Ein persönlicher Nachruf von ALPIN-Redakteur Andreas Erkens, der David Lama und Hansjörg Auer gut kannte.

Am 16. April 2019 endete eine Ära. Zwei der berühmtesten Alpinisten weltweit, die beiden Tiroler Hansjörg Auer (35) und David Lama (28) ließen gemeinsam mit ihrem US-amerikanischen Seilpartner Jess Roskelley (36) ihr Leben bei der Besteigung des Howse Peak (3295 m) im Banff Nationalpark.

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Damit haben zwei der inspirierendsten und richtungsweisendsten Alpinisten der letzten Jahre zusammen mit einem erfolgreichen Bergsteigerkollegen ihr Leben in den Bergen gelassen. Ein befürchtbares Ende für drei, die stets versucht haben, ihre körperlichen und mentalen Grenzen zu verschieben? Vielleicht. Ein erwartbares Ende aber mitnichten. Denn David, Hansjörg und Jess wussten sicher genau, was sie taten und welches Risiko sie bereit waren, dafür einzugehen.

Letztes Gipfelbild: Das Foto zeigt Jess Roskelley, Hansjörg Auer und David Lama am 16. April auf dem Gipfel des Howse Peak; es wurde - nachdem man am 21. April die Leichen der drei Extrembergsteiger gefunden hatte - auf dem Smartphone des Amerikaners entdeckt.

| © facebook.com/jessroskelley

Seit über zwölf Jahren begleite ich nun schon beruflich die Karrieren von David und Hansjörg, noch länger privat. Je länger ich beide kannte, umso sympathischer wurden sie mir. Was David und Hansjörg auszeichnete, war die intensive Reflexion ihres Tuns. Das fand ich immer bemerkenswert. 

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Beide analysierten sich, ihre Rolle im Alpinismus und die Zukunft des Bergsports stets messerscharf. Ihre Besonnenheit verband sie immer schon miteinander – bei allen Unterschieden. Und sie zählte zu ihren größten Stärken. Kein Wunder, dass beide gern gesehene Protagonisten in den Medien waren – ihre Strahlkraft war immens und bleibt es hoffentlich auch in Zukunft!

Jeder, der einen der Verstorbenen kannte, verbindet sicher eigene Erinnerungen mit ihm. Für mich ganz persönlich ist es eines meiner ersten Interviews für ein deutsches Klettermagazin, das ich mit David im Jahr 2009 führte. Schon damals war dem erfolgreichen Wunderkind und Wettkampfkletterer klar, dass seine Zukunft im traditionellen Alpinismus liegen würde. 

Der Howse Peak im Nationalpark Banff in Kanada. Auf der Ostseite des Dreitausenders war dem Trio Auer-Lama-Roskelley am 16. April die Wiederholung der extrem schwierigen Route "M-16" gelungen, die Steve House im Jahr 2000 eröffnet hatte. Beim Abstieg geriet die Seilschaft in eine Lawine und stürzte in den Tod.

| © Parks Kanada

Und bei Hansjörg, den ich auch viele Male getroffen habe, denke ich besonders gern an eine Podiumsdiskussion zurück zum Thema „Alpinismus der Zukunft“. Damals zeigte sich ganz deutlich sein Charakter, der mich stark beeindruckte: Ehrlich, bodenständig, familienbezogen und völliges Understatement betreibend. Zugleich aber aufgeweckt und absolut visionär, was sein Tun in den Bergen betraf.

Während David teils für seine klaren Worte und hohen Ziele kritisiert wurde, stellte man ihm oft die Frage nach dem Warum seines Handelns. Auch diese Frage verband die beiden Tiroler. Doch ging es bei Hansjörg eher um das persönliche Warum? Warum mussten es Free-Solo-Begehungen sein? Die Antwort gaben beide selbst. Hansjörg sagte 2015:

"Klettern und Bergsteigen im Grenzbereich ist kein Spiel ohne Risiko – aber eines, ohne das ich nicht leben kann. […] Das Einzige, was zählt, ist der Moment. Ich will etwas tun, das mich fordert. Ganz oder gar nicht. Je intensiver, umso mehr bekomme ich retour und umso mehr spüre ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin."

Es war eben ihr ureigener Antrieb. Etwas, aus dem sie und andere Bergsportler – egal, ob Profi oder nicht – ihre Lebensenergie ziehen. Weil sie selbst ihre Grenzen ausloten wollten und bereit waren, für ihre Träume alles zu geben. 

Für David war nur entscheidend, "dass man hinter seinen Entscheidungen und Taten stehen kann." Und auch für Jess Roskelley, den ich persönlich nicht kannte, hatte Bergsport eine besondere Wertigkeit: "Berge helfen mir zu bestimmen, was mir am wichtigsten ist. Sie gleichen das Chaos meines Alltags aus. Gleichgewicht ist auch das, was ich beim Klettern zu erreichen suche – die Balance zwischen dem Leben, der Liebe und den Bergen. Alpines Klettern ist ein dauerhaftes Bekenntnis. Das lebe und atme ich."

Hansjörg Auer war ein herausragender Free-Solo-Kletterer: "Ich brauche es, draußen in den Bergen zu sein.“, sagte der Ötztaler. Dennoch war ihm klar, dass nach dem Solo im "Weg durch den Fisch", das ihn 2007 schlagartig berühmt gemacht hatte, "wieder mein normales Leben stattfinden würde. Die Route würde nicht mein Glück oder mein Leben verändern. Da oben ist nicht der Himmel." Eine klare Botschaft, wie Hansjörg sein Leben verstand! 

Diese Bodenständigkeit verband ihn auch mit David. Genau für diese Einstellung liebten die Menschen die beiden sympathischen Ikonen des Alpinismus. Und so findet sich in Davids Kondolenzbuch auf seiner Website nicht umsonst über einhundert Mal das Wort "Inspiration" in den Beiträgen der Trauernden. Nur eines tauchte noch öfter Auf: "Danke". 

Und das möchte ich nun auch sagen. Danke für viele tiefsinnige Gespräche, konstruktive Diskussionen und magische Momente, die ihr mir und unseren Lesern geschenkt habt. Ihr ward herausragende Impulsgeber und Leuchtfeuer des Alpinismus. Eure Flammen werden auch in Zukunft hell strahlen – in den leuchtenden Augen derer, die bewundernd von Euch sprechen und versuchen, Euch nachzufolgen. Eure Namen werden in einem Atemzug genannt mit anderen, die zu früh von uns gegangen sind: wie Reinhard Karl oder Wolfgang Güllich.

Ruhet in Frieden.

Den kompletten, ungekürzten Nachruf von ALPIN-Redakteur Andreas Erkens findet Ihr in ALPIN 06/2019 (ab 11.05. im Zeitschriftenhandel erhältlich).

Text von Andreas Erkens

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