Unter dem Titel "Der Bischof am Kletterseil" lud die Katholische Akademie in Bayern am vergangenen Mittwoch zu einem spannenden Abend in der Mandlstraße 23 in München. Moderiert von Akademieleiter Dr. Florian Schuller traf der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke (63) in einem Bühnengespräch auf Kletter-Urgestein Thomas Huber (50). ALPIN-Autorin Johanna Stöckl war vor Ort.

Während unsereins im Foyer stehend – für den Fall, dass man mit dem Bischof ein paar Worte wechseln kann – noch schnell die richtige Anrede für einen Bischof googelt (lt. Wikipedia wäre dies "Exzellenz", "Hochwürdigster Herr" oder "Herr Bischof"), macht es sich Kletterurgestein Thomas Huber ein paar Minuten später auf der Bühne deutlich leichter. Unter Bergspezis sei das so üblich, erklärt er und nennt den Bischof fortan ganz einfach Gregor. Man duzt sich. Schließlich teilen Hochwürdigster Herr und der Huberbua eine Leidenschaft: das Klettern.

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Begeisteter Kletterer: Bischof Gregor Maria Hanke.

| © Johanna Stöckl

"Du kletterst lässig, Gregor, ich hab ein paar Videos von dir gesehen", eröffnet Huber das Gespräch mit einem Kompliment und erklärt den etwa 100 Anwesenden im großen Saal, dass der Benediktiner-Bischof ein ernstzunehmender Kletterer sei. Im Vorstieg, mit allem Drum und Dran. Exzellenz aber übt sich in Bescheidenheit und outet sich gleich zu Beginn als großer Fan von Thomas Huber. Man müsse die Kirche im Dorf lassen: "Kreisklasse trifft heute und hier auf Champions League."

Nach ein paar ernsten Gesprächsminuten, die aus aktuellem Anlass dem Tod von Ueli Steck gewidmet werden, nimmt die Diskussion launig Fahrt auf. Obwohl sich Huber und Bischof Hanke an diesem Abend zum ersten Mal gegenüberstehen, begegnen sie einander mit großer Neugierde und Offenheit. Thomas gesteht gleich zu Beginn zwar kein regelmäßiger Kirchgänger, sehr wohl aber gläubiger Christ zu sein.

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Spannender Abend für die über 100 Besucher im Haus der Katholischen Akademie in Bayern.

| © Johanna Stöckl

Gotteshäuser, eine Art "Ladestation" für Huber, sucht dieser außerhalb von Messen auf. In Ruhe und alleine. Später sogar ein Geständnis: "Als Bub war ich fanatischer Ministrant. Das ganze Priesterding’ wäre schon auch meins gewesen, aber dann kamen das Klettern, vor allem aber die Mädels dazwischen."

Der 50-jährige Kletterer, der mit Ehefrau Marion und den drei Kindern in Berchtesgaden lebt, spricht es zwar nicht aus, aber man spürt, dass er großen Respekt vor Bischof Hankes Vita hat, der seiner Berufung folgte, den Weg zu Gott einschlug und sich bedingungslos dem Zölibat verschrieb.

So unterschiedlich die Welten auch sein mögen, in denen Hanke und Huber leben, es gibt nicht nur zum Thema Berufung Übereinstimmungen. Beinahe philosophisch der Exkurs zum Thema Hingabe und Sehnsucht. Während Bischof Hanke die Sehnsucht nach Gott erfüllt, er sich, wenn man so will, in eine lebenslange Seilschaft mit dem Herrn begibt, treibt Huber die nicht enden wollende Sehnsucht nach Abenteuern an.

Starke Charaktere: Thomas Huber zwischen Kulthüttenwirt Charly Wehrle und Schwester Theodelinde.

| © Johanna Stöckl

In der Natur und ihrer "unbeschreiblichen Großartigkeit" fühlt Huber "Magie, etwas Höheres, vielleicht sogar Göttliches". Mit seiner Band "Plastic Surgery Disaster" hat Huber vor ein paar Tagen das neues Album "Desire" eingespielt. Der Refrain zum gleichnamigen Song "Sehnsucht" kam ihm in Patagonien: "There is a hope today, if you think higher. We have to go this way, it’s our desire."

Bischof Hanke kam im Alter von 15 Jahren über seinen Onkel zum Bergsteigen bzw. Klettern. Heute klettert der 63-Jährige mit seinem Klettertrainer oder seinem Sekretär: "Klettergrundkenntnisse waren Teil der Stellenausschreibung", sagt er auf der Bühne sitzend schmunzelnd

Ist er in den Bergen unterwegs geht Bischof Hanke in eine Zwiesprache mit der Natur. Während er den An- bzw. Zustieg zur Wand als eine Art Meditation versteht, definiert er das Klettern über den direkten Felskontakt als einen unmittelbaren und sehr ehrfürchtigen "Dialog mit der Natur". Thomas Huber kennt dieses Phänomen. Nur heißt es bei ihm anders, nämlich "Flow": das Einswerden mit dem Felsen, aber auch das Verschmelzen in der Wand zu einer funktionierenden Einheit als Seilschaft.

Mindestens genauso spannend der Exkurs zu den Themen Scheitern, Verantwortung und Abschiednehmen aus beider Blickwinkel. Nur selten scheiden sich die Geister. Während Bischof Dr. Gregor Maria Hanke Angst als durchaus heilsame Erfahrung empfindet, das Leben sei schließlich "von Ängsten, Zweifeln und daraus resultierenden Umwegen geprägt und somit keine Autobahn", will sich Huber von Angst erst gar nicht beherrschen lassen. Nicht als Kletterer, aber auch nicht als Vater.

Einer Absicherungs-Gesellschaft, in der pausenlos versucht wird, Risiko zu unterbinden und daher Menschen wie etwa den Extremkletterer Ueli Steck vorschnell als lebensmüden Hasardeur abzutun, hält Thomas Huber ein starkes Bild entgegen. Als seine Kids auf hohe Bäume kletterten mahnte er sie nicht – wie 90 Prozent aller Eltern heute – an, sofort wieder herunterzukommen. Zu gefährlich! Im Gegenteil, er fragte: "Und, was siehst du da oben Schönes?" Bei seinem eigenen Tun, dem professionellen Klettern geht es Huber weniger um Rekorde wie "höher, schneller, weiter", sondern vielmehr um ein Wachsen an persönlichen Herausforderungen.

In Hubers erstes Tourenbuch schrieb sein Vater einst die Worte von Bergbischof Reinhold Stecher aus Innsbruck: "Viele Wege führen zu Gott. Einer geht über die Berge". Die Sätze begleiten den Extremkletterer seit früher Kindheit und prägen seinen Weg. Auf der steten Suche nach Erfüllung im Leben sieht er sich "einer höheren Energie, einem Art göttlichen Schicksal2 durchaus verbunden bzw. phasenweise sogar unterworfen. Krankheit, Unfälle, den Verlust von guten Freunden musste der 50-Jährige schon hinnehmen.

Noch am Leben sein zu dürfen, versteht Thomas daher längst als ein großes Geschenk. 1000 Schutzengel hätte er vor einem Jahr gehabt, als er einen 16 Meter tiefen Sturz aus einer Felswand mit schwerer Schädelfraktur überlebte. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. Im Gegenteil. Er fragt sich, "worauf warten Menschen, die ihr Leben ohne Wagemut auf der Couch verbringen, eigentlich im Leben?"

Klettern verbindet!

| © Johanna Stöckl

Einer von Hubers 1000 Schutzengeln sitzt an diesem Abend leibhaftig im Publikum: Schwester Theodolinde, Generaloberin der Barmherzigen Schwestern in München und als solche zugleich mit der Geschäftsführung der ordenseigenen Adelholzener Primusquelle betraut. Bei Dreharbeiten zu einem Adelholzener Werbespot haben sich Huber und Schwester Theodelinde kennengelernt, bei einer gemeinsamen Bergtour auf den Hochfelln sogar angefreundet. Seither betet die Ordensfrau für Thomas, wann immer er zu einer Expedition aufbricht.

Nach 90 kurzweiligen Minuten lädt Huber den Bischof abschließend auf eine gemeinsame Klettertour ein. "Gregor, wann rücken wir gemeinsam aus?" Worauf Herr Bischof antwortet: "Wenn du Seniorenbetreuung machen magst, sehr gerne." In ersten Onlineveröffentlichungen liest man, die Akademiegäste hätten Bischof Hanke noch nie so locker wie an diesem Abend erlebt. ALPIN Autorin Johanna Stöckl war andererseits auch von Thomas Huber angetan. So reflektiert, aufgeräumt, humorvoll und offen hat sie den Extrembergsteiger zum ersten Mal gesehen.

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dreamingof8a

Gibt es davon eine Aufzeichnung im Netz, oder ein Transkript?