In den Bergen oberhalb von Lech am Arlberg wurde ein Skyspace des Künstlers James Turrell eröffnet. Was ist ein Himmelsraum und was soll das Ganze eigentlich?, fragt sich ALPIN-Chefredakteur Bene Benedikt.

Ein künstliche Höhle mit einem Loch in der Decke – brauchen das die Berge? Nun, die sicher nicht, aber die Menschen! Denn was am 15. September feierlich in Lech eröffnet wurde, ist nicht einfach ein Stück Land-art, sondern eine neue Erfahrung der eigenen Wahrnehmung. Schwierig zu erklären, schwierig zu verstehen. 

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Dabei eigentlich ganz einfach, wenn man sich drauf einlässt: James Turrell, 75-jähriger US-amerikanischer Licht-Künstler, ließ einen ovalen Kuppelraum bauen, in dem Licht sich ganz langsam verändert, in Intensität und vor allem in der Farbe.

Ein Meister des Lichts: James Turrell 

| © Maria Muxel

Der Betrachter sitzt in diesem seltsamen Gehäuse, weiß nicht so recht, wohin er schauen soll, atmet irgendwann tief durch, entspannt sich, konzentriert sich auf die eigene Wahrnehmung und badet in dem Gefühl, die Orientierung zu verlieren, in einer Art Unendlichkeit aufzugehen. Wie in einem Schneesturm oder vielleicht wie ein Pilot im grenzenlos Nachthimmel. So mag es Antoine de Saint-Exupéry auf seinen Flügen über Wüsten und Ozeanen erlebt haben, bei denen sich der Kleine Prinz ihm zeigte …

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"The color inside": Skyspace-Installation von James Turrell in der University of Texas 2012.

| © Florian Holzherr

James Turrell ist einer der bekanntesten und wichtigsten Gegenwartskünstler. Die Kunsthalle Baden-Baden feiert ihn noch bis 28. Oktober mit einer großen Werkschau, die den bezeichnenden Titel "The Substance of Light" trägt. Seine Lichtobjekte stehen in Hannover (Sprengel Museum), Berlin (Dorotheenstädter Friedhof) oder bei Zuoz im Engadin. Im Roden Crater, einem erloschenen Vulkan in der Wüste von Arizona, arbeitet Turrell am größten je von Menschenhand geschaffenen Kunstwerk, in dem sich natürliches und künstliches Licht zu einem sinnlichen Gesamterlebnis verbinden.

An den Arlberg kam Turrell durch den Verein Horizon Field, der sich gegründet hatte, um die 100 Eisenmänner von Antony Gormley zu bewahren, die von 2010 bis 2012 auf Höhenlinie 2039 das gleichnamige Feld bildeten. Es gelang, James Turrell für das Nachfolgeprojekt zu begeistern und genug Sponsoren zu finden. Das Kunsthaus Bregenz, das 1997 mit einer Ausstellung von James Turrell eröffnet worden war, begleitete das Projekt. Viele Lecher engagierten sich ehrenamtlich im Verein oder ganz praktisch am Bau. Die Alpgenossenschaft Berger Alpe räumte eine unbefristete Grunddienstbarkeit ein.

Der Standort liegt nahe der Baumgrenze, eine Hügelkuppe namens Tannegg auf knapp 1800 Meter über Lech, mit letzten Blaubeeren des Sommers an den gewölbten Böschungen des gigantischen Ovals, das sich im Boden versteckt. Genau gegenüber das uralte Walserdörfchen Bürstegg und darüber die Flamme des Biberkopfs. 

Hier nagt der Rost: "Eisenmann" des Künstlers Antony Gormley.

| © Bene Benedikt

Der Eingang, der an antike Gräber wie in Ägypten oder Mykene erinnert, fasziniert durch die fugenlose Glätte des streichelweichen Betons und der tresorartigen Türen, die sich geheimnisvoll ohne Schloss und Drücker öffnen.

Das Innere des Ovals scheint keine eigene Farbe zu haben. Der Boden und die umlaufende Sitzbank bestehen aus leicht aufgerautem schwarzem Granit, der das Licht schluckt, das durch das Loch in der Decke fällt. Ein bisschen wie im Pantheon in Rom; hier wie dort dringen nicht nur das Licht, sondern auch die Witterung, Regen, Wind und Schnee durch die Öffnung. Die Wölbung darunter folgt dem Oval, blendend weiß und makellos geschwungen. Bauleiter Marcel Strolz erzählt, wie schwierig es sei, solche Formen zu bauen: ohne einen Vermessungstechniker, der laufend die Schalung kontrolliert, gehe da gar nichts.

Von außen ist außer dem Geländeeinschnitt für den Eingang wenig zu sehen, denn der Mauerring ragt nur eineinhalb Meter aus dem Boden. Daneben eine Art Käfig: der "Parkplatz" für die Kuppel, die wie eine Baskenmütze das Loch überdecken kann. Sie fährt auf Schienen über die Wölbung, schließt das Oval mit einer sanften Wölbung – oder erlaubt den Blick in den Himmel. Und ermöglicht damit zwei verschiedene Lichtinstallation. Beide ergreifend in ihrer Intensität. Ja, es geht hier darum, ein Kunstwerk mit allen Sinnenwahrzunehmen, wie Kunstprofessor Wulf Herzogenrath bei der Eröffnung erläutert (und sich entschuldigt, nicht zu schweigen).

Keine Bunkeranlage vergangener Kriege, sondern der neue Skyspace von James Turrell.

| © Florian Holzherr

Danach spricht keiner der Besucher, alle schauen und staunen schweigend. Die Granitbank ist bequem und – man glaubt es kaum – handwarm. Auch der Boden ist ganz leicht mit Erdwärme temperiert, erklärt Bauleiter Strolz, damit der Skyspace auch im Winter sicher zu besuchen ist. Turrell, der extreme Landschaften und die Naturgewalten im Hochgebirge liebt, sagt dazu: "I want people to ski into it!"

Wie soll das gehen? Ein Kunstraum, der einfach immer offen ist? Nur tagsüber, korrigiert Otto Huber vom Verein Horizon Field, während des Nachtdunkels werden die Türen geschlossen – nach Kontrolle, ob sich nicht etwa ein Fuchs hineingeschlichen habe. Alles per Handy-App ohne einen Wärter vor Ort. Eine Tafel bittet um eine Spende. 

Huber: "Wir müssen uns herantasten, wie viele Verbote es braucht." Der Verein und die Lecher hoffen auf Respekt der Besucher und möchten alles so schlicht wie möglich halten. Das schöne Wort "Niederschwelligkeit" fällt. Jeder soll seine Erfahrungen sammeln können – und dürfen.

Dazu muss man Zeit mitbringen: Das Lichtprogramm dauert ca. 40 Minuten, der Aufstieg von Bushaltestelle oder Bergstation Oberlech eine Viertelstunde, vom Tal aus eine gute Stunde. Der Skyspace-Lech ist am eindrücklichsten am Morgen oder Abend erlebbar; jeden Dienstagabend wird eine Führung angeboten, die nächste am 25. September 2018 um 19.00 Uhr. 

Die weiteren Termine stehen hier: https://www.skyspace-lech.com/besuchen/

Tägliche Öffnungszeiten 9:00 – 18:00 Uhr, während der Wintersaison 9:00 – 16:00 Uhr

Mehr zu James Turrell und seinen Arbeiten könnt Ihr hier entdecken:

Das James Turrell Museum in Salta, Argentinien. 

James Turrell im Museum Frieder Burda (ARD Mediathek)

Der Lichtkünstler James Turrell (ARD Mediathek)

Text von Bene Benedikt

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1 Kommentar

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OlliS.

Vor ab: Ich bin kein besonders Kunst interessierter Mensch, da stehe ich auch dazu. Trotzdem erkenne ich an, dass Kunst ein sehr wichtiger Bestandteil menschlichen Schaffens ist und auch bleiben sollte. Die Kreativität und Ausdrucksform einiger Menschen haben durchaus sehr spirituellen Charakter. Aber warum eine solche Installation mitten in eine Bergwelt die als solche doch schon von einer Schaffenskraft zeugt, die nie ein Mensch auch nur in Ansätzen erreichen wird. Glauben wir wirklich die Berge werden durch solche Dinge schöner ? Scheinbar gibt es jedoch immer mehr Menschen die zunehmend Wohlgefallen finden an einer "künstlichen" Welt. All diesen Menschen möchte ich einen Sonnenaufgang auf einem Berggipfel nahelegen, denn dort empfindet man etwas verloren gegangenes: Demut.
olli Schneider