In den letzten Jahren ist die Beurteilung der Lawinengefahr viel über die Hangsteilheit definiert worden. Statistiken belegen, dass das so nicht haltbar ist. Neue Ansätze sind notwendig.

In den letzten Jahren galt die Steilheit eines Hanges in Verbindung mit der Gefahrenstufe als DIE entscheidende Größe zur Beurteilung der Lawinengefahr. Die elementare Reduktionsmethode ist das beste Beispiel dafür. Doch jedes Jahr gibt es Lawinenereignisse, die nach dieser Herangehensweise nicht hätten passieren dürfen.

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Die Statistik zeigt, dass etwa 20 Prozent aller tödlichen Unfälle im grünen Bereich der Reduktionsmethode liegen. Daher haben Ben Reuter vom SLF und Chris Semmel vom VDBS auf Grundlage neuester Statistiken diesen Ansatz in Frage gestellt und andere Faktoren in den Vordergrund gerückt.

Was nach wie vor gilt, ist die 30-Grad-Grenze: Unterhalb von 30 Grad gibt es keine Lawinen (wenn man die Einzugsbereiche berücksichtigt). Heute weiß man, dass bei Lawinenwarnstufe 2, 3 und 4 Schneebrettlawinen exakt die gleiche Steilheiten-Verteilung aufweisen. Schnee rutscht ab 30 Grad und am häufigsten bei 37,8 Grad – unabhängig von der Gefahrenstufe. Auch der Einzugsbereich (Beurteilungsradius) hängt nicht von der Gefahrenstufe, sondern von der Schneedecke (also dem Lawinenproblem) ab.

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Semmel und Reuter setzen auf ein neues Schema, sie nennen es G-K-M-R. Dabei steht G für Gefahren erkennen und deren Eintrittswahrscheinlichkeit bewerten, K für Konsequenzen abschätzen, M für Maßnahmen ergreifen und R für Risiko bewerten.G-K-M-R wird sowohl bei der Tourenplanung herangezogen als auch bei der Entscheidung im Einzelhang.

Neu ist dabei, dass bereits in der Planung auch die Konsequenzen, die ein Lawinenabgang haben würde, eingeschätzt werden und in den ganzen Planungsprozess miteinbezogen werden. Denn das Lawinen-Risiko setzt sich immer aus der Auslösewahrscheinlichkeit und den Konsequenzen zusammen.

Am Anfang jeder Planung steht nach wie vor der Lawinenlagebericht. Doch wichtiger als die Warnstufe sind die Informationen zum Lawinenproblem. Besteht aktuell ein Alt- oder Neuschneeproblem? Ist Triebschnee das, worauf wir achten müssen oder ist Nassschnee die Problemstellung? Mittlerweile werden die Lawinenprobleme in allen Lageberichten benannt und durch Symbole visualisiert (siehe Slideshow oben).

Schritt 1: Infos sammeln: Was sagt der Lagebericht? Lawinenproblem(e)? Wo liegen Gefahrenstellen? Grenzt der Lagebericht Gefahrenstellen ein? (Exposition, Höhenstufe?) Wichtiges aus dem Gefahrenbeschrieb: Was wird im Lagebericht an Zusatzinformationen gegeben? (Ist eine Auslösung bei geringer oder bei großer Zusatzbelastung möglich oder wahrscheinlich? Sind Fernauslösungen oder Selbstauslösungen möglich?) Wie ist das Wetter und wie soll es werden? (Niederschlag, Wind mit Triebschnee, Sicht, Temperatur?) Schneedeckeninfos für das Gebiet: Gibt es zusätzliche Informationen zur Schneedecke und deren Aufbau (Schneeprofile, Stabilitätstests)?

Schritt 2: -G- Gefahrenstelle erkennen: Mit der 30-Grad-Methode werden die Gefahrenstellen erkannt und Checkpunkte festgelegt. Dazu werden alle Hänge über 30 Grad entlang und oberhalb der Route auf der Karte gesucht, unabhängig von der Gefahrenstufe. Liegt der Hang außerhalb der Kernzone (im Lagebericht genannte Gefahrenstellen), wird er als günstig angenommen. Sind Fernauslösungen nicht zu erwarten (im LLB nicht genannt und kein Altschnee- oder Neuschneeproblem vorhanden), können auch angrenzende Hänge oberhalb der geplanten Route als günstig angenommen werden.

Schritt 3: Auslösewahrscheinlichkeit an den Gefahrenstellen abschätzen. Der Lagebericht wird für die Region runtergebrochen (Downscaling). Dazu gibt es ein Formblatt, das als Checkliste dient. Hiermit werden die Verhältnisse vor Ort mit den im Lagebericht genannten verglichen. (Checkliste im Internet als Download erhältlich unter: projektberg.de) Hier geht es darum, mit folgenden Fragen den Lagebericht mit den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort zu vergleichen. 1. Wie steil ist der Hang? Je steiler, desto gefährlicher, denn die Hangsteilheit korreliert mit der Bruchinitialisierung. Hier gibt es drei Klassen: gelb: 30 – 35 Grad, orange 35 – 40 Grad, rot > 40 Grad 2. Gibt es Alarmzeichen? Liegen Schneedeckeninformationen oder Tests vor? Welches Lawinenproblem existiert? Sind die Gefahrenstellen eingrenzbar und wo liegen sie?

Schritt 4: Nun versucht man folgende vier Fragen für jede Schlüsselstelle zu beantworten. Was nicht bei der Planung beantwortet werden kann, wird auf Tour ergänzt bzw. korrigiert: 1. Kann hier ein Schneebrett ausgelöst werden? (Schwachschicht vorhanden und störbar) 2. Ist eine Bruchausbreitung zu erwarten? (Frische Lawinen, Wumm, Risse, Testergebnisse vom Schneedeckentest?) 3. Drohen weitere Gefahren? (Andere Personen oberhalb, Absturz, Selbstauslösungen, Spalten?) 4. Sind frische Spuren vorhanden? Da in 90 Prozent der Unfälle das Schneebrett von der ersten Person ausgelöst wird, sind Spuren zwar kein absolutes Zeichen von Sicherheit, aber immerhin ein weiteres Indiz.

Schritt 5: -K- Konsequenzen abschätzen. Wie oben beschrieben, beantwortet man wiederum die vier Fragen im Formblatt: 1. Wie lang ist der Hang an der Schlüsselstelle? Je größer ein Hang desto länger die Lawine und die Energie (Geschwindigkeit, Verschüttungstiefe). 2. Wie viel Schnee gerät in Bewegung (Lawinengröße)? Je breiter und tiefer ein Anriss erwartet wird, desto tiefer wird eine Verschüttung ausfallen und umso kleiner sind die Überlebenschancen. (Die Überlebenswahrscheinlichkeit korreliert eindeutig mit der Verschüttungstiefe.) 3. Gibt es Geländefallen wie Abbrüche, Hindernisse, Gräben, die mechanische Verletzungen verursachen können oder die Verschüttungstiefe erhöhen? 4. Sind sichere Sammelpunkte möglich? Ziel muss sein, dass maximal eine Person im Gefahrenbereich ist, damit alle anderen als Helfer eingreifen können.

Schritt 6: -M- Maßnahmen überlegen/ergreifen. Nun gilt es, sich Maßnahmen zu überlegen, um den erkannten Problemen zu begegnen. Zum Beispiel kann eine mögliche Initialisierung durch Entlastungsabstände unwahrscheinlicher gemacht werden. Das ist der Fall, wenn der Lagebericht von „großer Zusatzbelastung“ spricht. Denn durch Abstände und einzeln Fahren verringert man die Belastung auf die Schneedecke auf „gering“. Oder können die Konsequenzen durch das Nutzen von sicheren Sammelpunkten herabgesetzt werden. Gibt es Alternativen zur Schlüsselstelle (Umgehung)? Gibt es alternative Ziele?

Schritt 7: -R- Zum Schluss wird das Risiko bewertet. Passt die Tour zu den vorherrschenden Verhältnissen und zu mir und meiner Gruppe? Ist das die richtige Tour für alle, mit denen ich unterwegs bin (Anzahl, Können, Motivation)?

Auf Tour wird dann weiter mit der G-K-M-R–Methode bis zur Beurteilung des Einzelhangs gearbeitet.

Fazit: Der Ansatz ist wie die meisten Theorien und Herangehensweisen zum Thema „Lawine“ auf den ersten Blick sehr komplex. Genauer betrachtet zeigt sich aber, dass er viele der Punkte aufgreift, die erfahrene Tourengeher schon immer beachten. Semmel und Reuter haben diese Gedanken verfeinert und systematisiert. Und zu allen Punkten gibt es Untersuchungen, welche die Zusammenhänge mit dem Lawinen-Risiko belegen.

Text von Chris Semmel

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