Am 09. Juni 1957 standen Kurt Diemberger, Hermann Buhl, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller erstmals auf dem zwölfthöchsten Berg der Erde.

Seinen Namen verdankt der 8051 Meter hohe und zur Gasherbrum-Gruppe zählende Berg dem britischen Kunsthistoriker und Alpinisten Sir William Martin Conway, der sich, als er 1982 als Leiter einer britischen Erkundungsexpedition im Karakorum den Broad Peak zu Gesicht bekam, an das Walliser Breithorn erinnert fühlte.

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Einen Eindruck von den überwältigenden Dimensionen des mehrere Nebengipfel umfassenden Achttausenders erhalten auch Fritz Wintersteller und Kurt Diemberger am 29. Mai 1957. Die beiden Österreicher glauben sich bereits auf dem Hauptgipfel ...und müssen dann feststellen, dass (für sie an diesem Tag) der höchste Punkt des Berges tatsächlich noch in unerreichbar weiter Ferne liegt.

Enttäuscht treten sie zusammen mit Marcus Schmuck und Hermann Buhl wieder den Rückweg ins Basislager an, das man am 13. Mai - nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten - endlich beziehen konnte. Da die Mehrheit der rund 65 angeworbenen Hochträger in Streik getreten war, hatten die Österreicher ihre Ausrüstung in den Tagen zuvor größtenteils selbst in unzähligen kräfteraubenden Pendelmärschen vom Concordia-Platz zum Godwin-Austen-Gletscher tragen müssen. 

Treibende Kraft der Broad Peak-Expedition: Hermann Buhl.

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Auch zwischen den einzelnen Mitgliedern der "Karakorum-Expedition des Österreichischen Alpenvereins" sollte es in den nächsten Wochen immer wieder zu Spannungen und Reibereien kommen. Das Team zerfällt in zwei Lager: Auf der einen Seite Hermann Buhl, der Erstbesteiger des Nanga Parbat, Österreichs Vorzeigealpinist und neuer Volksheld, auf der anderen Seite der offizielle Expeditionsleiter Marcus Schmuck; auch er ein herausragender Bergsteiger, jedoch - anders als Buhl - ohne jede Achttausender-Erfahrung. Während der junge Kurt Diemberger zu Buhls Seilpartner wird, sind die beiden Freunde Schmuck und Wintersteller auch am Berg immer häufiger gemeinsam unterwegs.

Am gemeinsamen Ziel wird jedoch, trotz des herben Rückschlags Ende Mai, weiter festgehalten. Am 07. Juni startet man einen neuen Versuch. Es geht bis hinauf in Lager II, das die vier Alpinisten - wie auch alle anderen Hochlager - aus eigener Kraft, also ohne die Hilfe von Hochträgern, eingerichtet hatten.

Zwei Tage später erfolgt dann der erste "richtige" Vorstoß zum Hauptgipfel des Broad Peak, den Wintersteller und Schmuck schließlich am 09. Juni, einem Pfingstsonntag, gegen 17:00 Ortszeit erreichen. Eine stunde später steht auch Diemberger auf dem höchsten Punk des Massivs. Von Hermann Buhl fehlt noch jede Spur.

Beim Abstieg trifft Diemberger dann auf den völlig entkräfteten Innsbrucker, der sich nur noch mit viel Mühe auf den Beinen halten kann. Den Star des Nanga Parbat in so einer Verfassung zu sehen, berührt Diemberger zutiefst. Beim gemeinsamen Aufbruch am Morgen hatte Buhl erste Zweifel geäußert, es an diesem Tag bis ganz nach oben zu schaffen, wie sich Diemberger erinnert:

"Ich sitze im Schnee und blicke auf Hermann. Sein Fuß macht ihm sehr zu schaffen - ich kann es ihm ansehen. Und eben hat er gesagt, daß er so heute wohl kaum auf den Gipfel kommt. Ich bin traurig: Hermann, mein Seilkamerad...Gerade er, der Beste von uns - wie hat er sich die ganze Zeit für uns alle eingesetzt, Pläne entworfen, rastlos gearbeitet, das Letzte hergegeben! Hat hier am Berg alle Operationen geleitet...und gerade heute, wo es endlich ans Ziel gehen soll...Sein Fuß...Der Nanga Parabt...er hat ein großes Opfer gefordert."

Doch Buhl gibt nicht auf. In einem schier übermenschlichen Kraftakt (und in Begleitung seines jungen Seilpartners) kämpft er sich Meter um Meter den Gipfel entgegen. Auch Buhl verzichtet, wie schon seine Kameraden, auf die Hilfe von künstlichem Sauerstoff. Bei Sonnenuntergang steht er dann gemeinsam mit Diemberger auf dem höchsten Punkt des Broad Peak. In seinem Tagebuch beschreibt Buhl, der nun als erster Mensch zwei Achttausender erstbegangen hat, den Gipfelgang so:

"Am Vorgipfel begegne ich Fritz und Markus, beide sehr erschöpft, die ohne ein Wort zu sagen an mir vorbeigehen. Ich frage sie, wie weit es zum Gipfel ist? Eine gute Stunde! [...] Kurt steigt gerade vom Gipfel ab und auf halben Weg treffe ich ihn. Er ist ganz erstaunt, daß ich komme, und geht mit mir wieder zum Gipfel zurück. Um 7 Uhr, genau bei Sonnenuntergang, stehen wir oben."

Nur wenige Wochen nach dem Erfolg am Broad Peak stürzt Hermann Buhl an der Chogolisa (7654m) in den Tod. Seine Idee, den Westalpenstil auf die großen Berge des Himalaja und Karakorum zu übertragen, sollte jedoch Schule machen.

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