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Medizin

Wenn der Zeh die Biege macht

22.02.2010 10:09:25
Wer nichts gegen seinen Ballenzeh unternimmt, dem droht früher oder später eine Operation.
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Können die Bildung eines Ballenzehs fördern: High-Heels (Foto: Picture Alliance).
Ein hochkomplexes Konstrukt dämpft unseren Schritt: Die 26 Knochen, Sehnen, Muskeln und Bänder des menschlichen Fußes fügen sich zu einem natürlichen Stoßdämpfer zusammen, mit elastischem Längs- und Quergewölbe.

Das Wunderwerk zeigt bei manchen Menschen jedoch Schwächen. "Falsches Schuhwerk sowie eine schwache Fußmuskulatur können die Fußarchitektur verändern und die Funktion des Fußes als Dämpfer einschränken", erklärt der in München niedergelassene Orthopäde Dr. Matthias Hoppert. Auch eine Bindegewebsschwäche oder eine Fußfehlform - vor allem der sogenannte Spreizfuß - können dies übrigens hervorrufen.

Die Belastung des Körpergewichts verteilt sich am gesunden Fuß auf drei Punkte: hinten auf die Ferse und vorne auf die Mittelfußknochen der Großzehe und des kleinen Zehs.

Normalerweise. Doch Schwächen der anatomischen Strukturen verändern diese Kraftverteilung. "Wenn sich das Quergewölbe des Fußes senkt, setzen auch die Mittelfußknochen der mittleren Zehen am Boden auf", erklärt Hoppert.

"Die Knochen spreizen sich auseinander, wodurch der Mittelfußknochen der Großzehe zur Innenseite des Fußes gedrückt wird." Als Folge knickt das Grundgelenk der Großzehe ab, sodass sich die Längsachse in Richtung der übrigen Zehen dreht. An der Fußinnenseite - so der Eindruck - wölbt sich nun das Grundgelenk hervor. Es entsteht der sogenannte Ballenzeh, den Orthopäden Hallux valgus nennen.

Der Ballenzeh

Gekrümmt: Hier kann vermutlich nur noch eine OP helfen (Foto: Picture Alliance).
Anatomische Veränderungen an den Füßen sind häufig. Schätzungen gehen davon aus, dass rund ein Drittel der Bevölkerung betroffen ist. Bei etwa drei Prozent aller Menschen tritt ein Ballenzeh auf. Frauen trifft es häufiger als Männer - vermutlich weil ihr Bindegewebe grundsätzlich etwas schwächer ist.

"Zunächst handelt es sich meist nur um ein kosmetisches Problem", sagt Hoppert. "Im Lauf der Zeit, vor allem wenn nichts unternommen wird, entwickelt sich daraus ein medizinisches." Im Klartext: Irgendwann wird es schmerzhaft.

Reizung und Schmerzen

Anfangs drückt die Vorwölbung nur gegen die Schuhinnenseite. Doch die Reibung nimmt weiter zu. Es kommt zu einer Dauerreizung, die das Weichteilgewebe und den Schleimbeutel des Gelenks anschwellen lässt. Erste Schmerzen treten auf, wenn sich eine Entzündung einnistet.

Bisweilen entsteht sogar ein Hautgeschwür. Unangenehm sind auch die anderen möglichen Folgen. "Wenn die Großzehe stark abweicht, drückt sie die Nachbarzehen nach oben oder unten", sagt Hoppert. Die Gefahr: Es entwickeln sich Krallen- oder Hammerzehen.

Und wenn die Beugesehne an der Fußsohle in Mitleidenschaft gezogen wird, schränkt dies nicht selten die Beweglichkeit des Fußes ein. Um solche Veränderungen und Schmerzen zu verhindern, sollte frühzeitig etwas unternommen werden, rät Hoppert:

"Im Anfangsstadium lässt sich manchmal mit Kräftigungsübungen und Krankengymnastik die Fehlstellung der Großzehe noch beeinflussen, meist allerdings nur in geringem Ausmaß." Durch das Kräftigen von Muskeln und Sehnen wird weiteren Fehlbelastungen zumindest entgegengewirkt.

Das richtige Schuhwerk

Durchleuchtet: Ein klassicher Ballenzeh in der Röntgenaufnahme.
Wichtig ist zudem, auf richtiges Schuhwerk zu achten. Dadurch eine Besserung der Fehlstellung zu erwarten, wäre vermessen. Doch hilft das Tragen von bequemen Schuhen mit Schuhbett und einer Sohle, die das Abrollen des Fußes ermöglicht, dass sich der Zustand des Ballenzehs nicht weiter verschlechtert.

Zu dieser Aufhalte-Taktik leisten auch orthopädische Schuheinlagen ihren Beitrag. Zudem lindern sie die Beschwerden, da sie den Fuß angenehm betten. Auch Ringpflaster, die sich zum Abpolstern der Vorwölbung eignen, wirken den Schmerzen entgegen.

Operation - ja oder nein?

All diese Massnahmen sind hilfreich, keine Frage, dennoch stellen sich eines Tages viele Menschen mit Ballenzeh die Frage: "Lasse ich mich operieren?"

An diesen Punkt geraten die Betroffenen dann, wenn die Schmerzen unerträglich sind oder die Veränderungen so umfassend, dass die Füße in keinen Schuh mehr passen. "Viele Menschen schieben den Arztbesuch so lange vor sich her, bis gar nichts mehr geht", stellt Hoppert immer wieder fest. "Das ist insofern tragisch, als es für konservative Therapiemaßnahmen dann oft zu spät ist. In fortgeschrittenen Stadien mit ausgeprägten Verformungen hilft nur noch ein Eingriff."

Verschiedene Methoden

Die Auswahl an operativen Verfahren ist groß. Welche Variante für einen Patienten infrage kommt, hängt vom Zustand des Fußes ab. "Im Regelfall werden beim Eingriff Knochenkeile entfernt, um die ursprüngliche Ausrichtung der Zehe wieder herzustellen. Ist der Knorpel des Grundgelenks nicht zerstört, kann seine Funktion erhalten bleiben."

Wenn nicht, muss der Arzt es versteifen. Bei einigen Patienten ist es darüber hinaus erforderlich, Muskeln und Sehnen zu versetzen. Das mindert die auf Knochen und Gelenk wirkenden Kräfte. Bis der Fuß wieder normal belastet werden kann, vergehen sechs bis acht Wochen. In der Zeit sollte ein spezieller Schuh getragen werden. Erst drei Monate nach der OP ist der Betroffene sportlich belastbar.

Text: Ralph Müller-Gesser


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