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ALPIN-Leserreise: Von Oberstdorf nach Meran

2. Tag: Von der Kemptner zur Memminger Hütte

27.07.2006 09:39:44
Vielleicht hätte ich gestern mit Udo und Michael, unseren Bergführen, sowie Gabi und Martin, dem Pächterpaar der Kemptner Hütte doch nicht so lange zusammen sitzen sollen. Außerdem scheint das letzte Glas Rotwein schlecht gewesen zu sein. Jedenfalls zieht das Schellen von Michaels Wecker um 06:00 morgens nicht zu verachtende Protestreaktionen meines gestressten Körpers nach sich.
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Karte der Etappe des 2. Tages: Von der Kemptner zur Memminger Hütte
Ausgangspunkt: Kemptner Hütte (1845 m)
Zielpunkt: Memminger Hütte (2242 m)
Höhenmeter: Aufstieg 940 Hm, Abstieg 870 Hm
Gehzeit: ca. 6 Std.
Tourenverlauf: 1/2 Std. Aufstieg zum Mädelejoch (2093 m), Grenze Deutschland - Österreich, weiter in 2 Std. Abstieg durch das Höhenbachtal nach Holzgau auf (1070 m) im Lechtal. Mit Kleinbus 13 km nach Madau (1400 m). In 2 Std. Aufstieg zur Memminger Hütte (2242 m / Österreich).

Na ja, ich bin ja hier nicht zum Spaß, schließlich will eine Alpenüberquerung zu Fuß bewältigt werden. Um 07.15 starten wir von der Kemptner Hütte mit einem halbstündigen Aufstieg zum Mädelejoch, wo die Grenze zwischen der Bundesrepublik und Österreich verläuft. Man kann über Sinn und Unsinn von Grenzen streiten, fest steht aber, dass sie nirgendwo lächerlicher und willkürlicher wirken als in den Bergen.
Zur Bildergalerie der 2. Etappe
Die Teilnehmer der ALPIN Leserreise Oberstdorf-Meran
Die Grenze zwischen Deutschland und Österreich am Mädelejoch.
Am Grenzpfosten angelangt, werden fleißig Fotoapparate gezückt. Der Übergang in unser alpines Nachbarland will dokumentiert werden, der dabei von einer Teilnehmerin zum Besten gegebene Österreicher-Witz besser nicht. Obwohl er lustig war.

Während des anschließenden Abstiegs ins Lechtal nach Holzgau und vorbei am Großen Krottenkopf, erzählt Udo, dass der von uns beschrittene Weg zwischen dem 18.Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg auch weitaus weniger lustige Reisegruppen als die unsrige gesehen hat. Aufgrund von Not und Arbeitslosigkeit zogen in dieser Zeit aus ganz Westtirol Mädchen und Jungen, die mitunter erst acht Jahre alt waren, als Hütekinder über diese Route ins Schwabenland. Die "Schwabenkinder" mussten unter extrem harten Bedingungen ohne adäquate Entlohnung schuften und wurden von ihren "Herren" unter menschenunwürdigen Bedingungen "gehalten".

Doch es gab beileibe nicht nur Armut im Lechtal, wie uns die Geschichte von Holzgau, das wir gegen Mittag erreichen, beweist. Anscheinend fördert eine traumhaft-schöne Umgebung die ästhetische Schaffenskraft des Menschen. Im 19. Jahrhundert genossen die Holzgauer Maler, Bildhauer und Stukkateure so hohes Ansehen, dass ihre Werke europaweit begehrt waren und der Ort somit wirtschaftlich goldene Zeiten erlebte. Vor allem mit den Niederlanden entwickelte sich ein intensiver kultureller Austausch, der dazu führte, dass Holzgauer Künstler, die jahrelang in niederländischen Küstenstädten gelebt und gearbeitet hatten, ihre Häuser zwar mit typischen Tiroler Wandmalereien verzierten, hinsichtlich der Bauweise jedoch auf die Architektur niederländischer Herrenhäuser zurückgriffen. Multi-Kulti im Lechtal des 19.Jahrhunderts.

Wandmalereien in Holzgau.
Von Holzgau aus ging es mit Kleinbussen zur Materialseilbahn der Memminger Hütte. Taxifahrer Johann erzählt während der Fahrt, dass an manchen Sommer-Tagen mitunter mehr als 100 E5-Wanderer dorthin transportiert werden wollen. Einsam geht es nicht gerade zu auf unserer Route gen Süden. Auch wir steigen wie gewohnt in einer langen Karawane hinauf bis zur 2245 m hoch gelegenen Memminger Hütte, wo uns der erste kleinere Regenschauer unserer Tour den Ausflug zum nahe gelegenen Seekogel (2412 m) verleidet.

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Die Teilnehmer der ALPIN Leserreise Oberstdorf-Meran

Nette Zusammenkunft am Aufstieg zur Memminger Hütte.
Die ALPIN-Leser nehmen’s gelassen, haben sie doch heute bereits allesamt ihr Tagwerk verrichtet. Und morgen steht schließlich der härteste Abstieg der Tour bevor. Der Gedanke an die bevorstehenden 1800 Höhenmeter abwärts, lässt mich bereits jetzt einen leichten Schmerz in den Knien verspüren. "Ein Glas vom Roten könnte helfen", denke ich mir, besinne mich dann aber in schlechter Erinnerung an heute morgen eines Besseren und beschließe früh schlafen zu gehen.

Holger Rupprecht

Weitere Artikel:
Der 1. Tag: Von Oberstdorf zur Kemptner Hütte

Weitere Informationen:
www.alpinschule.de
www.kemptner-huette.de
www.holzgau.tirol.gv.at
Memminger Hütte


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