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ALPIN-Leserreise: Von Oberstdorf nach Meran

6. Tag: Von der Martin-Busch-Hütte nach Meran

02.08.2006 09:04:45
Bereits am morgen des heutigen Tages beschleicht mich ein wehmütiges Gefühl. Es steht die letzte Etappe unserer gemeinsamen Alpenüberquerung bevor. Das Wetter passt sich meinen ein wenig trübsinnigen Gedanken an: Der Abschlusstag unserer Alpenüberquerung ist der erste und einzige Regentag der Tour.
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Karte der Etappe des 6. Tages: Von der Martin-Busch-Hütte nach Meran. Ein Klick öffnet eine Großansicht des Gesamtverlaufs.
Ausgangspunkt: Martin Busch Hütte (2500m)
Zielpunkt: Meran
Höhenmeter: Aufstieg 500 Hm, Abstieg 1200 Hm
Gehzeit: 4 Stunden
Tourenverlauf: Nach frühzeitigem Abmarsch 2 Std. Aufstieg zur Similaun Hütte (3014 m), die direkt auf der Grenze Österreich - Italien und am Fuße des Similaun (3606 m), dem Gletscherdom liegt. Nachmittags Abstieg durch das Tisental zum Vernagt-Stausee in Südtirol. Anschließend mit dem Bus bis Meran.

Zunächst steht ein etwa zweistündiger Aufstieg von der Martin-Busch-Hütte zur Similaunhütte auf dem Programm, wo wir den insgesamt höchsten Punkt unserer Alpenüberquerung erreichen (3019m). Dabei queren wir auch kurz den Similaungletscher und müssen sogar eine kleine Spalte überwinden. Aufgrund der schlechten Witterung muss der geplante Ausflug zur Ötzi-Fundstelle am Hauslabjoch oberhalb der Similaunhütte entfallen.
Zur Bildergalerie der 6. Etappe
Die Teilnehmer der ALPIN Leserreise Oberstdorf-Meran
Der "Sprung" über die Gletscherspalte kostet ein wenig Überwindung.
Bergführer Udo steht dem Ötzi-Kult ohnehin sehr skeptisch gegenüber. 1991 wurde der über 5.000 Jahre alte mumifizierte "Mann vom Similaun" von einem Nürnberger Ehepaar entdeckt und bald zu einer medial ausgeschlachteten archäologischen Sensation. Heute ist "Ötzi" im Südtiroler Archäologiemuseum zu besichtigen.

"Ich hätte es für angebracht gehalten, den Ötzi nach den wissenschaftlichen Untersuchungen zu bestatten", so der Seniorchef der Bergschule Oberallgäu. "Schließlich ist dieser Mann, der in gewisser Weise ein Vorfahre von uns heutigen Alpenüberquerern war, auch ein Mensch gewesen, der es verdient hat, in Würde seine letzte Ruhe zu finden."


Markus Pirpamer, Wirt der Similaunhütte und Aktivist im Kampf gegen die Kraftwerkspläne der TIWAG im Ötztal.
Die Pause auf der Similaunhütte, die sich schon seit langen Jahren in Familienbesitz befindet und ungemein liebevoll eingerichtet, nutze ich zu einem Gespräch mit Markus Pirpamer. Der Wirt der Hütte ist Aktivist im Kampf der Venter Bevölkerung gegen die Pläne der Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG), in der Rofnerschlucht im hinteren Ötztal einen mächtigen Staudamm entstehen zu lassen. "Der Damm wäre mit 175 Metern Höhe ein richtiges Monstrum", so der staatlich geprüfter Berg- und Skiführer.

Was Markus Pirpamer besonders aufregt: Das geplante Projekt der TIWAG würde insgesamt mehr Energie kosten, als es produzieren könnte. Das Wasser des Stausees im Ötztal soll zunächst zum Zwecke der Stromgewinnung in ein Kraftwerk im Kaunertal geleitet werden. Von dort aus würde es dann wieder in den Stausee ins Ötztal zurückgepumpt werden. "Es würde insgesamt Energie vernichtet werden", so Markus Pirpamer. "Für 100 Kilowattstunden, die beim Herunterlassen des Wassers aus dem Speicher erzeugt werden, müssen 130 Kilowattstunden fürs Hinaufpumpen verwendet werden."
Zur Bildergalerie der 6. Etappe
Die Teilnehmer der ALPIN Leserreise Oberstdorf-Meran
Wie sich so etwas rechnen kann? Ganz einfach: Das Wasser soll nachts mit billigem Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken hinaufgepumpt, der dann produzierte Strom tagsüber zu höheren Preisen verkauft werden. Ökologischer Wahnsinn, ökonomisch durchaus Profit versprechend.

Darüber hinaus befürchtet Markus wie alle Bewohner Vents einen immensen Einbruch des Tourismus. Das Projekt brächte immerhin für einen Zeitraum von sechs bis acht Jahre eine Großbaustelle mit sich, die wohl die meisten Touristen und Bergsteiger von einem Aufenthalt in dem kleinen österreichischen Bergsteigerdorf abhalten dürfte.

Steiler Abstieg ins Schnalstal.
Direkt bei der Similaunhütte verläuft die Grenze zwischen Österreich und Italien, so dass wir beim folgenden Abstieg ins Schnalstal von entgegen kommenden Wanderern mitunter mit einem herzlichen "Ciao" oder "Salve" begrüßt werden.

Der Weg ist anfänglich recht steil und durch die Nässe auch ein wenig rutschig. Kaum vorstellbar, dass hier Jahr für Jahr mehrere Tausend Schafe von den Sommerweiden im Venter Tal über das Hochjoch und Niederjoch ins Schnalstal abgetrieben werden. Der Schnalser Schafabtrieb ist einer der ältesten und größten des gesamten Alpenraums. Dass dabei oft ein paar der friedlichen Vierbeiner zu Tode kommen, verwundert nun nicht mehr.

Gegen 14:00 treffen wir am Tisenhof ein, dem Endpunkt unserer Wanderung. So richtig scheint keiner zu wollen, dass die Tour zu Ende geht. Zwar ist bei den meisten Stolz über das Geleistete spürbar, immerhin liegen etwa 120 Kilometer Gehstrecke mit nicht weniger als 5000 Höhenmetern im Auf- und 5000 Höhenmetern im Abstieg hinter uns. Dennoch liegt deutlich auch ein Gefühl der Melancholie über der Szenerie. Es hilft nichts: Die bereit stehenden Kleinbusse bringen uns in ein Drei-Sterne-Hotel nach Meran, von wo aus die meisten nach einer langen Dusche zu einem Stadtbummel aufbrechen.
Stolz präsentiert sich die gesamte Truppe am Endpunkt unserer Wanderung, dem Tisenhof oberhalb des Vernagtstausees.
Erst jetzt merke ich, wie sehr ich mich in den vergangenen Tagen in den Bergen vom hektischen Alltag der Städte entwöhnt habe. Obwohl sich das Verkehrsaufkommen in dem weltbekannten Kurort in Grenzen hält und sich das Leben in eher beschaulichem Tempo abspielt, empfinde ich die vielen Menschen und den Geräuschpegel zunächst als eher unangenehm.

Besser geht es mir wieder am Abend beim gemeinsamen Abschied in einer schönen Meraner Weinlaube. Zunächst lässt Udo die komplette Reise vom ersten Tag Revue passieren, anschließend erhält jeder Teilnehmer seine persönliche Bildband-Broschüre und den verdienten Applaus.

Abschiedsabend in einer Meraner Weinlaube
Nach Udos Abschiedsrede ergreift spontan auch Bernd, ein ALPIN-Leser aus Auel, das Wort, um allen Mitwanderern sowie den Bergführern Michael und Udo zu danken. Bereits vor 25 Jahren wanderten Bernd und seine Frau Monika mit der Bergschule Oberallgäu von Oberstdorf nach Meran. Als die beiden in ALPIN lasen, dass die Leserreise von Udo Zehetleitner geführt würde, entschlossen sie sich, das silberne Jubiläum ihrer Alpenüberquerung mit einer Wiederholung derselben zu begehen.

Das Beispiel einiger deutlich älterer Mitwanderer hat Bernd und Monika veranlasst, sich vorzunehmen, das Ganze ein drittes Mal in Angriff nehmen zu wollen. In weiteren 25 Jahren. Einzige Bedingung, so fordert Bernd zum Abschluss seiner Rede: Udo Zehetleitner muss die Tour führen! Der wäre dann 92 Jahre alt. Zuzutrauen wäre dies dem rührigen Oberallgäuer allemal.

Am Ende dieses Webtagebuchs möchte ich mich herzlich bei allen Teilnehmern für ihr Interesse an meiner Arbeit und ihre Mithilfe bedanken. Liebe ALPIN-Leser, ihr wart eine tolle Truppe und es hat sehr viel Spaß gemacht, mit Euch diese Alpenüberquerung zu absolvieren.

Ich möchte mich Bernds Forderung anschließen und hoffe, wir sehen uns alle wieder im Jahr 2031, wenn es heißt: ALPIN-Leserreise Oberstdorf - Meran geführt von Udo Zehetleitner.

Weitere Artikel:
Der 1. Tag: Von Oberstdorf zur Kemptner Hütte
Der 2. Tag: Von der Kemptner zur Memminger Hütte
Der 3. Tag: Von der Memminger Hütte nach Zams
Der 4. Tag: Von Zams zur Braunschweiger Hütte
Der 5. Tag: Von der Braunschweiger zur Martin-Busch-Hütte

Weitere Informationen:
www.alpinschule.de
Similaunhütte
Informationen von Gegnern der TIWAG
www.tiwag.at
www.vent.at
www.meraninfo.it


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