Es ist ein Erlebnis, über die riesigen weißen, im Spätsommer schwarzgrauen Eisströme zu schreiten, Schmelzwasserbäche zu überspringen, die gurgelnd in blaugrünen Schlünden verschwinden, an glitzernden Spaltenwänden entlang zu defilieren. Nur hineinfallen in die Löcher und fünfhundert Jahre später wieder ausgespuckt werden, das mag mit Recht niemand.

- Anzeige -
Nicht immer ist es möglich, spaltengefährliche Zonen weiträumig zu umgehen.

Mit etwas Hintergrundwissen, taktischem Verhalten und der richtigen Ausrüstung lässt sich das Risiko eines Spaltensturzes minimieren, und, falls doch einmal ein Reinfall passiert, kommt man mit dem Seil auch schnell wieder raus.

Gletscher sind träge Gesellen

- Anzeige -

Eine Gefahr, die man kennt, ist nur noch halb so groß. Deshalb sollte man wissen und erkennen, wo sich Gletscherspalten bilden. Gletscher sind träge Gesellen: Muss der Eiswurm sich zu heftig bewegen, reißt seine kalte Haut auf wie alter, spröder Gummi.

Fachlich ausgedrückt: Spalten bilden sich, wo die Fließgeschwindigkeit des Gletschers ungleichmäßig ist – an Kanten, Kuppen, Kurven, am Rand und an der Zunge. Wellige, steile Gletscherzonen bilden leichter Spalten als gleichmäßige Flachstücke. Durch gute Tourenplanung auf einer möglichst aktuellen und amtlichen Karte und durch ge- schickte Spuranlage lassen sich spaltengefährliche Zonen oft weiträumig umgehen – dann ist die Gefahr schon halb gebannt.

Es droht ein heikler Tanz

Was aber, wenn sich potenzielle Spaltenbereiche nicht vermeiden lassen? Dann muss man entscheiden, ob man ein Seil braucht oder nicht. Auf blanken Gletschern wird das nicht nötig sein, denn apere Spalten sieht man und kann ihnen ausweichen; nur für unsichere Geher mag die psychologische Stütze des Seils angenehm sein.

Nach Neuschnee sind instabile Gletscherbrücken oft tückisch verschneit.

Gefährlich sind die Spalten, die verschneit sind: Die Tragfähigkeit dieser Schneebrücken ändert sich mit der Schneedicke und der Temperatur. Wo man im Spätwinter mit Ski bedenkenlos über meterdicke Schneedecken fährt, kann im Spätsommer, vor allem an heißen Tagen und am Nachmittag, ein heikler Tanz drohen. Neuschnee, vor allem mit Wind verwehter, kann schwache Spaltenbrücken tückisch verdecken. Bei schlechter Sicht durch Dunkelheit, Nebel oder Schneefall ist es schwierig, Spalten rechtzeitig zu erkennen und ihnen auszuweichen; dann ist ein Seil sehr zu empfehlen, besonders wenn man den Gletscher nicht kennt.

Ein Halbseil reicht leicht

Generell sollte man anseilen, sobald man nicht mit größter Sicherheit Spaltensturzgefahr ausschließen kann. Die andere Grenze des "gletschermäßigen" Gehens am Seil liegt bei steilen Gletscherzonen und Eis- oder Hartfirnpassagen, bei denen ein Absturz gefährlicher als ein Spaltensturz ist; dann sollte man korrekt sichern, mit Standplatz und Partnersicherung.

Goldene Regeln für den Gletscher Spaltenzonen durch Spurwahl umgehen, soweit möglich und sinnvoll. Wenn Spaltensturzgefahr nicht sicher ausgeschlossen werden kann: Seil ran! Seil zwischen den Seilschaftsmitgliedern immer straff halten. Spuranlage möglichst mit gleichmäßiger Neigung und ohne enge Serpentinen für gleichmäßigen Geh-Rhythmus. Müssen erkennbare Spalten überschritten werden: rechtwinklig überqueren, sondieren, Seil straff halten, evtl. Schlappseil für Sprung lassen. Wird es zu steil oder zu hart: Sichern! Da bei einem Spaltensturz maximal Kräfte vom doppelten bis dreifachen Körpergewicht auftreten, reicht ein Halbseil am Gletscher leicht; muss man im Felsgelände sichern, sollte es doppelt genommen werden.

Nur mit Hüftgurt angeseilt, ist es leichter, einen Spaltensturz zu halten, da der Anseilpunkt näher am Boden ist und man nicht so leicht mitgerissen wird. Dafür ist mit zusätzlichem Brustgurt das Hängen mit Rucksack in der Spalte angenehmer.

Eingebunden wird mit gesichertem Verschlusskarabiner, auch Safelock-Karabiner genannt, zum Beispiel mit Ball-Lock-, Bajonettsystem oder dem Belay Master. Bei einfachen Schraubkarabinern kann sich durchs Gehen die Schraube öffnen und das Seil beim Sturz aushängen, bei Twistlock-Karabinern kann das beim Sturz jederzeit passieren. Solche Karabiner lassen sich aber durch gegenläufiges Einhängen eines Normalkarabiners in sichere Systeme verwandeln.

Eine Vierer- (oder Fünfer-)Seilschaft ist optimal, bei einer Dreier-Seilschaft sollten die Abstände etwas größer gewählt werden. Eine Zweier-Seilschaft muss äußerst konzentriert gehen.

Günstige Seilschaftsgrößen sind drei bis fünf Personen; die Abstände sollten acht bis zwölf Meter (3er-Seilschaft) bzw. sieben bis acht Meter (5er-Seilschaft) betragen. Man misst sie von der Mitte aus ab und macht für Jeden einen Achterknoten, der mit dem Safelock-Karabiner in der Einbindeschlaufe des Gurts befestigt wird; das Restseil ist nützlich für die Bergung per Loser Rolle und wird zur Puppe aufgenommen und schnell greifbar verstaut, etwa unter der Deckeltasche.

Ein Seil alleine kann keinen Spaltensturz verhindern

Bei Dreier- und dem Ausnahmefall Zweierseilschaft kann man dicke Knoten ins Seil knüpfen, die sich im Spaltenrand einschneiden und das Bremsen erleichtern können. Die Prusikschlingen muss man nicht einknüpfen; wenn man den Knoten beherrscht, reicht es, wenn sie schnell greifbar sind.

Ein Seil alleine kann nur Kräfte übertragen, keinen Spaltensturz verhindern. Dass nicht das ganze Team im Loch verschwindet, schafft man nur mit der richtigen Gehtechnik und -taktik. Dazu muss vor allem das Seil straff gehalten werden, damit die Sturzkräfte nicht zu hoch werden.

Den Boden berühren darf es nur in Zonen, wo eindeutig keine Spalten lauern. Wenn die Steilheit wechselt oder eine Serpentine gegangen wird, müssen alle ihr Gehtempo aufeinander abstimmen, um das Seil möglichst straff zu halten; da das Zeit und Kraft kostet, sollten solche Unregelmäßigkeiten möglichst vermieden werden.

Genügend Schlappseil lassen

Sind Spalten durch dunkle Linien, Einsenkungen oder Risse im Schnee zu erkennen, sollte man Abstand dazu halten; muss man eine Spalte überqueren, dann im rechten Winkel, um den gefährdeten Spurbereich klein zu halten.

Beim Überqueren kann der Erste die Festigkeit der Brücke mit dem Pickel oder Skistock testen, während die anderen besonders auf gespanntes Seil achten. Manchmal kann man die Brücke oder eine offene Spalte überspringen; dann muss der Hintermann genügend Schlappseil lassen. Im Aufstieg geht der Führer voraus, beim Abstieg muss man abwägen, ob seine größere Erfahrung vorne mehr nützt (für gute Spurwahl) oder hinten (zum Halten eines Sturzes und eventuellen Sichern).

Und wenn doch einer abtaucht? Eine Seilschaft, die aufmerksam geht, sollte einen Spaltensturz immer halten können.

Zu den Online-Kursen "Gehen mit Steigeisen" und "Spaltenbergung" .

Aus ALPIN 7/2005

Zur Einzelheftbestellung

Alle auf alpin.de veröffentlichten Online-Kurse finden Sie hier.

- Anzeige -