Stefan Glowacz und Markus Dorfleiter versuch(t)en eine schwierige Erstbegehung. Wir waren dabei.

"Fuuuuuck!"

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Unsere Journalistengruppe steht hunderte von Metern unterhalb der Schwarzen Wand im Höllental. Mit bloßem Auge sind Stefan Glowacz und Markus Dorfleiter nicht zu erkennen. Doch Stefans lauten Schrei der Enttäuschung hören wir auch aus dieser Entfernung.

Ready to rumble, schwarze Wand! ??

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Gerade hat es ihn wieder aus der Schlüsselstelle der Tour gehauen. Seit Stunden schon ist der Spitzenkletterer mit seinem Freund Markus in der Schwarzen Wand unterwegs und beide versuchen sich in der vierten Seillänge der Tour wieder und wieder an jener entscheidenden Stelle, deren Schwierigkeitsgrad sie mit 8c bis 8c+ einstufen (UIAA XI-). 

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Ort des Geschehens: Das Höllental unterhalb der Zugspitze.

Entschlossenheit in Stefans Blick: Heute soll's was werden mit der Rotpunkt-Erstbegehung.

| © Moritz Attenberger

Nicht, dass es danach eine leichte Tour würde. Auch die direkt im Anschluss kommende 5. Seillänge von insgesamt acht ist immerhin mit Schwierigkeitsgrad 8a (UIAA X-) einzustufen. Aber es ist doch ziemlich klar: Packen Stefan und Markus die Schlüsselstelle, gehört die erste Rotpunkt-Begehung der von ihnen eingerichteten Tour ihnen. Endlich. 

Schon vor 15 Jahren haben Stefan und Markus das Projekt eingerichtet und sind seitdem "dran" an der Rotpunkt-Erstbegehung oberhalb ihres Heimatortes Garmisch-Partenkirchen. Mal mehr, mal weniger intensiv. 

"Zwischendurch haben wir das Projekt auch aus den Augen verloren", erklärt Stefan. "Entweder ich war auf Expedition oder einer von uns war verletzt oder nicht in Top-Form. Und mit den Projekten vor der Haustüre ist es ja eh so eine Sache. Da meinst Du immer, das wird schon noch irgendwann. Und dann bist Du plötzlich 50 und erkennst: Jetzt wird's aber echt Zeit! Dieses Jahr steht ganz im Zeichen der Schwarzen Wand, dieses Jahr muss sie fallen." 

Markus, Jahrgang 71, und Stefan, Jahrgang 65, kennen sich schon seit Jugendtagen und kletterten einst gemeinsam in der Jugend-Nationalmannschaft. Die gemeinsame Zeit am Fels wurde dann aber weniger. Markus entschied sich, in der väterlichen Glaserei in Garmisch-Partenkirchen einzusteigen. Stefan beschritt dagegen eine Profi-Karriere, die ihn in die entlegensten Ecken dieses Planeten führte.

Geblieben ist beiden die Freundschaft, die Leidenschaft für's Klettern und: das gemeinsame Projekt an der Schwarzen Wand. "Entweder wir schaffen es gemeinsam oder wir scheitern gemeinsam", sagt Stefan für den es genauso wie für Markus nicht in Frage kommt, das Projekt mit jemand anderem abzuschließen.

Zähne zusammenbeißen: Die Schlüsselstelle ist ein echtes Brett.

| © Moritz Attenberger

In diesem Sommer meinen es die beiden ernst. Schon zehn Mal haben sie in den vergangenen Wochen versucht, die wohl schwierigste Route im Wetterstein rotpunkt zu klettern. Diesem gemeinsamen Ziel wird vieles untergeordnet. Stefan hat keine Expedition in den Knochen oder vor der Brust und beide haben fleißig trainiert.

Diffizile Kletterarbeit: Für einen erfolgreichen Versuch muss jedes Detail stimmen.

| © Moritz Attenberger

"Die Erstbegehung an der Schwarzen Wand ist für mich das aufwändigste Projekt, welches ich bisher in den Alpen gemacht habe", sagt Stefan. "Ich bin 1994 ‚Des Kaisers neue Kleider’ geklettert, damals die schwierigste Route im alpinen Sportklettern. Aber diese Route ist mir nicht so schwer gefallen wie die Schlüsselstelle an der Schwarzen Wand.“

Stefan beschreibt diese Stelle so: "Die Wand hängt alleine im oberen Teil an der Schlüsselstelle zwei, drei Meter über. Die Griffe sind dort so klein, dass man nur noch eine halbe Fingerkuppe auflegen kann. In dem Moment, in dem man versucht, sich hochzuziehen, spürt man, wie die Hand von diesem enorm flachen Reibungsgriff langsam abgleitet. Doch man muss diesen Griff fast bis zur Brust durchziehen, um dann ganz diffizil mit den Füßen auf dem Tritt stehend auch den nächsten schlechten Griff zu erreichen. Und das ist genau diese Bewegung, die uns immer wieder abwirft – obwohl wir immer wieder versucht haben, einen besseren Bewegungsablauf zu finden."

Um die Bewegungsabläufe in der Schlüsselstelle einzustudieren, haben sie die realen Griffe und Tritte gar in der Garmischer Boulderhalle nachgebaut. Präzise Milimeter-Arbeit ist gefragt, jedes Detail muss stimmen. 

An diesem langen Tag in der Wand scheint dies nicht der Fall zu sein. Obwohl hunderte Meter vom Ort des Geschehens entfernt, können wir Stefan und Markus hautnah verfolgen. Ein Spektiv von Carl Zeiss Sports Optics liefert in Kombination mit einem angedockten Smartphone präzise Live-Bilder aus der Wand. So sehen wir wiederholt einen der beiden an der Schlüsselstelle scheitern.

Um einordnen zu können, was da gerade in der Wand passiert, hat Stefans Partner BMW, dessen Einladung wir gefolgt sind, für höchst kompetente "Kommentatoren" gesorgt. Christian Schlesener und seine Frau Nina sind mit ins wunderschöne Höllental gekommen. Beide sind Bergführer, beide sind Spitzen-Kletterer und beide kennen Stefan und Markus gut.

Wieder nicht: Am Ende eines langen Klettertages seilt Stefan ab.

| © Moritz Attenberger

Schon jetzt ist klar: Eine Rotpunkt-Erstbegehung in einem Zug wird es heute nicht geben. Doch noch ist eine Rotpunkt-Erstbegehung (sturzfreie Begehung ohne technische Hilfsmittel im Vorstieg) aller einzelnen Seillängen an einem Tag möglich. Aber auch dafür wird es eng. "Die Jungs sind jetzt seit Stunden in der Wand. Langsam geht ihnen der Schmalz aus", sagt Christian zu uns. "Entweder es klappt jetzt oder heute nicht mehr."

Wenig später ist dann endgültig Schluss für diesen Tag. Stefan und Markus seilen ab. Gefehlt haben nur zwei Züge. Nicht viel, aber an diesem Tag zu viel.

"Der entscheidende Griff vor der Schlüsselstelle ist zwar meistens feucht, heute aber war er richtig nass", erklärt Stefan. "Das geht einfach dann nicht. Die Griffe sind so klein, dass man sofort runterschmiert. Und das ist heute auch wieder das Problem gewesen."

Aufgeben kommt für die beiden aber nicht in Frage, auch wenn sie allein an diesem Tag bestimmt 20, 30 Mal an derselben Stelle gescheitert sind.

Wir waren live dabei: ALPIN-Mann Holger und Stefan.

"Wir sind noch lange nicht am Ende. Ich habe für das Projekt mein Gewicht von 70 auf 67 Kilo reduziert. Bis 65 könnte ich noch runtergehen. Vielleicht sind das dann die entscheidenden Gramm", erzählt uns Stefan am Abend beim Weißbier auf der Höllentalangerhütte. Auch die äußeren Faktoren können entscheidend sein. Selbstverständlich muss die Wand vollkommen trocken sein, aber auch Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Windverhältnisse können das Zünglein an der Waage sein. "Wir werden nichts unversucht lassen. Vielleicht steigen wir sogar mal nachts mit Stirnlampen in die Wand ein...", ergänzt Stefan grinsend.

Symphatischer Spitzenkletterer: Markus Dorfleitner.

Ohnehin ist die Stimmung nach dem gescheiterten Versuch alles andere als gedrückt. Man spürt bei beiden allem lauten Fluchen in der Wand zum Trotz eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dem erneut gescheiterten Versuch.

"Sportlichen Ehrgeiz, es zu schaffen, haben wir schon. In erster Linie geht es uns aber darum, gemeinsam eine gute Zeit zu haben. Und die haben wir definitiv", sagt Markus und fährt schelmisch grinsend fort: "Sollte es tatsächlich nicht hinhauen, und wir endgültig aufgeben, rufen wir den Alex Megos an. Der kommt dann und macht die Rotpunkt-Begehung wahrscheinlich im ersten Versuch..." 

Ort des Geschehens war das Höllental oberhalb von Garmisch-Partenkirchen. Der Zustieg führt auch die berühmte Höllentalklamm. Unser Online-Chef Holger hat ein kleines Video seines Aufstiegs durch die Klamm auf Facebook geposted.

Text von Holger Rupprecht

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