Das GNM in Nürnberg widmet der Historie des Volkssports Nummer eins eine eigene Ausstellung.

"Aus grauer Städte Mauern" wollten und wollen Wanderer zu allen Zeiten ziehen. In Nürnberg macht man den umgekehrten Weg und zieht in einen fensterlosen Saal des Germanischen Nationalmuseums, um mehr über das Kulturphänomen Wandern zu erfahren. Ob das funktioniert? 

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Die große Sonderausstellung gibt einen Überblick über 200 Jahre Kulturgeschichte des Wanderns und veranschaulicht den Wandel, dem es im Laufe der Zeit unterlag.

Sehenswert: Zahlreiche Werke der Kunstgeschichte mit dem gemeinsamen Thema "Wandern".

Der Streifzug beginnt etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich erstmals eine größere Anzahl Menschen aufmachte, ihre Heimat nicht aus der Not heraus, sondern aus Freude an der Schönheit der Natur zu Fuß gehend zu erforschen.

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Feldmesserbussole: Mit solchen Instrumenten wurde seit dem 18 Jahrhundert das Land vermessen.

So geht wandern bequem: mit der Sänfte durchs Elbsandsteingebirge.

Geschichtsträchtig: Helmut Kohls Wanderschuhe.

Der Besucher der Nürnberger Ausstellung lässt die Augen wandern über Werke der Kunstgeschichte und über Wanderequipment in Form von Wanderschuhen, Stöcken, Rucksäcken und Wanderkarten sowie Wegweiser und Parkplatzschilder, Gesellschaftsspiele und Filmausschnitte. 

Zugegeben: Allzu alpin sind die rund 400 Exponate nicht. Die Ausstellung bewegt sich eher in den deutschen Mittelgebirgen, wie der Fränkischen Schweiz, dem Harz, dem Schwarzwald oder dem Elbsandsteingebirge. Dies aber höchst informativ, sehenswert und manchmal auch humorvoll und augenzwinkernd.

So erfährt man beispielsweise, dass man sich in der Sächsischen Schweiz einst den Luxus gönnen konnte, sich beim Wandern tragen zu lassen ... 

Auch witzig: An der Duftstation "Wie riecht das Wandern?" darf der Besucher an fünf auf Kunstrasen platzierten Duftproben schnuppern, die an eigene Wandererlebnisse erinnern sollen. Olfaktorisch besonders herausfordernd: die Duftproben "Anstrengung" und "Almtier".

Was braucht man mehr? Herman Hesses Wander-Strohhut.

Marschierte bis 2017 in der JH Villingen: ein HJ-Junge.

Man erfährt, dass Herman Hesse begeisterter Nackt-Wanderer war und am liebsten nur mit dem in Nürnberg zu sehenden Strohhut bekleidet durch die Gegend zog. 

Vom einst ewigen Kanzler Helmut Kohl ist nichts dergleichen bekannt. Seine Schuhe, mit denen er Seit-an-Seit mit Franz Josef Strauß wandernd die kleinen und großen Probleme der Union und der Weltpolitik diskutierte, sind jedoch wie Hesses Hut ein sehenswertes Exponat der Ausstellung.

Stichwort "Wandern und Politik": Sozialistisch gesinnte Kräfte versuchten nach dem ersten Weltkrieg mit der Naturfreundebewegung Wanderer aus der Arbeiterklasse für sich einzunehmen. Etwa zur gleiche Zeit begannen auch die Jugendherbergen in Deutschland junge und jung gebliebene Wanderer mit sprödem Charme Obdach zu geben, U

Auch der NS-Zeit ist ein Teil der Ausstellung gewidmet: Zwischen 1933 und 1945 begann die NS-Diktatur das organisierte Wandern zu vereinnahmen. Deutsche Männer und Hitlerjungen wanderten - nein marschierten - für den Führer. Jüdische Wandersleute waren dagegen in deutschen Wäldern nicht mehr gern gesehen. 

War nicht nur mit dem Rad unterwegs Kamerad: Heinz Erhardt.

Ab den 1950er Jahren wurde dann gemäß der allgemeinen Aufbruchstimmung im Lande auch in Film, Funk und Fernsehen ein Wanderliedchen auf den Lippen fröhlich durch die junge Republik gezogen. Die allseits bekannten Lieder kann man in der Ausstellung nachhören, die Filme in Ausschnitten ansehen.

Mit den Volkswandertagen der 1970er und 1980er Jahren und dem wandernden Bundespräsidenten Karl Carstens nähert sich der Besucher der Austellung flinken Schrittes der Gegenwart.

Gibt es seit 1967: das Verkersschild "Wanderparkplatz".

High-Tech: Equipment und Kleidung des modernen Wanderers.

Darin ist Wandern "in" wie nie zuvor: 40 Millionen Deutsche geben an, in ihrer Freizeit die Wanderschuhe zu schnüren. 

Und die sind längst keine ungemütlichen Knobelbecher mehr, sondern wie das Equipment des modernen Wanderers insgesamt mitunter mit hochpreisigen High-Tech-Materialien gefertigt.

In der Gegenwart des Wanderns bleibt die Ausstellung jedoch nicht stehen, sondern geht am Ende des rund einstündigen Rundgangs sogar noch einen Schritt weiter: Da nämlich muss der Wanderer endlich dank Computer Animation und interaktiver Virtual Reality-Erlebnisse gar nicht mehr vor die Türe ...

Fazit: Interessant, lehrreich, unterhaltsam. Und dennoch und auch in Zukunft: Selbst rausgehen und wandern ist noch besser.

Die Zukunft des Wanderns?

"Wanderland. Eine Reise durch die Geschichte des Wanderns"

Wann: bis 28.04.2019

Wo: Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, Nürnberg

Eintritt: 8 Euro

Tipp: Den von Manuel Andrack gesprochenen Audio-Guide ausleihen. Kostet zwei Euro extra. 

Weitere Informationen: www.gnm.de

Text von Holger Rupprecht

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