Martin Bösch arbeitet als "Ranger“"im Schutzgebiet Ifen. Mit Andrea Rudolf hat er sich über die Initiative "Respektiere deine Grenzen" unterhalten

Wer hat die Initiative "Respektiere deine Grenzen" ins Leben gerufen?

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Die Idee ist in Vorarlberg entstanden und dann in andere Bundesländer beziehungsweise die Schweiz und Süddeutschland "exportiert" worden. Der Deutsche Alpenverein führt seit Jahren die Kampagne "Natürlich auf Tour" und im Allgäuer Naturpark Nagelfluhkette gibt es inzwischen die Kampagne "Dein Freiraum. Mein Lebensraum". Bei diesen Kampagnen steht die Tourenlenkung mit besserer Beschilderung im Vordergrund – der Grundgedanke von Respektiere deine Grenzen (RDG) ist eher ein Bewusstseinsbildungsprozess.

Der "Herr der Tiere": Martin Bösch.

Welche Ziele hat die Initiative "Respektiere deine Grenzen"?

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Es geht darum, bei den Leuten einen Prozess in Gang zu setzen und einen Aha-Effekt zu erzielen. Mit offenen Augen durchs Gelände gehen und sich bewusst machen, dass man sich in der freien Natur auch in einem Lebensraum bewegt, dem man mit Respekt gegenübertreten sollte. Unsere Lenkung hat dabei nicht unbedingt etwas mit Verboten zu tun, sondern soll darauf hinweisen, dass man sich in Naturräumen anders bewegen und seine Wahrnehmung schärfen sollte.

Soll oder muss?

Respektiere deine Grenzen (RDG) ist eher als generelle Outdoor-Richtlinie zu verstehen. Das ist bewusst so gemacht. Eine konkrete Aufforderung, wie etwa die Tourenlenkung und die Beschilderung im Gelände, wie es der Deutsche Alpenverein macht, ist eine gute Vorgehensweise, die die Probleme direkt vor Ort managen soll. Aber die Kampagne RDG muss darüberhinaus unterstützend als Ganzes gesehen werden. Wir wollen einen Bewusstseinsbildungsprozess in Gang setzen, der hoffentlich auch in der breiten Masse ankommt.

An wen richtet sich die Initiative?

An alle, die draußen in der Natur unterwegs sind. Sie ist nicht explizit auf "den Mountainbiker" oder "den Skitourengeher" ausgelegt. Auch Wanderer, Spaziergänger, Waldnutzer, ja sogar mich selbst geht dieser Bewusstseinsbildungsprozess etwas an. Es gibt niemanden, der alles richtig macht. Selbst Leute, die sich vermeintlich gut auskennen, können Fehler machen. Man kann nicht immer wissen, wo sich welches Wildtier bewegt. 

Die Natur funktioniert 365 Tage im Jahr – sommers wie winters. Auf unserer Homepage haben wir Seiten für jede Jahreszeit mit Vorschlägen und Denkanstößen für verschiedene Outdoor-Sportarten. Grundsätzlich ist die Idee, dass man das ganze Jahr über draußen unterwegs ist. Je nachdem, wie man sich betätigt und bewegt, sollte man sich auch entsprechend verhalten. Mit einer gewissen Achtsamkeit draußen unterwegs zu sein, ist schon der erste richtige Schritt.

Wieso ist die Initiative notwendig?

Immer mehr Leute bewegen sich in alpinen Bereichen. Material und Ausrüstung werden immer besser, die Leute sind besser ausgebildet, sie wagen sich im Gelände immer weiter vor. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Dadurch wird es zwangsläufig in gewissen Gebieten auch immer voller und in einigen Zonen sind wir Menschen einfach ein Störfaktor.

Was ist am Kleinwalsertal als Gebiet besonders?

Das Kleinwalsertal ist eine Art Modellregion für die Initiative. Wir merken, dass man hier auf einem Weg ist, um ganz innovativ gemeinsam das Thema anzugehen und zu lösen. Der Sinnfindungsprozess beziehungsweise der Nachdenkprozess ist in vollem Gange. Das Kleinwalsertal ist eine Tourismusdestination, die intensiv besucht wird und gleichzeitig einen unfassbaren Naturraum beherbergt. Natur und Mensch sind hier stark miteinander verflochten. Ob Tourismus oder Landwirtschaft, die Menschen leben mit und von diesem Naturraum. Und nicht zuletzt erwartet auch der Gast, der die Region im Urlaub besucht, diesen Naturaspekt. Das erfordert eine intensive Zusammenarbeit im Nützen und Schützen dieses Naturraumes.

Welche Eindrücke hast du von den ALPIN-Tiefschneetagen im Kleinwalsertal mitgenommen?

Als der Tourismusverband Kleinwalsertal und die Bergbahnen Ifen auf uns mit dem Vorschlag zugekommen sind, ob wir uns nicht auf den ALPIN Tiefschneetagen präsentieren wollen, waren wir sofort dabei. Es freut uns sehr, dass das so aktiv auch von Seiten der Touristiker gefordert und gefördert wird. Auf der Veranstaltung haben sich Viele bestimmt erstmal gefragt, was der ausgestopfte Schneehase oder das Schneehuhn hier macht. Bei einem Sportevent wie den Tiefschneetagen möchte man natürlich vornehmlich Ski ausleihen und Material testen und erwartet nicht unbedingt eine Informationskampagne. Viele der Teilnehmer sind im Laufe des Tages dennoch mit Interesse an den Stand gekommen und wollten sich informieren oder einfach nur einen Blick auf die Karte mit den Schutzzonen werfen.

Und für nächstes Jahr?

Dieses Jahr war ein wichtiger erster Schritt. Für das nächste Jahr habe ich viele Ideen gesammelt. Zum einen könnte man Naturpädagogen mit Anschauungsmaterial schicken – vor allem für Kinder und Jugendliche. Zum anderen könnte man die von uns ausgebildeten Naturführer zusammen mit den Bergführern auf die Schneeschuhtouren schicken. Damit hat das sportliche Erlebnis zusätzlich noch einen ökologischen Beitrag. Teilweise warten die Bergführer nur auf Anschauungsmaterial, das sie den Teilnehmern zeigen können. Dieses Material können wir bereitstellen. Und wir haben die Leute, die das Wissen dazu vermitteln können. Die Teilnehmer sind fast ausnahmslos interessiert und wollen gerne etwas Lernen. In der Naturvermittlung sehe ich uns ganz klar als Schnittstelle, die dieses pädagogische und didaktische Material bereitstellt und auch vermittelt, wenn gewünscht.

Wo findet man die Initiative überall?

Derzeit decken wir nur Vorarlberg ab – also die Schutzgebiete hier vor Ort. Was aber nicht heißt, dass wir nicht grenzüberschreitend arbeiten. Der Ifen ist das beste Beispiel dafür: Es ist ein grenzüberschreitendes Natura 2000 Gebiet. Deutschland hat das Gebiet schon etwas länger als Naturschutzgebiet ausgewiesen als Österreich, das erfordert natürlich eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Ebenso im Naturpark Nagelfluhkette oder mit den Schweizern im Rheintal. Dort findet man dann auf beiden Seiten der Grenzen Ranger, die sich um die Gebiete kümmern. Die Naturschutzzusammenarbeit über Staatsgrenzen hinweg macht den Job auch so spannend. Schließlich macht die Natur nicht an menschlich gesetzten Grenzen halt.

Und du bist jetzt so ein Ranger?

Ich muss selbst immer lachen, wenn ich diese Bezeichnung höre. Offiziell ist unsere Bezeichnung Gebietsbetreuer. Den Begriff Ranger kennt man eher vom Naturpark Nagelfluhkette. Das ist vielleicht das Bild, das man von einem Ranger hat, immer draußen im Park, aber es ist auch ganz viel Büroarbeit. Derzeit sitzen wir noch zu 90 % am Schreibtisch über Formularen, über Karten, über Managementplänen und Formulierungen – also Bürokratie pur. Zwischendurch kommen wir aber auch raus, schließlich muss man sich sein Gebiet ja auch ansehen, Kartierungen machen und natürlich auch Öffentlichkeitsarbeit, wie auch auf den ALPIN-Tiefschneetagen. Da sind wir dann wirklich Ranger – so wie man es sich vorstellt.

Mehr Informationen zur Initiative findet Ihr unter respektiere-deine-grenzen.at

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1 Kommentar

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Kristian Rath

Interessant, dass die meisten alpinen Medien die Hintergründe zu dem Thema verschweigen. Gut, dass sich mal ein Alpmeister (hier Ifersguten) in Rage schreibt und den Allgäuer Bergsteigern das Schreiben vorliegt. Als es darum ging, eine Lockerung der Sperre an den Südwänden zu erreichen ging ein Schreiben ein, aus dem ich den nachstehenden Satz zitiere:

Da unsere Alpe vom Jagdpacht abhängig ist brauchen unsere Wiidtierc Rückzugsgebiete und Ruhezonen.

Alles zum Thema: https://freieberge.wordpress.com/2017/07/13/klettern-am-hohen-ifen-wie-der-naturschutz-missbraucht-wird/