Ihr habt beim Kauf von Bergschuhen auch schon mal „danebengegriffen“? Wir versuchen, Euch vor dem nächsten Fehlkauf zu bewahren.

Würde man am auf einem Gipfel die jeweiligen Träger fragen, ob die Wahl ihres Schuhwerks wohl sinnvoll gewesen sei für diese Unternehmung, würde man in den meisten Fällen hören: Was soll die Frage, bin doch oben. Womit wir bei den Kernfragen jeden Kaufs von Outdoorschuhen sind: Welcher Schuh passt für wen – und für was?

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Das ist definitiv die falsche Schuhwahl.

| © Birgit Gelder

Wer heute im gut sortierten Fachhandel den passenden Schuh sucht, findet von der Outdoorsandale bis hin zum Expeditionsschuh jeden erdenklichen Typ. Er kann zwischen Modellen mit unterschiedlicher Sohlenhärte und Profilierung, den unterschiedlichsten Schafthöhen und -materialien, Isolierungen und Membranen wählen. 

Um den Kunden Orientierungshilfen zu geben, haben Hersteller von Markenschuhen für ihr Sortiment Klassifizierungen definiert. Bekannt ist die Einteilung von Meindl in die Kategorien A bis D. Aber auch Lowa, Hanwag, Scarpa, Salomon und andere ordnen ihre Modelle bestimmten Disziplinen zu. Das heißt dann Alpine, Trekking, Wandern, Travel und All Terrain, um nur einige zu nennen.

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Prinzip Schieberegler

Die Eignung für den jeweiligen Outdooreinsatz kann man vor allem an drei Bausteinen eines Schuhs festmachen: Der Sohle, dem Schaftmaterial und der Schafthöhe. Man stelle sich diese Kriterien wie drei Schieberegler vor. Je weiter man den Regler für die Sohle Richtung "Hart/Viel Profil", den Regler beim Obermaterial Richtung "Fest" und den Regler für die Schafthöhe Richtung "Sehr hoch" schiebt, desto mehr ist das entsprechende Schuhmodell für den alpinen, technischen Einsatz geeignet.

Und umgekehrt: Befinden sich die Regler im unteren Bereich der Skala, lässt sich mit dem jeweiligen Modell prima im flachen bis mäßig geneigten Gelände gehen. Je fester der Schuh, desto extremer können die Anforderungen sein. Ein vierter Schieberegler heißt "Komfort". Leider verhält es sich meistens so, dass je fester Schuh und Sohle sind, desto mehr Abstriche muss man beim Gehkomfort machen.

Klar ist aber auch, dass in schwierigem Gelände mit eventuell unangenehmen Bedingungen wie Nässe und Kälte die Trittsicherheit und Kletterfähigkeit sowie der Schutz dem Komfort übergeordnet sind. Wer von einem Bergschuh für das Hochgebirge Hausschuhqualitäten erwartet, sollte sich Gedanken über eine andere Sportart machen.

Was, wie oft und wann

Daraus ergeben sich die beiden entscheidenden Fragen für den Kauf: Für was braucht man den Schuh überwiegend und was für ein Bergsporttyp ist man. Dabei sollte man ehrlich zu sich selbst sein. Wer beispielsweise drei Klettersteige gemeistert hat, darf sich noch nicht als versierten Alpinisten bezeichnen. Am besten überlegt man sich, wie oft man in leichtem Gehgelände, anspruchsvolleren Regionen und technischem Gelände (mit Kletterpassagen oder Gletscherberührung) unterwegs ist. 

Ein Beispiel: Wer von Oberstdorf nach Meran gehen will oder einen Dolomitenhöhenweg vorhat, sollte sich einen Bergschuh der Klasse B (nach Meindl-Klassifizierung) oder der Kategorie „Alpine“ zulegen. Der Grund: Auf dieser Tour muss man längere Strecken mit mittelschwerem Rucksack von acht bis zehn Kilogramm mit bisweilen anspruchsvolleren Geländeabschnitten bewältigen. Man braucht viel Halt im Schuh und relativ feste, trittsichere Sohlen.

Ist man ausschließlich in den Voralpen oder den Mittelgebirgen unterwegs, reicht ein leichter Wanderschuh der Kategorie A oder A/B bzw. All Terrain. Die weichere Sohle dämpft angenehm und rollt gut ab. Das etwas schwammigere Trittverhalten kann man in diesem Gelände verschmerzen. Der Komfort steht eindeutig im Vordergrund.

Hat man ausgedehnte Gletschertouren vor, sollte der Schuh mindestens bedingt steigeisenfest (B/C, C oder Alpine) sein. Sind die Eispassagen lang und steil, machen komplett steigeisenfeste Modelle Sinn (Kategorie C, D, Alpine). Wer beispielsweise aber nur einmal im Jahr eine Tour unternimmt, bei der eventuell Steigeisen zum Einsatz kommen, ansonsten aber meistens ambitioniert wandert oder Trekkings unternimmt, braucht nicht sofort bedingt steigeisenfeste Schuhe. 

Aus der Vielfalt der Schuhe heute den besten für sich zu finden, ist nicht leicht.

| © Birgit Gelder

Denn in der überwiegenden Anwendung geht es um gutes Abrollverhalten. Lieber kauft man den für den Haupteinsatzzweck passenden Schuh mit weicherer Sohle und nimmt für die wenigen Gelegenheiten ein Steigeisen mit Körbchenbindung für vorne und hinten. Natürlich ist man dann nicht für hochalpine Touren mit langen steilen Eispassagen ausgerüstet. Freunde der immer beliebter werdenden „Eisenwege“ sehen sich bei der Schuhwahl ebenfalls vor Herausforderungen gestellt. 

Der Klettersteiganfänger ist mit festeren Sohlen, die überknöchelhoch sind, gut beraten. Sie geben Halt, wenn der Fuß auf den kleinen Tritten Drahtbügeln oder Ähnlichem balanciert. Der hohe Schaft behindert allerdings die Beugung im Fußgelenk, was in manchen Situationen auch hinderlich sein kann. Grundsätzlich gilt: Steht die Entscheidung zwischen zwei Schuhen an, wählt man eher die höhere (also die festere) Kategorie. Das bietet Reserven, wenn man doch mal in anspruchsvolleres Gelände kommt oder man sich im Laufe des „Schuhlebens“ fortentwickelt.

Je fitter, desto leichter

Kommen wir auf das anfangs angesprochene Prinzip der Schieberegler zurück. Der Grundsatz, dass sich leichtere, flexiblere Schuhe nicht für anspruchsvolleres Gelände eignen, stimmt so nicht unbedingt. Der französische Weltklassebergläufer Kilian Jornet beispielsweise ist auch im extremen, hochalpinen Gelände mit Laufschuhen unterwegs.

Natürlich haben unterschiedliche Sohlen Einfluss auf die Schuhe.

| © Birgit Gelder

Und nicht wenige versierte Alpinisten sind bei Touren wie der Watzmann-Überschreitung oder dem Jubiläumsgrat mit Leichtbergschuhen oder niedrigen Approach-(Zustiegs-) Schuhen unterwegs. Kein Problem, solange der Träger über ausreichende Fitness und Fußmuskulatur verfügt. Aber: Bei längeren Unternehmungen über viele Stunden ermüden die kleinen Fußmuskeln, die den Fuß beim Aufsetzen und Abstoßen stabil halten, und die Gefahr des Umknickens droht. Wer also kein super trainierter Athlet ist, sollte das bei der Schuhwahl miteinbeziehen und mit einem festeren Modell auf Nummer sicher gehen.

„Das Können des Trägers muss zur Festigkeit des Schuhs passen“, erklärt Arthur Kudelka. Heißt: Wer gut drauf ist, kommt mit Schuhen zurecht, die eigentlich für diesen Einsatzbereich nicht empfohlen werden. Allerdings hat man mit leichteren Modellen weniger Reserven, wenn es zu regnen anfängt und die Temperaturen sinken. Außerdem sind sie weniger robust wie feste Schuhe. 

Kaum ein Leichtbergschuh wird bei häufigem Benutzen im Gebirge zehn Jahre alt, wie es bei festen Wander- und Bergschuhen durchaus Standard ist. Miteinberechnen bei der Auswahl des passenden Schuhs sollte man auch das Körpergewicht und das Gewicht des Rucksacks, mit dem man überwiegend unterwegs ist. Je schwerer man selber und/oder der Rucksack ist, desto höher und fester sollte der Schuh sein. Die Entlastung, die die Fußmuskulatur durch einen hohen Schaft und festes Obermaterial bekommt, ist nicht zu unterschätzen. Und wer labile Sprunggelenke hat, wird die Stabilität von überknöchelhohen Schuhen nicht missen wollen.

Feinabstimmung

Ist man bei seiner Recherche in einer bestimmten Schuhkategorie gelandet, wird man feststellen, dass Modelle der gleichen Kategorie durchaus unterschiedlich sein können. Die Hersteller verschieben – um am obigen Beispiel zu bleiben - die Regler nicht immer gleichmäßig in eine Richtung. So gibt es Modelle, die zwar eine sehr feste Sohle, aber relativ weiches Schaftmaterial haben. Der Hintergrund dieses Konzepts ist, dass der Hersteller viel Trittsicherheit und Grip bei vergleichsweise geringem Gewicht und höherem Gehkomfort bieten möchte. Wer sich dafür entscheidet, sollte über eine gute Fußmuskulatur verfügen, denn die Unterstützung durch das Schaftmaterial ist hier geringer.

Andere wiederum haben eine harte Sohle mit starkem Profil, aber einen niedrigen Schaft. Gerade bei den schon angesprochenen Approachschuhen kommt diese Mischung zum Einsatz. Die knöchel- bis halbhohen Schuhe sollen relativ leicht sein und möglichst hohen Komfort bieten. Dafür sorgt der niedrige Schaft. Die Sohle, bisweilen so hart wie bei einem mittelschweren Bergschuh, erlaubt Zustiege in weglosem Gelände, Klettersteige, leichtes Klettern und sogar das Begehen harmloserer Schneefelder. Ideal für alle, die schnell sein wollen und sich in anspruchsvollerem Gelände sicher bewegen. Beim seitlichen Halt des Fußes und Klimaschutz muss man Abstriche in Kauf nehmen.

Eine weiteres Einsatzgebiet sind Trekkingtouren. Definiert man Trekking als mehrtägiges Wandern mit schwerem Gepäck mit 15 Kilo oder mehr in eher moderatem Gelände, ergeben sich folgende Anforderungen an die Schuhe: Der Schieberegler für die Schafthöhe steht auf „hoch“, denn die Füße brauchen viel Halt und Unterstützung. Allerdings kann eine etwas geringere Sohlenhärte gewählt werden. Das so verbesserte Abrollverhalten und die bessere Dämpfung bringen Komfort. Feinfühliges Antreten ist weniger gefragt. Das Schaftmaterial sollte relativ robust, aber nicht zu steif sein.

Schwer, leicht, steif, flexibel, hoch, tief: Gibt es die „eierlegende Wollmilchsau“, also den Schuh, mit dem ich alle meine Touren machen kann? Wer überwiegend Wanderungen und Bergtouren macht, die sich in einem vergleichbaren Schwierigkeitsbereich bewegen, hat gute Chancen, diese „Wollmilchsau“ zu finden. Dafür ist das Angebot am Markt groß genug. Eventuell muss man in dem einen oder anderen Geländeabschnitt Kompromisse eingehen. Wer lieber den für jeden Einsatzzweck optimal abgestimmten Schuh will, kann aus dem Vollen schöpfen. Er braucht aber möglicherweise dann ein Schuhregal mehr und hat vor jeder Tour die Qual der Wahl.

ALPIN Ausrüstungs-Tipps

Sohlen von Sidas

Sohlen von Sidas
© sidas.com
  • Modell: 3 D Outdoor

  • Preis: 34,95 Euro

  • Vertrieb: sidas.com

  • Beschreibung: Viele Berg- und Wanderschuhe haben standardmäßig recht einfache Sohlen enthalten. Mit einer etwas festeren und besser stützenden Sohle kann man viele Schuhe mit wenig Kosten deutlich „upgraden“.

Socken von Uyn

Socken von Uyn
© uynsports.com
  • Modell: Evo Race

  • Preis: 29,90 Euro

  • Vertrieb: uynsports.com

  • Beschreibung: Gezielte Kompression stützt den Fuß und verbessert die Belüftung. An den Waden erhöht eine Kompression die Durchblutung, so dass die Muskulatur weniger schnell ermüdet. Das Material Natex – Nylonfaser auf pflanzlicher Basis – garantiert ein feines Klima im Schuh.

Text von Johannes Wessel

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