- Anzeige -
Dean Potter: Irgendwie habe ich in mir das Verlangen, die menschlichen Grenzen zu durchbrechen.
ALPIN: Wenn jemand sagt: Es ist nicht möglich, den Fitz Roy free solo zu besteigen, sagst Du: Wieso eigentlich nicht?
Dean Potter: Genau. Ich versuche trotzdem einen Weg zu finden. Meine Mutter und mein Vater - sie war Yogalehrerin, er Oberst bei der Armee - haben mich gelehrt, dass du alles tun kannst, was du tun möchtest. Dann bin ich süchtig nach intensiven Momenten. Wenn du das alles zusammenzählst, kommt ein starker Wille heraus, der mir hilft, aus diesen menschlichen Begrenzungen auszubrechen.
ALPIN: Du bist Spezialist für Riss-Klettern. Das ist eine Technik, bei der die Hände in den Spalten verkeilt werden - eine reichlich schmerzhafte Methode.
Dean Potter: Ja, das stimmt. Aber ich klettere seit 18 Jahren, und damals an meinem ersten Felsen in New Hampshire gab es schon viele Risse. Heute lebe ich an den beiden besten Riss-Kletter-Gebieten der Welt: Yoesemite, Kalifornien und Moab, Utah. So sind mit den Jahren sicher die Nerven etwas abgestorben. Ich kann meine Finger auch kaum tapen, weil sie ohnehin schon recht groß sind und dann nicht mehr in die feinen Risse passen würden.
Dean Potter klettert free-solo die 12 Meter überhängende Route Heaven (5.12d/13a) im Yosemite Valley. Auf Play klicken und staunen!
ALPIN: Wie gehst Du mit dem Schmerz um?
Dean Potter: Ich nehme sicher den Schmerz an den Händen weniger wahr als andere. Und ich mag es einfach, den rauen Felsen an meiner Haut zu spüren.
ALPIN: Kletterst Du gerne mit Deiner Frau Steph?
Dean Potter: Ich liebe es, wir sind ein sehr gutes Team. Wir haben zusammen einige sehr intensive Sachen gemacht, darunter im Februar 2005 den Torre Egger. Es war die sechste Besteigung dieses schwierigsten Gipfel Patagoniens. Das ist ein wirklich gefährlicher Berg. Steph ist als Partner so gut wie du es dir nur wünschen kannst, aber es ist auch unbehaglich, dich mit deiner Frau in tödliche Situationen zu begeben. Es wäre immer schrecklich, jemanden sterben zu sehen, aber es wäre das Schlimmste, deine Geliebte sterben zu sehen.
Ebenfalls im Yosemite Valley gelang Dean die Solo-Begehung von "The Nose" am El Capitan.
ALPIN: Hast Du ein Testament gemacht?
Dean Potter: Ja, wenn du kein Testament machst, geht viel von deinem Geld an den Staat, und ich bin nicht daran interessiert, der US-Regierung mein Geld zu hinterlassen. Steph und ich haben auch ein Patiententestament gemacht. Vor einiger Zeit wurde in den USA viel darüber diskutiert, ob man am Leben erhalten werden möchte, wenn man hirntot ist. Steph und ich haben uns dagegen entschieden.
ALPIN: Als Du 1999 hörtest, dass Hans Florine als erster solo den Half Dome und El Capitan innerhalb von 24 Stunden klettern wolle, hast Du das nächste Flugzeug genommen, um ihm zuvorzukommen. Das ist Dir mit 23 Stunden und 40 Minuten gelungen.
Dean Potter: Das war ursprünglich meine Idee, die wollte ich mir nicht stehlen lassen. Aber damals war ich auch mehr daran interessiert, besser zu sein als die anderen. Ich würde lügen wenn ich sagte, dass mich die Konkurrenz heute gar nicht mehr interessiert, aber ich versuche, mich nicht von solchen Gefühlen leiten zu lassen. Es ist mir heute wichtiger, etwas Schönes zu tun; das ist viel kraftvoller als das Verlangen, einen Erfolg zu verbuchen.
Die Fragen stellte Dirk von Nayhauß.
Das ganze ehrliche Interview mit Dean Potter in voller Länge finden Sie in ALPIN 02/2007.
Weitere Online-Extras der Interviewserie Extrem Ehrlich:
Stephan Siegrist: "Manchmal habe ich die Nase voll"
Ueli Steck: "Bin nicht anders als alle anderen auf dieser Welt"
Ines Papert: "Zufrieden bin ich erst, wenn ich oben stehe"
Alexander Huber: "Das Warten auf den Morgen ist elend..."
Hari Berger: "Ich habe etwas geschafft, worauf ich aufbauen kann..."
Dean Potter: "Ich nehme den Schmerz weniger wahr als andere"
Thomas Huber: "Zweifeln darfst du nicht!"
Seite versenden
Seite drucken
Sitemap 


