Wer in Alpennähe die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Deutschlands besuchen will, trifft auf eine blonde Norddeutsche. Aus Ahrensburg, nicht weit von Hamburg. ALPIN-Redakteur Clemens Kratzer hat sich mit ihr unterhalten.

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ALPIN: Du stammst ja aus Ahrensburg. Da denke ich an große Druckmaschinen von Axel Springer und nicht an Bergsteiger.

Alix von Melle: Das Bergsteigen hab ich in Ahrensburg auch nicht betrieben.

ALPIN: Sondern wo?

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Alix von Melle: Ich bin eigentlich über das Skifahren zum Bergsteigen gekommen. Hab erst heute in der Zeitung gelesen, dass Hamburg die Skihochburg in Deutschland sei. Bei mir hat das nach dem Abitur begonnen und bin über Skifahren und Freeriden zu Tourengehen gekommen. Also über Wintersport zum Bergsteigen. Und weil das Tourengehen so viel Spaß gebracht hat, da dachte ich, da möchte ich im Sommer auch mal rauf gehen.

ALPIN: Was hast Du studiert?

Alix von Melle: Geografie. Ich bin ein Feld- Wald- und Wiesengeograf. Ich war in der Schule in Erdkunde einfach immer schon interessiert, obwohl mir klar war, dass das nicht die großen beruflichen Aussichten bietet. Es ist so ein schöner Studiengang gewesen, drum hab ich mir gedacht, das bring ich zu Ende.

ALPIN: Hattest Du als Kind schon Berufswünsche?

Alix von Melle: Gar nicht! Weder Tierärztin oder ähnliches, nee, überhaupt nicht. Ich hab mich eher schwer getan mit der Frage, was ich studieren soll. Meine Mutter war Berufsschullehrerin bis sie aufgehört hat, weil sie mit uns vier Kindern beschäftigt war. Mein Vater hatte eine kaufmännische Lehrte gemacht, er kam aus Lübeck und Mutter aus Bremen.

Dreigestirn: Alix (li.) mit Mutter und Bruder Philip (Foto: Archiv von Melle).

ALPIN: Vier Kinder?

Alix von Melle: Ja, ganz gerecht aufgeteilt, Meine Schwester, dann ein Bruder, dann ich und noch ein Bruder. Und jeder hat ein anderes Steckenpferd. Meine ältere Schwester ist eine gute Reiterin, Phillip, der zweite, der ist auch bei Globetrotter in der EDV. Als Mathematiker. Und er segelt. Und der Vincent, der jüngste ist großer Motorbastler.

ALPIN: Nun hat ja Hamburg nicht unbedingt Skiberge vor der Nase.

Alix von Melle: Schon zum Ende der Schulzeit bin ich mit einer Freundin ein paar Mal an den Arlberg gefahren. Das war bald wie ein Wohnzimmer, da haben wir Silvester gefeiert, und die Osterferien. Ich war froh, als ich das Tourengehen anfing, dass ich schon Skifahren konnte. Aber es war immer eine lange Anreise. Und dann kam eben auch das Sommerbergsteigen, das Klettern und ich hab gemerkt, dass das so genau meins ist. Als wenn ich unbewusst nach etwas gesucht hätte, was man ganz leidenschaftlich machen möchte. Meine erste Sommertour war übrigens eine Wanderung durchs Ötztal von Hütte zu Hütte. Und die erste Skitour war irgendwas Klassisches, Silvretta oder Jamtalhütte. Ich hab gleich richtig angefangen.

ALPIN: Und die Sicherheit?

Alix von Melle: Ich hab beim Hochschulsport Kurse mitgemacht, einen Kletterkurs, hab das ganze schon etwas fundiert angegangen. Mein Vater lebt ja nicht mehr, aber wenn ich auf Expedition losziehe, ist Mutter schon in Sorge, vertraut uns aber. Sie weiß, dass wir vorsichtig sind, rechtzeitig umdrehen. Expeditionen, das war dann noch mal eine neue Welt. Ich war begeistert vom Bergsteigen in den Alpen und hab eigentlich gar nichts vermisst. Meine Wunschliste war lang, aber alles in den Alpen.

ALPIN: Und wie änderte sich das?

Alix von Melle: Dann ist eines Tages der Luis (Stitzinger) in mein Leben getreten und das war zu der Zeit, als er für den Summit Club zum Aconcagua fahren sollte. Das war im Herbst 1998 und wir hatten uns im Sommer kennengelernt, bzw. waren seit Sommer ein Paar. Und er fragte mich, ob ich Lust hätte, mitzukommen. Und ich hab mir gedacht: Was tue ich denn da? Ich hatte doch noch so viele Ziele in den Alpen, es kam mir fast absurd vor, in den Flieger zu steigen und stundenlang ans Ende der Welt zu fahren, wo man doch die Berge vor der Haustüre hat. Aber ich dachte, angucken kann ich mir das ja einmal, es passte zeitlich vom Studium ganz gut.

Ist Deutschlands erfolgreichste 8000er Frau: Alix von Melle.

ALPIN: Angewandte Geografie.

Alix von Melle: Genau. Es ist tatsächlich so, dass mir für die fremden Länder jetzt das Studium zugute kommt. Und hab dann am Aconcagua bereits gemerkt, dass ich die Höhe gut vertrage. Da waren gut trainierte, z.B. Marathonläufer dabei, die mich unten wahrscheinlich in Grund und Boden gelaufen hätten, aber ich schlafe in der Höhe immer noch gut, kann mich also etwas erholen.

ALPIN: Vielleicht bist Du schon akklimatisiert auf die Welt gekommen?

Alix von Melle: Ja, seltsam, ich hab ja in der Jugend außer Schulsport nichts Großes gemacht. Richtig mit Sport hab ich erst nach dem Abitur angefangen. Da war es dann eines Tages einfach praktisch, in München weiter zu studieren und in der Nähe zu den Bergen zu wohnen.

ALPIN: Was aber bedeutet, dass Du zwei Tabus übersprungen hast. Erstens Frau und zweitens Norddeutsch, "a Preiss". Hast du das zu spüren bekommen?

Alix von Melle: Ich erinnere mich noch genau an die erste Weltreise zum Aconcagua. Als ich als Quasi-Begleitung vom Bergführer angesehen wurde. Kaum waren wir im Basislager angekommen, da fragten mich männliche Teilnehmer, was ich denn jetzt die ganze Zeit machen würde. Und ich hab nur geantwortet, ich hab bezahlt für die Reise und möchte den Gipfel versuchen. Was dann auch wunderbar geklappt hat. Aber man hatte mir das nicht zugetraut, sondern dachte, ich lese jetzt im Basislager drei Wochen lang Bücher. Und hab dann schon ein paar Sprüche gehört, aber das geht bei mir beim einen Ohr rein und beim andern raus.

ALPIN: Wissen die Hamburger eigentlich, was sie da für ein Juwel an den Süden abgegeben haben?

Alix von Melle: So richtig eigentlich nicht. Dazu bin ich zu wenig im Norden bekannt. Klar, in einem kleinen Ahrensburger Blatt stand schon mal was über mich drin.

ALPIN: Wann ging es dann richtig los, mit den ganz hohen Bergen?

Alix von Melle: Das war 1998 der Aconcagua, zwei Jahre später noch mal, dann schon die Südwand, eine der ganz großen Wände. Und da haben wir uns dann mehr und mehr gesteigert, wobei es davon abhing, welche Touren Luis für den DAV Summit Club geführt hat. Der Khan Trengri, dann Peru, dann Nepal, Ama Dablam, …

ALPIN: Wie hast Du das finanziert?

Alix von Melle: Ja, das war wirklich schwierig. Ganz viele Jahre war es so, dass ich jeden Cent in meine Reisen gesteckt hab. Luis hat einen Teil seines Bergführergehalts auch mal in meine Teilnahme gesteckt. Seit zwei Jahren ist das etwas stressfreier, seit ich finanziell unterstützt werde. Aber bis dahin wurde immer ein Jahr komplett auf so eine Reise gespart und mit Start der Reise war das Konto auf Null. Jetzt ist das schon ein bisschen entspannter.

ALPIN: Ist denn auf Reisen nie etwas passiert?

Alix von Melle: Also bisher haben wir ganz viel Glück gehabt. Kaum etwas passiert, aber natürlich erinnert man sich an so Sachen, als ein Sherpa durch Fixseilriss 500 Meter abgestürzt ist. Wir haben natürlich gedacht, der ist tot, aber er hat wie durch ein Wunder überlebt, wir konnten ihn ins Basislager runter bringen. Er ist nach Kathmandu geflogen worden und - er hatte relativ leichte Verletzungen. Für mich das Schönste war dann, dass er 2009/2010 wieder dabei war. Wir unterstützen auch heute noch seine Familie mit Geld und Kleidung. Aber bisher, toitoitoi, ist uns nichts passiert.

ALPIN: Macht das nicht ein wenig kurzsichtig auf die Gefahr, wenn immer alles gut geht, so dass man sich für unauslöschbar hält?

Alix von Melle: Ich glaube schon, dass man dann immer denkt, mir selber passiert schon nichts. Das ist bei Luis und mir so, wenn ich Angst habe, dann Angst um ihn und er hat Angst um mich. Bei mir selber denke ich schon immer, ich hab's voll im Griff. Aber trotzdem geh ich mit viel Respekt an die Berge, bereite mich auch darauf vor und deshalb glaube ich schon, dass ich sehr vorsichtig unterwegs bin.

Auf Expeditionen auch vom Studium profitiert: Die Diplom-Geographin von Melle (Foto: von Melle/Stitzinger).

ALPIN: Wenn man sich die ganze Litanei Deiner Gipfel anschaut, wundert man sich schon, dass man erst mit einem Achttausender von sich reden macht. Erst beim Wort Achttausend, wird es elektrisch.

Alix von Melle: Eigentlich war beim ersten Achttausender noch alles ruhig. Damals war ich mit einer Freundin unterwegs am Gasherbrum II. Und da habt ihr in ALPIN dann den schönen Artikel veröffentlicht. Elisabeth und ich, wir waren so stolz. Dann gab es noch über die Aconcagua-Südwand eine Veröffentlichung, aber eigentlich mehr nicht. Und jetzt eben diese Sache, dass ich die erfolgreichste deutsche Höhenbergsteigerin, die Gabi Hupfauer bei den Achttausendern überholt hab. Wir seh'n uns übrigens immer mal wieder und ich weiß noch, dass sie auch so was wie mein Idol war. Und Gabi hat sich gefreut, dass da jemand mal nachkommt. Sie fand es gut, dass Luis und ich da dran bleiben.

ALPIN: Wenn nun der Luis ein Tauchlehrer gewesen wäre?

Alix von Melle: Also mit Wasser hab ich es komischerweise nicht. So geht es ja manchen Bergsteigern. Für das Wasser ist mein Bruder als Segler zuständig. Vielleicht hängt das mit einem Horrorerlebnis zusammen, als noch ganz klein war. Ich bin damals auf einem Steg ausgerutscht und ins Wasser gefallen. Ich hab immer noch dieses Bild im Kopf, wie ich im Wasser war und hochguckte. Und meine Eltern haben mich auch sofort rausgezogen - Wasser ist mir seither ein wenig unheimlich.

ALPIN: Wobei ja Hamburger mit den Seepferdchen auf die Welt kommen.

Alix von Melle: Eigentlich schon. Trotzdem muss ich sagen, Hamburg liegt genau so wenig am Meer, wie München in den Bergen liegt.

Für eine Fotogalerie der Makalu Expedition klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link.

ALPIN: Mit dem Broad Peak in diesem Jahr geht es zum Achttausender Nummer sechs.

Alix von Melle: Ja - vier hab ich bestiegen, fünf haben wir probiert, der Makalu hat nicht geklappt im letzten Frühjahr. Und so gehe ich jetzt den sechsten Achttausender an.

ALPIN: Zählst Du mit?

Alix von Melle: Schwer zu glauben, aber ich hab zu Zahlen überhaupt kein Verhältnis. Ganz, ganz spät kam der Wunsch, einmal einen Achttausender zu besteigen. Wir waren jahrelang an Fünf- Sechs- und Siebentausendern unterwegs, das kam dann mehr so zufällig, dass Luis zu einem Achttausender geführt hat. Und da dachte ich: Na ja, einmal einen solchen Berg zu probieren, das wär' schon toll. Klar, bin ich schon stolz, dass ich jetzt einige Achttausender bestiegen habe, aber dass ich da an alle 14 denke, das ist komplett weit weg. Es ist toll, wie wir seit Jahren unterwegs sind, aber das wird auch wieder weniger werden. Ich hoffe mehr, so gesund zu bleiben, dass wir auch bis ins hohe Alter noch in den Bergen unterwegs sein können. Aber ich bin auch sicher, dass bei mir einmal der Punkt kommt, wo ich nicht mehr acht Wochen weg sein möchte. Wo vielleicht andere Bedürfnisse auch dran kommen. Aber da wir beide einen Beruf haben, merken wir, wie wahnsinnig viel Zeit solche Expeditionen verschlingen. Und außerdem will ich nicht, dass mein Bergsteigen und Klettern in den Alpen auf Dauer zu kurz kommt.

2010: Unterwegs am Cho Oyo (Foto: von Melle/Stitzinger).

ALPIN: Hast Du da einen Lieblingsberg im Auge?

Alix von Melle: Nee - gar nicht. Mich motiviert immer das Neue.

ALPIN: Umgekehrt: Welches Ziel steht bei Dir ganz oben?

Alix von Melle: Ja, in diesem Jahr natürlich der Broad Peak. Außerdem fahre ich noch gar nicht so lange Mountainbike, und da keimt mehr und mehr der Wunsch, dass ich mal einen Transalp fahre. Auch einige offene Kletterziele. Ich war, beispielsweise, noch nie im Oberreintal. Obwohl das fast vor der Haustür liegt.

ALPIN: Was passiert in Deinem Kopf, wenn Leute das Wort "Everest" zu Dir sagen?

Alix von Melle: Ganz ehrlich, ich denke: Jetzt fangen die schon wieder mit dem Everest an. Da zeigt sich auch, dass ich mit Zahlen nicht so viel anfangen kann. Das ist natürlich der höchste Berg aber er steht gar nicht bei mir oben auf der Wunschliste. Und ich denke auch sofort daran, dass er auch so überlaufen ist. Dass viele mit künstlichem Sauerstoff unterwegs sind, … trotzdem ist klar, dass es ein unglaubliches Gefühl sein muss, auf dem höchsten Punkt, zu stehen. Und wenn jemand sagen würde, kommt, wir fahren da hin, wir laden Dich ein, dann würd' ich's wahrscheinlich auch machen. Aber nicht so, dass es sein muss. Auch bei den Seven Summits ist das so, ich bewundere die Leute, die das geschafft haben, aber für mich selber wär' das überhaupt nichts.

ALPIN: Gibt es denn geografisch gesehen ein Wunschziel?

Alix von Melle: Das ist definitiv der Karakorum. Wir waren ja schon einmal dort, und auch am Nanga Parbat, der ja etwas außerhalb liegt, das ist schon wirklich eine ganz, ganz tolle Landschaft. Da freu ich mich jetzt schon drauf, wenn wir im Sommer dort sein werden.

Alix von Melle Kompakt

ALPIN: Aber die Menschen dort sind arm. Wie gehst Du damit um?

Alix von Melle: Als ich das erste Mal nach Nepal kam, hab ich wirklich etwas Angst vor dem Thema gehabt, ich dachte, in Kathmandu sitzen wirklich nur arme Menschen am Straßenrund. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Aber wenn ich die Armut sehe, komm ich mir fast ein bisschen schlecht dabei vor. Ich denke dann, wir leben in so einer Luxuswelt und es wird uns eigentlich immer erst bewusst, wenn wir in solchen Ländern unterwegs sind. Und dann spürt man erst, dass viele mit all dem Luxus gar nicht zufrieden sind. Es seh' das immer ein bisschen als Erdung meines Lebens und der Luxus, den man zu Hause hat, wird einem viel, bewusster. Man lernt auch mehr wertschätzen. Ganz banales Beispiel ist immer der Wasserkocher. Wie mühsam es ist, durch Schneeschmelzen Wasser zu bekommen. Oder der Gang zur Toilette - zu Hause liegst du im Bett und taptaptap springt man ins Bad. Der Wasserkocher kocht dir am Morgen ganz schnell das Wasser.

ALPIN: Bist Du schon mal krank nach Hause gekommen?

Alix von Melle: Ja. Mit Durchfall heim zu kommen ist ja fast normal. Aber am Khan Trengri bin ich zu schnell krank geworden. In der Gruppe ging eine Erkältungskrankheit herum, die ganze Apotheke war schon aufgebraucht, und ich hab gedacht, geht schon. Dann hab ich mir beim Husten eine Rippe gebrochen, dazu eine üble Rippenfellentzündung bekommen, das war sehr schmerzhaft und es hat zu Hause lange gedauert, bis wieder alles in Ordnung war. Ich hätte viel früher sagen müssen: Das hat keinen Wert mehr, insofern hab ich daraus auch eine Lehre gezogen.

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