Über 20 Jahre waren seine vergnüglichen und tiefgründigen Geschichten nicht wegzudenken aus ALPIN. Sein Alter Ego Karl Tiefengraber brachte unsere Leser zum Schmunzeln, zum Lachen, zum Nachdenken. Am 08.08. ist Franz Xaver Wagner zu seiner letzten Tour aufgebrochen. Er wurde 72 Jahre alt. ALPIN trauert um einen wunderbaren Geschichtenerzähler und großartigen Menschen. Ein Nachruf von Clemens Kratzer.

Ein Leben ohne Schere im Kopf ist zu Ende: Franz Xaver Wagner verstarb am 08. August.
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An der Pinnwand hinter meinem Schreibtisch hängt seit dem 21. September 2004 eine Postkarte. Sie zeigt einen mehr als halbleeren Glas-Maßkrug, der auf einem Bierfass steht. Lieber hätte ich aber die Karte mit der Schriftseite nach außen drangehängt, doch das verbietet der Verdacht auf Eitelkeit. "Lieber Clemens, selten was Schöneres gelesen, als Deine Story über meine Berg-Heimat Tegernsee. Danke! Von Thoma bis Schalk und den lieben Gott! Herrlich, Dein FX."

Wo andere Schreiber aufgaben, da fing es für Franz Xaver Wagner erst richtig an, interessant zu werden. Dass die Welt nicht linear, sondern schräg, komisch (oft unfreiwillig) saudumm (nach Karl Valentin) und liebenswert ist, hat er erkannt und grade für das letztere Attribut vieles beigesteuert.

Wer seine Diavorträge besuchte, der kannte die Berge anschließend besser und genauer, als mancher studierte Oberalpinist. Und Franz Xaver war ja selbst ein Berg von einem Kerl. Ein warmherziger Bergfreund, aber im Körper eines Rübezahl süddeutscher Prägung.

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Begnadeter Satiriker: Franz Xaver Wagner. Bild: www.bergwoche.de.

Sein Alter Ego Karl Tiefengraber brachte Jahrzehnte ALPIN-Leser zum Schmunzeln, zum Lachen, zum Nachdenken. Wenn man heute so manch seichte Comedy als Lach-Unterhaltung serviert bekommt, dann denkt man oft: Bitte tiefer graben! ! !

Dass er seine spitze Feder an den Bergen gewetzt hat, das hat denen nicht geschadet, im Gegenteil und dass kritische Gedanken nicht stocksteif und humorlos daher kommen müssen - das auf Papier zu bringen oder in Bytes umzuwandeln, war seine große Gabe.

Nie, nie hätte ich vor ihm stehen mögen, mit irgendeiner Erfindung unterm Arm, FX arbeitete ja im Patentamt. Nichts von meiner lächerlichen Erfindung hätte seinem Blick über den Brillenrand hinweg standgehalten.

Das Um-die-Ecke-Denken hat er zelebriert, wie sein großes Vorbild Karl Valentin und weil er den so geliebt hat und seine Frau Marinka auch, so hat er mit ihr zusammen in den letzten Jahren ein Stück nach dem anderen des großen Querdenkers gespielt. Aber nicht nachgespielt, sondern mit anderem Körper und anderem Duktus, aber es war halt dann doch Valentin, oder Wagner, wer konnte das immer unterscheiden.

Ich saß manchmal dabei, wenn er in der Gaststätte Oberwiesenfeld oder in der Lindwurmstraße in einem bayerischen Nebenraum den Mann beim Apotheker mimte, dem die arme Marinka/Liesl Karlstadt an den vergessenen Arzneinamen erinnert: Isopropylbarbitursauresphenylmethyldimethylaminopyrazolon. "Wie heißt des?" Bis er nach mehrmaliger Wiederholung zugibt: "Ja, stimmt, so einfach und man kann sich's doch nicht merken."

FXW bei der Arbeit: So sah ihn Kollege und ALPIN-Karikaturist Georg Sojer.

Die Berge, die Bergsteiger, die Satire, die Kabarettfreunde, die Querdenker und Grübler, die Heiteren und solche Alpenvereinsmitglieder, die lachen können, die Ehefrau und Familie und - die ganze Redaktion von ALPIN, zusammen mit unserem Karikaturisten Georg Sojer, der fast zwei Jahrzehnte dem Tiefengraber ein optisches Ausmaß verliehen hat, und viele viele viele…trauern um Dich, lieber Franz Xaver Wagner. Am achten achten (sieht Dir ähnlich) hast Du Dir gesagt: "länger schau ich nimmer zu", und die Augen zugelassen. Lieber FX, komm gut da droben an und bitte, erschreck' die im Bergsteigerhimmel nicht gleich.

Alles braucht seine Zeit, die mit Dir war aber viel zu kurz.

Man sieht sich, Servus FXW

Dein Freund Clemens

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