflaufen) und die Maßnahme muss mit aller Konsequenz durchgeführt werden:

Es kann nicht sein, dass die Gruppe beschließt, dass ein Hang einzeln zu befahren sei, und dann, wenn einer stürzt und den Ski verliert, die anderen beim Suchen helfen.

Dann wird nicht mal der Abstand zur Entlastung der Schneedecke (Entlastungsabstand 5 Meter, in der Spitzkehre 10 Meter) eingehalten.

Also: "Haltet bitte einen Sicherheitsabstand ein, wir fahren einzeln, der nächste fährt auf mein Stockzeichen erst los, wenn ich unten an dem Bachlauf bin!"

Einem Nicht-Bergführer als "Erfahrensten unter Gleichen" mag eine solche Ansage vielleicht schwer über die Lippen gehen, aber sie kann im Zweifelsfall Leben retten.

Wer fährt als Erster, wer sorgt dafür, dass die Abstände eingehalten werden? In Ski-Gruppen können Dynamiken entstehen, die unter gewissen Umständen kaum mehr zu lenken sind. Darauf muss man achten.

Strategien für die richtige Entscheidung :

  • Rat einholen! Wenn Experten wie Hüttenwirt und Bergführer zur Verfügung stehen, ist es sehr klug, diese nach den Verhältnissen zu fragen! Wer andere Skitourengeher befragt, muss sich klarmachen, dass deren Beschreibungen emotional gefärbt sein können: Eine durchschnittliche Skitour bei Gefahrenstufe 2 kann man wie ein Nahtod-Erlebnis oder wie einen Spaziergang beschreiben.
  • Tourenplanung: Zu jedem Zeitpunkt alle einbeziehen, keine einsame Hinterzimmerplanung von "Experten"!
  • Checkpunkte: Schlüsselstellen definieren, um sich dort zu strukturierten Entscheidungen zu zwingen!
  • Keine Versprechungen! Denn der vermeintlich fest versprochene Gipfel bedeutet vor allem eine Entscheidungs-Sackgasse!
  • Klare Aufgabenteilung in der Gruppe besprechen: Wer hat am meisten Erfahrung und kann Führungsaufgaben übernehmen?
  • Offen bleiben für die Bedürfnisse anderer. Was passiert, wenn wir wegen des Mitglieds der Gruppe nicht auf den Gipfel kommen?
  • Notfallmanagement durchsprechen: Was ist im Fall des Falles zu tun?
  • Klare Kommunikation z. B. über Abstände im Lawinenhang: Warum, wie viele Meter, bis wohin?
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