In den Bergen Wanderstöcke zu benutzen, ist definitiv sinnvoll. Aber Vorsicht: Der Dauereinsatz der modernen Gehhilfen hat auch Nachteile.

Gehen im Schnee: der bergseitige Stock unter dem Griff gefasst, der talseitige als Stütze verwendet.
- Anzeige -

Stöckelnde Wanderer gehören heute so selbstverständlich zum alpinen Erscheinungsbild wie Gipfelkreuz und Jausenstation. Das war nicht immer so.

Vor nicht allzu langer Zeit rümpfte das Gros der Bergaspiranten beim Anblick der klappernden Gehhilfen noch verächtlich die Nase. Inzwischen weiß die bergsteigende Zunft, dass Stöcke eine Reihe von passablen Vorteilen bieten. Allen voran steht die deutliche Entlastung der Gelenke und der Wirbelsäule.

Die Berechnungen des TÜV Süd bestätigen dies eindrucksvoll: Mit Stockeinsatz müssen die Knie bei dreistündiger Belastung rund eine Tonne (!) weniger Gewicht abfedern als ohne mobile Helfer.

- Anzeige -

Doch es gibt auch andere Stimmen: Kritiker argumentieren dagegen, dass der Einsatz von Stöcken die meisten Nutzer zu wesentlich größeren Schritten verleitet. Die Folge: Es kommt zu einer erhöhten Belastung der Kniegelenke, die der Stockeinsatz nicht wieder aufwiegt.

Deshalb ist der „richtige Umgang“ mit den Stöcken äußerst wichtig: Dazu zählen Einstellungs-Features genauso wie die „Geh-Technik“, die gelernt sein will.

Die Stocklänge

ist grundsätzlich so einzustellen, dass der Ellbogen immer einen rechten Winkel (90 Grad) bildet. Daraus folgt: Bergauf wird die Stocklänge je nach Steilheit des Terrains verkürzt, bergab entsprechend verlängert.

Die Grifftechnik

Falsche Nutzung: den Griff ganz umfassen und nicht "stochern"!

Ein Detail, das oft sträflich vernachlässigt wird und doch viel zur Entlastung der Gelenke beiträgt: Man fasst die Griffe immer von unten durch die Schlaufen. Die Hand umgreift Griff und Schlaufenansatz zwischen Daumen und Zeigefinger. Nur so kann man sich bergab sinnvoll abstützen, um Beine und Wirbelsäule effektiv zu entlasten.

Tipp: Damit die Hände nicht verkrampfen, sollte man bei der Ausholbewegung (nach der Druckphase) stets darauf achten, den Griff locker zu lassen.

Der Stockeinsatz

Im flachen oder schwach geneigten Gelände entspricht der diagonale Stockeinsatz dem natürlichen Bewegungsmuster des Gehens. Anders beim Bergauf- und Bergabgehen im steileren Gelände: Hier ist der Doppelstockeinsatz häufig die sinnvolle Variante.

Indem man sich bergauf aktiv nach vorne auf die Stöcke stützt, wird die Beinmuskulatur entlastet und der Oberkörper zudem gestützt (wichtig bei schwerem Rucksack). Beim Abstieg muss die Doppelstocktechnik technisch sehr sauber ausgeführt werden, um eventuelle Stürze oder Überlastungen zu vermeiden.

Die Stöcke werden dabei nah am Körper und nur bei jedem zweiten Schritt eingesetzt, um den Gehfluss nicht zu stören. Bei sehr steilem Gelände ist der Effekt noch höher, wenn man sich weit nach vorne unten beugt. Egal, ob bergauf oder bergab, wer seine Arme nicht bewusst belastet, wird Knie und Wirbelsäule nicht entlasten.

Insgesamt gilt: Der Mix macht's. Indem man zwischen Doppelstock- und diagonalem Einsatz variiert, verhindert man Ermüdungserscheinungen durch monotone Bewegungsmuster.

Sonderfall Traverse

Vor-und Nachteile des Stockeinsatzes: Klicken Sie für eine Großansicht!

Bei Querungen müssen Stöcke nicht zwingend anders eingestellt werden. Es reicht, wenn man den bergseitigen Stock unterhalb des Griffes festhält und talseits den Griff von oben umfasst, quasi wie einen Stützknauf.

Manche Experten raten dazu, steile Traversen „uneingeschlauft“ zu passieren, um bei eventuellen Notfällen die Hände jederzeit und sofort frei zu haben.

Es ist wie immer: Wo Sonne ist, ist auch Schatten. Bei all den offensichtlichen Vorteilen von Wanderstöcken gibt es auch Nachteile. Fachleute wie der Arzt Dieter Lechner warnen: „Die stete Hilfe durch den Stock verändert einerseits das Gleichgewichtsgefühl.

Andererseits wird den Gelenkstrukturen und Muskeln nicht genug Gelegenheit gegeben, sich an die Belastungen anzupassen und zu trainieren.“ Deshalb empfehlen Mediziner gesunden, jungen bis mittelalten Menschen im weniger extremen Gelände öfter einmal auch auf die Stöcke zu verzichten.

Die medizinische Kommission der UIAA (Union Internationale des Associations d'Alpinisme) empfiehlt die Verwendung von Bergstöcken grundsätzlich „nur“ im hohen Alter, bei massivem Übergewicht, bei Wirbelsäulen- und Gelenkschäden, beim Tragen schwerer Rucksäcke und bei Schnee, Nässe und Dunkelheit.

Mit folgender Faustregel sind Sie auf der sicheren Seite: Wenn möglich, wechseln Sie doch von Tour zu Tour - einmal gehen Sie mit Stöcken und einmal lassen Sie sie bewusst zu Hause und trainieren Koordinationsvermögen und Gleichgewichtssinn.

Text: Romana Bloch

Aus ALPIN 09/09

Zur Einzelheftbestellung

- Anzeige -