Dass sich Markus Pucher am 14. Januar einen Platz in den alpinen Geschichtsbüchern sichern konnte, wissen ALPIN-Leser längst: Tom Dauer berichtet in der Chronik der April-Ausgabe über das schier unglaubliche Husarenstück des Kärntner Bergführers. Insofern ist die Meldung von Puchers Solo am Cerro Torre nicht neu. Die Fotos von dieser Jahrhundert-Tour möchten wir Ihnen dennoch nicht vorenthalten.

Letzte Vorbereitungen: Markus Pucher auf dem Weg zum Torre.
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Am 14. Januar 2013 stand der Osttiroler Markus Pucher allein auf dem Gipfel des Cerro Torre (3128 m) in den patagonischen Anden. Er war die "Ferrari-Route" auf der Westseite des Berges in 3 ¼ Stunden von seinem Biwakplatz unterhalb des Col de la Esperanza bis zum Gipfel geklettert. Für den Abstieg benötigte er lediglich weitere 2 ½ Stunden.

Damit gelang Pucher die fünfte Solo-Besteigung des Cerro Torre, die zweite Alleinbegehung der „Ferrari-Route“ — die erste hatte der Schweizer Walter Hungerbühler 2008 geschafft – und die erste Free-Solo-Begehung dieser Linie überhaupt. Eine Leistung, die einen schier sprachlos macht.

Markus Pucher bechreibt den Tag auf seiner homepage so:

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Auf dem Weg zum Col holte ich zwei kanadische Bergsteiger ein, die wir schon von Chalten her kannten - David und Carl - sehr nette Kerle, vor allem Carl ist ein Typ, mit dem man sich den ganzen Tag nur niederbrüllen könnte, unglaublich. Ca. um 16 Uhr war ich dann am nächsten Biwakplatz, 150 Meter unter dem Col. Die Sonne brannte unbarmherzig auf mich herab - ich hatte natürlich meine Sonnencreme vergessen, aber Carl war so nett und half aus - dafür musste ich mir halt wieder ein paar Scherze über mich anhören, aber egal.

Nach einiger Zeit stiegen vom Col ein paar Bergsteiger ab, die schon einen Tag vor uns gestartet waren, darunter auch zwei Freunde von mir - Isidor und Vito aus Osttirol. Sie hatten es zum Gipfel geschafft und waren sehr glücklich. Ich erzählte ihnen noch, warum ich alleine unterwegs war und erkundigte mich nach den Verhältnissen in der Route. Sie wünschten mir noch viel Glück und wir machten uns aus, gemeinsam ein Bier zu trinken, wenn ich wieder zurück in Chalten wäre.

Hat Großes vor: Markus Pucher

Die Route, die ich am nächsten Tag klettern wollte ist die Ferrari-Ragni Route, 600 Meter vom Col de la Esperanza zum Gipfel - Eis bis 95 Grad und Mixedgelände bis M5. Ich saß also im Biwak, ganz alleine - ich war zwar nicht alleine, da ja noch Carl, David und zwei weitere Seilschaften dort oben waren, aber trotzdem war ich alleine.

Es war schon eine ganz eigenartige Stimmung: Die einen fragten die anderen, wann sie denn vor hätten, zu starten, die anderen fragten wiederum die nächsten und so ging das eine Zeit lange ziemlich nervig hin und her. Mich fragte gar keiner - wahrscheinlich hatten sie gesehen, was ich so an meinem Klettergurt hängen hatte! Schließlich einigten sie sich auf 2 Uhr nachts, das hätte ich mir auch gedacht, gute Zeit. Schnell noch eine Suppe gegessen, was getrunken, Klo und rein in den Schlafsack, i-pod rein und Augen zu.....

Verdammt, habe ich verschlafen? Überall Lichter, voll der Lärm und Stress ,ein Blick auf die Uhr, Gott sei Dank, erst 1 Uhr. Die anderen wollten sich wohl gegenseitig austricksen und eine Stunde früher losgehen. Mir egal, ich stand gemütlich auf und aß mein Müsli, ja, ich hatte echt Müsli dabei, welches ich seelenruhig verspeiste und dabei zusah, wie die Lichter langsam in der Dunkelheit verschwanden. Ruhig bleiben, ganz ruhig, ich fühlte mich stark an diesem 14. Jänner, sehr stark......!

Einmalige Kulisse: Markus Pucher vor dem Cerro Torre.

Das Spiel hatte begonnen: Stirnlampe montieren, Helm aufsetzen, Jacke und Klettergurt anziehen, Material checken. Eine Eisschraube, drei Reepschnüre, drei Karabiner und mein Abseilgerät. Steigeisen anziehen und kontrollieren, ob sie richtig sitzen, 60 Meter Halbseil auf den Rücken, Trinkflasche an den Gurt, Eisgeräte in die Hand und los ging's! Ich fühlte mich fast schwerelos, spürte meine Freiheit....

Schon nach kurzer Zeit holte ich die erste Seilschaft ein, dann die zweite und schließlich noch die dritte. Nach ungefähr 80 Metern über dem Col war ich wieder alleine - alleine mit dem Cerro Torre und der Nacht. Es war ganz still, nur der Wind flüsterte mir noch ins Ohr, es war wunderschön! Ich fühlte mich sehr gut aufgehoben dort oben und wusste, hier gehöre ich hin. Es ging schnell voran und nach einer Stunde war ich in den Mixedlängen über dem Helmo.

Geschafft: Bei Sonnenaufgang steht Markus Pucher auf dem Gipfel.

Ich kletterte etwas zu weit rechts und so wurde aus M5 gleich mal M6 oder schwerer, aber zurück und woanders suchen wollte ich nicht. Augen auf und durch, dachte ich, sehr steiles, mit Eisglasuren durchsetztes Gelände führte mich direkt in die Headwall. Die Headwall ist eine senkrechte Mauer aus Eis, die nach oben hin immer noch steiler wird. Ich zögerte nicht und kletterte gleich drauflos. Dieser Teil der Route ist extrem ausgesetzt und ich spürte erstmals, dass es auch so etwas wie Schwerkraft gibt.

OK, dachte ich, konzentrieren, ruhig weiteratmen, die Hände einmal schütteln, schön steigen und ja kein Eisgerät fallen lassen, ich hab ja keine Handschlaufen, also cool bleiben und weiter. Natürlich macht man sich so seine Gedanken, aber ich dachte mir, du kannst das, ja du kannst das, also tue es jetzt! Später im leichteren Gelände, ein Stück nach der Headwall, wusste ich, wenn ich es bis hier hin geschafft hatte, dann würde ich auch den Rest schaffen!

Doch dieser Rest hatte es in sich, das Schwierigste kam zum Schluss: Die Gipfelseillänge, eine gut 50 Meter senkrechte, eilweise leicht überhängende Eiswand. Zu Beginn musste man jedoch zuerst 15 Meter nach rechts queren, und das war echt ungut, denn unter dieser Querung befanden sich 1000 Meter Luft und das Eis war brüchig und schlecht. Ich nahm alles von meinem Gurt, was ich nicht brauchte, also befestigte ich meine Trinkflasche an einer Sanduhr, die eine Seilschaft vor mir gemacht hatte und kletterte los.

Ganz oben: Markus Pucher auf dem Gipfel des Cerro Torre.

Es fing langsam an zu dämmern und der Abgrund unter mir wurde immer größer und tiefer. Das Eis am Cerro Torre ist nicht so, wie man es vom Eisklettern her kennt, nein es ist ein seltsames Eis aus Schnee und Luft, was das Ganze natürlich sehr instabil macht. Jeder für sich kann sich wahrscheinlich sehr gut vorstellen, wie es ist, dort oben ungesichert, mit eiskalt gefrorenen Fingern, Meter für Meter dem Gipfel entgegenzuklettern.

Und - ja, ich weiß, warum Ich das mache. Es ist für mich ein absolutes Gefühl der Freiheit und Lebendigkeit, dass ich in diesem Augenblick spüren und erleben darf. Es ist Montag, der 14. Jänner 2013 , 05.15 Uhr in der Früh, ich stehe am Gipfel des Cerro Torre, die Sonne geht langsam auf, der Wind peitscht mir ins Gesicht und ich bin glücklich. Ich hatte es geschafft, ich konnte free solo auf diesen gewaltigen , meinen Traumberg klettern! Unglaublich, aber es war tatsächlich so und definitiv kein Traum.

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