Hans Kammerlander wurde 1956 als jüngstes von sechs Kindern in Ahornach geboren. Er bestieg die höchsten Berge der Welt, bei sieben 8000ern war er Seilpartner von Reinhold Messner. Nach der traumatischen Manaslu-Expedition 1991, bei der zwei seiner Kameraden ums Leben kamen, kehrte Hans 2017 an diesen Berg zurück. Unsere Interviewauszüge stammen aus der Autobiografie „Hans Kammerlander – Höhen und Tiefen meines Lebens“.

Hans, du bist am 11. Oktober 2017 nach Kathmandu und weiter zum Manaslu gereist, Wie hast du dich gefühlt?

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Entspannt und mit Vorfreude. Ich bin aufgebrochen, um eine Geschichte abzuschließen, vor der ich mich immer gedrückt habe.

Wer war dein Partner für den Manaslu?

Stephan Keck hat die Expedition geleitet. Er ist ein guter Alpinist und seine Lebenseinstellung gefällt mir.

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Die Expedition zum Manaslu war auch unter einem anderen Gesichtspunkt besonders. Ein Filmteam hat euch begleitet.

Der Regisseur Gerald Salmina schlug mir vor, einen Spielfilm zu machen. Nicht nur über das damalige Drama und meine Rückkehr zum „Berg der Seele“, sondern über mein ganzes Leben. Die Dreharbeiten fanden schon den ganzen Sommer 2017 über in Ahornach und ganz Südtirol statt. Die Rückkehr zum Manaslu war ein Höhepunkt. Der Film spiegelt auch mein Leben abseits der Berge wider. Wir haben etwa in der nach mir benannten Schule gedreht, die wir mit der Nepalhilfe Beilngries aufgebaut haben. Als wir da hinkamen, standen 400 Kinder im Schulhof und begrüßten uns. Das fand ich sehr schön. Früher waren meine Gedanken immer bei der Expedition. Das war diesmal völlig weg, was ich als sehr befreiend empfunden habe.

Alte Liebe: Hans und seine Oldtimer. Einer seiner VW-Käfer ist genauso alt wie er.

| © Enno Kapitza/ Pipier Verlag

Nach Kathmandu seid ihr weiter zum Manaslu. Hast du dich während dieser Tag innerlich auf den Berg vorbereitet?

Das war gar nicht mehr nötig, weil ich das schon all die Jahre vorher gemacht habe. Ich hatte keine Angst, sondern Vorfreude auf das, was kommen würde.

Hat sich der Manaslu verändert?

Ich habe ihn fast nicht mehr wiedererkannt. Er war nur noch ein Gewirr aus Spalten, dadurch ist der Berg viel schwieriger geworden. 1991 hätte ich ihn noch als leichteren Achttausender eingestuft. Das würde ich jetzt nicht mehr sagen.

Was waren deine ersten Eindrücke, als du im Basislager angekommen bist?

Schnee, Schnee, Schnee. Mir war sofort klar: Das wird ganz hart. Wenn der Wind den Schnee nicht aus der Wand bläst, wird es nichts mit dem Gipfel.

Trotz der Schneemassen habt ihr dann bald einen ersten Versuch gestartet.

Wir sagten uns: Wir gehen so weit wir kommen. An manchen Stellen lag der Schnee bis zu 2,5 Meter hoch. Für eine Strecke, die normalerweise drei Stunden dauert dürfte, brauchten wir drei Tage.

Hans’ Hände sind seine besten Freunde. Sie haben ihn am Berg immer festgehalten, wenn es sein musste, und die Sense schwingen können sie auch.

| © Enno Kapitza/ Pipier Verlag

Hast du es trotz dieser Anstrengung genossen, dort oben zu sein?

Am Manaslu zu sein und keine schlaflosen Nächte voller schlimmer Erinnerungen zu verbringen, das fand ich schön.

Bist du an den Orten vorbeigekommen, an denen 1991 Friedl und Carlo starben?

Der Berg verändert sich mit den Jahren. Aber bei Lager 1 wusste ich, dass wir ganz nah an der Stelle sind, an der Friedl vom Blitz getroffen wurde. Ich habe mich an die beiden erinnert, auch daran, wie es damals gewesen ist. Aber es hatte nichts Quälendes mehr und ich wusste, dass meine Flucht vor diesem Berg nun zu Ende ist.

Ihr seid trotz der schlechten Umstände noch weiter nach oben.

Wir sind bis zum Lager 2 auf 6700 Metern gekommen. Schneechaos pur. Die Lawinengefahr war enorm. Mit Unterstützung von vier ganz starken Sherpas haben wir uns durch den Schnee gewühlt, als wären wir lebende Pistenraupen. Das Komische war: Ich hatte in meinem Leben noch nie so viel schönes Wetter während einer Expedition – aber auch noch nie so viel Schnee. Es war, als wollte der Manaslu mir sagen: Genieß es, aber glaube bitte nicht, dass du hochkommst.

Du hast es dennoch versucht. Als ihr durch den metertiefen Schnee stapftet, wie hast du dich dabei gefühlt?

Früher war ich sehr explosiv in meinen Bewegungen. Das liegt daran, dass ich in diesem Schneller–höher–weiter-Modus war. Dieses Mal sind wir einfach entspannt gegangen. Ich musste mir nichts mehr beweisen.

Was sagten die Sherpas zu eurer Gipfelchance?

Sie meinten nur: „Not possible.“ Wir alle waren einem viel zu großen Risiko ausgesetzt, und damit war für mich klar: Das war’s jetzt. Im Grunde genommen hatte ich von Anfang an Zweifel gehabt, ob wir über diese zugeschneiten Flanken gehen können.

Wann hast du endgültig die Entscheidung getroffen, es sein zu lassen?

Oberhalb von Lager 2. Es war sehr kalt, minus 30 Grad, und der Gipfel war ganz weit weg. Es wäre sinnlos und gefährlich gewesen, es weiter zu versuchen.

Die Heumahd ist anstrengender als auf einen hohen Berg zu steigen.

| © Hans Kammerlander/Archiv

Wie geht es dir jetzt damit, es nicht nach ganz oben geschafft zu haben?

Ich habe den Gipfel nicht erreicht, und trotzdem war diese Expedition für mich eine der lohnendsten überhaupt. Ich war so froh, dort sein zu dürfen. Der Gipfel war mir nicht so wichtig, was auch daran lag, dass ich keine Wettkampfgedanken mehr habe. Ich habe den Berg angeschaut, und er war kein Feindbild mehr für mich. Ich musste in meiner Karriere oft umkehren, ich bin oft gescheitert. Insofern ist mein Abschied von den Achttausendern kein bitterer.

Wärst du trotzdem gern oben gestanden?

Die körperliche Herausforderung hätte ich gern angenommen. Einfach schauen, wie schnell ich noch bin. Die Luft auf 8000 Metern spüren. Das wäre eine runde Sache gewesen.

Gibt es die Gedenktafel noch, die ihr unmittelbar nach der Tragödie am Manaslu für Friedl und Carlo aufgestellt habt?

Wir haben ihre Namen damals in Stein eingeritzt. Ich habe diesen Ort, an dem wir die Gedenktafel angebracht haben, aber gar nicht mehr gesucht.

Hans’ Schwester Sabine übernahm nach dem Tod der Mutter deren Rolle.

| © Hans Kammerlander/Archiv

Was war der schönste Moment?

In Kathmandu hatte ich in einem Geschäft eine rote Kerze gekauft, die in einem schönen Stoffsack steckte. Eines Abends saßen Stephan und ich im Zelt. Stephan hörte Musik und ich bin noch mal raus, um mir die Bergwelt anzuschauen. Das letzte Abendlicht war noch zu sehen, dazu dieses intensive Strahlen der Sterne. Im Vorzelt habe ich dann die Kerze in den Schnee gesteckt und angezündet. Stephan hörte gerade einen Song von Hubert von Goisern, den ich sehr mag. „Heast as nit, wia die Zeit vergeht …“. Ein tiefes Lied vom Leben und vom Tod. Ich saß da und dachte: Es ist jetzt alles so lang her. Die Kerze brannte, im Hintergrund lief das Lied, und ich habe mich in diesem Moment Friedl sehr stark verbunden gefühlt und hatte das Gefühl, dass es gut ist, so wie es ist.

Hast du deinen beiden Freunden einen Gruß geschickt?

In Gedanken ja. Ich habe mich gefragt, wo Carlo und Friedl jetzt wohl sein werden. Der Berg hat sie verschluckt, sie fließen mit dem Eis. Ich hätte mir im Vorfeld nicht vorstellen können, wie positiv und schmerzfrei ich das alles erleben würde. Ich hatte befürchtet, dass es bedrückende Momente geben würde, dass alte Wunden aufreißen. Dass es ganz anders war, hat mich darin bestärkt, dass der Weg nach vorn der einzig richtige ist. „Gestern is heit wordn, und heit is bald morgn“, heißt es in dem Lied von Hubert von Goisern weiter.

War dein Leben besonders?

Durch die Arbeit am Film und auch an diesem Buch bin ich im vergangenen Jahr stark in meine Vergangenheit eingetaucht. Diese Monate waren auch eine Reise nach innen. Manchmal musste ich meine Schwester fragen, wie etwas war, aber irgendwann kamen die Erinnerungen wieder. Rückblickend würde ich sagen: Mein Leben war sehr lebendig und abwechslungsreich. Meine Jugendzeit ohne Heizung, Wasser und Strom – das war fast so, wie die Sherpas heute noch in ihren Hütten leben. Meine Anfangszeit in den Südtiroler Bergen, die Ausbildungen zum Skilehrer und Bergführer. Meine Zufallsbekanntschaft mit Reinhold Messner und unsere gemeinsame Zeit an den höchsten Bergen der Welt. Die Second Seven Summits. Mein spätes Vaterglück. Die Unglücke an den Bergen und unten im Tal. Die Rückkehr zum Manaslu nach 26 Jahren. Der Berg, der mir wieder gezeigt hat, dass ich besser unten bleibe. Ich glaube, das alles kann nicht nur Zufall gewesen sein.

Was kommt jetzt?

Ich habe am Manaslu meinen Weg zu den Achttausendern beendet, den ich aus Angst unterbrochen hatte. Ein Fehler, der nun korrigiert ist. Mein alpinistischer Weg geht aber weiter. Ich habe viele Ziele im Kopf! In der nächsten Zeit möchte ich zum Alpamayo in die Cordillera Blanca nach Peru. Dort war ich noch nie. Manche sagen, das sei der schönste Berg der Welt. Da gibt es eine Flanke, an der ich eine Skiabfahrt machen könnte. Ich muss dabei ja nicht wahnsinnig schnell sein. Das Hochgehen wäre kein Problem, meine Fähigkeiten auf den Skiern sind auch noch da. Dann möchte ich zu den Urwaldmenschen nach Neuguinea und vielleicht auch noch mal zum Cerro Torre.

Klingt nicht unbedingt nach Ruhestand …

Ich glaube, du musst immer Ziele haben. Wichtig ist, sie so auszuwählen, dass sie in deinem Bereich liegen. Die Ampel muss grün sein. Ich gehe nicht mehr, wenn das Licht rot wird. Ich möchte die Berge erfahren und in die Wildnis. Keinen Extremsport mehr.

Die Befrager: Verena Duregger und Mario Vigl. In der Mitte der Befragte: Hans Kammerlander.

| © Enno Kapitza/ Piper Verlag

So wie Reinhold Messner, der nach seiner aktiven Zeit im Höhenbergsteigen die Antarktis und Grönland durchquerte?

Tagelang einen Schlitten ziehen, das wäre nichts für mich. Einen Schlitten ziehen mit Heu darauf, das habe ich in meiner Jugend lange genug gemacht. Eher stelle ich mir so etwas vor, was Peter Habeler, der sich sein ganzes Leben mit den Bergen beschäftigt hat, zu seinem 75. gemacht hat. Da ist er mit dem jungen Topkletterer David Lama durch die Eiger- Nordwand geklettert – auf genau der Route, an der er damals zusammen mit Reinhold den Rekord aufgestellt hatte. Man kann also auch im fortgeschrittenen Alter noch schöne Geschichten machen. Ich freue mich richtig darauf.

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2 Kommentare

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Weigel, Klaus

Hans Kammerlander ist ein toller Bergsteiger, vor allem aber ein sehr sympatischer Mensch geblieben, den ich selbst auf einigen Wanderungen in Südtirol erleben durfte.

jonesbeyer

Eine bewegende Rückkehr. Den Friedl kannte ich und den Hans kenne ich seit ca. 30 Jahren. So gefällt er mir ganz gut. Er achtet jetzt auf die Ampel und hat damit die Chance, ein guter und alter Bergsteiger zu werden. Es isch guat wie es isch...