Der Traum, als erste Frau der Welt auf allen 14 Achttausender stehen zu können, ist geplatz. Wenn ihn Gerlinde Kaltenbrunner denn je geträumt haben sollte. Vielleicht ist die 39-jährige Österreicherin sogar erleichtert, dass die Südkoranerin Eun Sun Oh den "Achttausender-Wettlauf" jüngst für sich entscheiden konnte. Kaltenbrunner und ihr Ehemann Ralf Dujmovits können sich nun ohne (medialen) Druck ihren derzeitigen Projekt widmen: der Everst-Nordwand. Lesen Sie Ralf Dujmovits zweiten Bericht aus dem Basislager...

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Liebe Freunde,

der Aufstieg zum Wandfuß erwies sich wie erwartet als unwegsam und lang. Einen Tag später als ursprünglich geplant starteten wir am 18. April von unserem ABC [...] Die ersten hundert Meter vom Basislager entfernt, trafen wir noch auf alte, zum Teil sehr wackelige Steinmänner von der Herbst-Expedition von Alberto Iñurategi. Danach bauten wir alle 50 Meter einen Neuen.

Mit ca. 15kg am Rücken war der ständige Steinmännerbau dann doch eine längere Prozedur. Aber lohnend - wir werden noch ein paar Mal den Zentralen Rongbuk-Gletscher mit seinen riesigen Büsereistürmen hinauf- und wieder hinunter müssen. Und die Wegfindung wird dann um Vieles einfacher sein.

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Für eine Bildgalerie der Everst Expedition von Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link. Am Nachmittag hatte es zugezogen und leicht zu schneien begonnen. Bei fast Null Sicht entschieden wir kurzfristig eine erste Nacht am letzten Moränenhügel zu verbringen. Bei strahlendem Sonnenschein stiegen wir am nächsten Morgen angeseilt weiter über den flach ansteigenden, sehr spaltenreichen Gletscher bis zum Wandfuß auf 6200m auf.

Wegen des sehr niederschlagsarmen Winters sind die Spalten zumeist zu erkennen oder nur sehr oberflächlich mit einer tückischen Schneeschicht überzogen. Nach 5 Jahren standen wir nun wieder direkt vor der Everest Nordwand.

Fragen über Fragen

Handarbeit: Ralf Dujmovits bereitet das Biwak vor (Foto: Gerlinde Kaltenbrunner).

Unweigerlich kreiste nur ein Gedanke: Werden wir es diesmal schaffen durchzusteigen? Ständig suchten die Augen nach der bestmöglichen Linie. Beide blieben wir mit dem Blick am Einstieg hängen. Wo werden wir den Bergschrund überwinden können? Gleich morgen früh würden wir den ca. 400m langen "Spalt" zwischen Gletscher und dem steil abbrechenden Eis der Nordwand genau anschauen.

Erstmal bauten wir unser kleines Zelt auf und verankerten es mit Eisschrauben am Boden, hatte uns doch Charly Gabl - langjähriger Freund und unser Meteorologe aus Innsbruck - ca. 60km/h Wind vorausgesagt. Die üblichen 5 Liter Flüssigkeit für jeden von uns dauerten lange, aber es war noch früh am Tag und wir wollten hauptsächlich die Wand inspizieren, sodass der Kocher nebenbei dahinschnurrte.

Mit Einbruch der Dunkelheit schlüpften wir schon in unsere Schlafsäcke. Außer den Windgeräuschen und dann und wann das tosende Geräusch eines herab fallenden Eisseracs war nichts zu hören. Ewig weit weg von jeglicher Zivilisation, lagen wir zufrieden und voller Zuversicht auf den nächsten Tag in den wärmenden Daunenschlafsäcken.

Am Wandfuß des Everst

Gut ausgeruht starteten wir nach dem Frühstück Richtung Wandfuß. Am rechten Rand fanden wir bereits eine zwar waghalsige aber höchstwahrscheinlich doch irgendwie überwindbare Schneebrücke. Etwas fragil aber möglich.

Trotzdem wollten wir uns vergewissern, ob es nicht doch noch einen besseren Einstieg geben würde. Ganz links war der Bergschrund über wenige Meter nur ca. einen Meter breit, dort könnte es gut klappen.

Wir wollten wenigstens die erste Seillänge klettern, um die Konsistenz des Eises zu spüren. Ein großer Spreizschritt an die Wand, Eisgeräte setzen und sofort eine Eisschraube drehen. Der Blick in den sicher 40m tiefen Abgrund zwischen Wand und Gletscher ist schon sehr respekteinflößend.

Für eine Bildgalerie der Everst Expedition von Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link. Danach einige Meter senkrecht hinauf, die zum Teil 20cm dicke Schneeauflage ist nicht wirklich mit dem Eis verbunden, dementsprechend schlecht der Halt der Eisgeräte. Danach legt sich das Gelände etwas zurück, in dem sehr harten Eis erweist sich aber auch hier das Setzen der Eisschrauben als sehr mühsam. Danach abseilen. Gut, nun wissen wir ein bisschen mehr.

Ralf meinte, nun haben wir dem Everest gerade mal am Hintern gekitzelt. Immerhin schon was. Langsam kehrten wir zu unserem Zelt zurück, es hatte zu stürmen begonnen. Plötzlich wurde unser kleines Zelt zur wunderbarsten Insel der Welt.

Logenplatz: Gerlinde Kaltenbrunner genießt die Rast während des Norwand-Zustiegs (Foto: Ralf Dujmovits).

Charly behielt wie fast immer recht - während der Nacht fürchteten wie mehrfach um die Bodenhaftung unserer kleinen Behausung. Der Wind hielt uns beinahe die ganze Nacht über wach. Viel Zeit zum Gedankenaustausch: positiv, der kaum vorhandene Stein- und Eisschlag, der auf die noch sehr niedrigen Temperaturen zurückzuführen ist.

Große Bedenken dagegen von Ralfs Seite wegen des Zeitbedarfs für zusätzliche Sicherung im harten, fast durchgängigen Blankeis und den damit verbundenen Mehrbiwaks - deren Plätze bisher noch nicht wirklich erkennbar sind.

Gerlinde hingegen ist positiv und glaubt mit ihrem Urvertrauen an mögliche weitere Biwakplätze, die uns von hier aus noch verborgen blieben. Vom Nordsattel bei unserer weiteren Akklimatisation werden wir mit dem Fernglas mehr erkennen können.

Rückweg ins Basislager

Bei immer noch starkem Wind bauten wir das Zelt am nächsten Morgen ab und vergruben es samt Schlafsäcken und Matten in einem ausgehackten Eisloch. Noch zwei Markierungsstangen - und danach ab ins Basislager, zu Sitaram und Tashi. Über jeden von unseren Steinmännern freuten wir uns und waren uns einig, dass wir einen guten Weg gefunden und markiert hatten.

Für eine Bildgalerie der Everst Expedition von Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link. Angekommen im Basislager, raus aus den dicken Expeditionsschuhen und erst einmal eine Tasse Milchtee, den Sitaram immer besonders gut mit Cardamon zubereitet.Nun werden wir noch einen Tag hier verbringen und dann zur nächsten Akklimatisation aufbrechen.

Geplant haben wir vom Wandfuß aus über die alte Odellroute zum Nordsattel aufzusteigen. Dort oben möchten wir eine Nacht verbringen und eventuell noch zwei weitere ein Stück oberhalb des Nordsattels. Danach werden wir uns wieder melden.

Bis dahin einen lieben Gruß aus unserer sonnigen, windgeschützten Basislagermulde.

Gerlinde und Ralf

Text: Gerlinde Kaltenbrunner & Ralf Dujmovits

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Weitere Informationen:

www.gerlinde-kaltenbrunner.at

www.amical.de

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