Wanderungen im Herbst sind für Fotografen eine tolle Zeit, denn aufgrund der speziellen Lichtverhältnisse können besonders schöne Bilder entstehen. Erst im Kopf, dann in der Kamera.

Zugegeben, Wandern ist nicht wirklich ein spektakulärer Sport. Viele Wanderfotos sind, na ja, eben informativ, nur selten sind sie kreativ, ab und an ist mal eines ganz witzig. Und nur wenn gleich mehrere positive Faktoren zusammentreffen, sind Wanderbilder mitunter schön und manchmal stimmungsvoll.

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Aber warum diese Einschränkungen? Für mehrere Millionen Menschen in unserem Land ist das Wandern ein wichtiger Lebensinhalt, ist dieses sanfte Bewegen und Erleben in der Natur Ausgleich und Leidenschaft zugleich.

Tilt-/Shift-Objektiv

Schräg? Komisch? Oder doch auch interessant? Die ungewöhnliche Unschärfe im Bild erreichte ich nicht nur über das Scharfstellen auf den Schuh bei Blende f 4,5, sondern auch über das "Verschieben" meines Tilt-/Shift-Objektivs. 17 mm f 4, bei Blende 4,5, 1/2000 Sekunde, ISO 400.

| © Bernd Ritschel

Schon oft habe ich fotografische Ratgeber geschrieben. Viel zu oft stand – jetzt im Nachhinein betrachtet – die Kamera, d. h. das Equipment im Vordergrund. Viel wichtiger sind jedoch der Bildinhalt und die Bildaussage. Deshalb möchte ich in diesem Artikel den Spieß einfach mal umdrehen und mit dem in meinen Augen wertvollsten und wichtigstem im Bild beginnen.

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Zeigt endlich Emotionen

Ein ehemaliger Kollege sagte einmal zu mir, natürlich höchst vertraulich und nur hinter vorgehaltener Hand: "Bernd, das Allerschlimmste für mich sind all die ‚What I did in my holiday‘-Bilder, die tagtäglich auf meinem Schreibtisch landen." Er meinte all die unscharfen, schlecht gestalteten und langweiligen Bilder, die so im Vorbeigehen entstehen. Vermutlich wünschte er sich für sein Magazin Bilder, die einen professionellen Mindestanspruch erfüllen, d. h. gut gestaltet und in gutem Licht fotografiert wurden, die glückliche und zudem ordentlich und modern gekleidete Akteure zeigen.

Es gibt heute Print-Produkte, die nur perfekte Bilder drucken. Überglückliche, immer lachende junge Pärchen, immer in traumhaftem Licht, an den schönsten Orten dieser Welt, das Ganze auf 180 Seiten. Top gekleidet, super sportlich und allzeit strahlend. Wisst ihr was? Ich kann diese Bilder nicht mehr sehen.

Wo ist die Seele, wo sind die Gefühle dieser Menschen geblieben? Deshalb: Wagt (nicht nur in der Fotografie) wieder mehr Emotionen! Drückt auch ab, wenn das Wetter lausig ist, die Freunde schlecht gelaunt sind und die Stimmung in der Gruppe den Tiefpunkt unterschritten hat! Zeigt erschöpfte Gesichter ebenso wie enttäuschte Gemüter, zeigt Stolpern und schlechte Haltung! Zeigt schlichtweg und einfach das authentische Leben!

Tipps kompakt

  • Bleibt nicht nur auf Höhe der Freunde! Steigt mal ein paar Meter auf (erhöhter Standpunkt) oder legt euch flach auf den Boden.

  • Stellt auf Details im Vordergrund scharf und zeigt die eigentliche Aktion nur in der Unschärfe!

  • Nutzt starke Weitwinkelobjektive für schöne Sonnensterne! Schließt und variiert die Blende für beste Ergebnisse.

  • Macht besonders im Gegenlicht mehrere Bilder mit unterschiedlicher Belichtung, um Überbelichtungen zu vermeiden!

Schräg und wild …

Herbstlaub

Nur durch den tiefen Kamerastandpunkt und die Schärfeebene auf den Blättern war es möglich, diese Bildwirkung zu erreichen. 17 mm f 4, bei Blende 9, 1/20 Sekunde, ISO 200.

| © Bernd Ritschel

… auch das darf die Fotografie sein, vor allem bei wenig spektakulären Spielarten des Bergsteigens. Die Jugend macht das mit ihren Handys ohnehin längst. Das geht natürlich kontrolliert, indem man einfach die horizontale Achse verlässt und die Kamera schräg hält. So entstehen durchaus ganz witzige und unkonventionelle Bildaussagen.

Man kann aber die Kamera auch völlig unkontrolliert über dem Kopf oder aber in Bodennähe "schräg" halten und einfach drauf los "schießen". Wichtig hierbei: oft abdrücken und auch verschiedene Zeit/ Blenden-Kombinationen versuchen, um die Trefferquote zu erhöhen.

Geht nicht, gibt’s nicht (mehr)

Alle Ausreden wie: zu wenig Licht oder zu schlechtes Licht, wie wir sie aus analogen Zeiten vielleicht noch kennen, sind längst passé. So dunkel kann es gar nicht sein, dass Kameras der neuesten Generation nicht irgendwie ordentliche Bilder zaubern. Es gilt: Schon im schummrigen Dunkel der Hütte beginnt der Fototag. Draußen im Licht der Dämmerung, vielleicht noch aufgehellt durch Stirnlampen, geht es stimmungsvoll weiter.

Wichtig hierbei: raus aus den Automatik-Programmen der Kamera und kontrolliert mit offener Blende (z. B. f 2, f 2,8 etc.) und mit angepasster ISO-Empfindlichkeit (z. B. ISO 3200) beginnen und später, bei mehr Licht, die Werte wieder "normalisieren" (z. B. f 5,6, f 8 und ISO 100, 200 oder 400).

Details sorgen für Abwechslung

… und diese Details müssen nicht immer schön sein. Mit Details meine ich nicht nur "nah ran" ans Motiv. Auch all die abstrakten Ausschnitte der Natur oder unserer Aktivität haben das Potenzial für ein wertvolles Erinnerungsbild. So dreckig kann ein Bergschuh gar nicht sein, als dass er, Jahre später, nicht Erinnerungen in uns wachruft.

Herbst in den Bergen

Ungewöhnliche Bildideen und Perspektiven bereichern jedes Wanderbild. In diesem Fall war es der ungewöhnliche Standpunkt in Kombination mit einem extremen Weitwinkelobjektiv. 15 mm f 2,8, Blende 10, 1/250 Sekunde, ISO 250.

| © Bernd Ritschel

Ein ansprechendes Motiv, besonders jetzt im Herbst, sind natürlich all die farbintensiven Blätter und Gräser am Wegesrand. Auch hier gilt: Es muss nicht immer das Hauptmotiv "scharf" sein, es kann auch mal die Schärfe auf dem Vordergrund liegen, so dass die Berge im Hintergrund nur schemenhaft zu erkennen sind. Denn das schafft Spannung und zieht das Auge des Betrachters an.

Das mit dem Vordergrund …

… ist natürlich relativ. In der Landschaftsfotografie spielt der Zeitaufwand für einen schönen oder ungewöhnlichen Vordergrund keine Rolle. Aber wie sieht es damit beim Wandern aus? Ich habe ja gerade schon die herbstlichen Blätter und Gräser als möglichen Vordergrund angesprochen. Aber ist ein kreatives Agieren, d. h. das bewusste Gestalten eines Bildes mit Vordergrund, beim Wandern überhaupt möglich? Ja, in meinen Augen ist es auch für Amateure machbar.

Versucht folgende Vorgehensweise: Geht immer dann, wenn ihr fotografieren wollt, 10 bis 20 Meter voraus, die Kamera – vorzugsweise mit einem Weitwinkelzoom bestückt – griffbereit vor dem Bauch. Achtet aufmerksam auf interessante Details am Wegesrand. Die Kamera ist eingeschaltet, die Blende auf Werte um f 8 oder f 11 voreingestellt. Sobald ein potenzieller Vordergrund gefunden ist: Geht in die Knie, platziert den Vordergrund im unteren Drittel des Bildes und lasst die Freunde ins Bild laufen bei gleichzeitigem und kontinuierlichem Auslösen mit maximaler Serienbildrate. Ihr werdet sehen: Wenn man diese Vorgehensweise immer wieder übt, entstehen sehr schnell gute Bilder und die technischen Abläufe werden zur angenehmen Routine.

Der Trick mit dem Schritt

Jetzt muss ich doch noch mal auf das Bildmotiv mit den allzeit glücklichen Pärchen zurückkommen. Die gehen oft sogar immer im Gleichschritt! Bei einem Wander-Shooting für einen Tourismusverband achte ich natürlich auch auf diese "perfekten" Bilder. Warum? Weil sie der Kunde wünscht.

Grüner See

Wichtig waren hier: Der erhöhte Standpunkt, um die Lage des Sees zu zeigen, und der Polfilter, der das Grün des Sees ohne Reflexe zeigt. 24 – 70 mm f 2,8 L II, bei 44 mm und Blende 6,3, 1/320 Sekunde, ISO 500.

| © Bernd Ritschel

Aber zeigen sie die Realität? Nein. Mein Tipp für authentische Wanderbilder: Fotografiert – ganz gleich wie wertvoll oder kreativ euch ein Motiv erscheint – im Serienbildmodus. Das heißt, löst möglichst oft aus. Nur so könnt ihr zu Hause entscheiden, welcher Schritt, welche Haltung und welche Position der Akteure im Bild euch gefällt.

Welche Kamera?

Auch beim Wandern bin ich dankbar, wenn mich der Rucksack und die Fotoausrüstung nicht allzu sehr belasten. Kameras wie die XT1 von Fujifilm (bzw. die günstigere XT10) oder die Sony 7 Mark II (für alle, die den größeren Vollformatsensor bevorzugen) sind kompakt und leicht bei gleichzeitig hervorragender Qualität.

Natürlich sind auch einige Kompaktkameras geeignet, sie müssen – zumindest für mich – jedoch einige Vorgaben erfüllen. Sie sollten:

  • Einen großen Sensor haben (mindestens 1 Zoll, besser MFT oder APS-C).

  • Eine schnelle Serienbildfunktion (mind. fünf Bilder pro Sekunde) haben.

  • Einen hellen und übersichtlichen digitalen Sucher bieten.

  • Das Aufzeichnen von RAW-Daten ermöglichen.

  • Das integrierte Zoomobjektiv sollte möglichst stark in den Weitwinkel-Bereich hineingehen (KB z.B. 24 – 70 mm etc.).

Die Objektivwahl

Wie bei allen anderen Outdoor-Sportarten auch erleichtern Zoomobjektive das Agieren auf langer und anstrengender Tour ungemein. Man ist einfach flexibler und behält so länger die Freude an der Fotografie. Grundsätzlich gilt: umso stärker das Weitwinkel umso weniger weit muss ich mich von der Gruppe entfernen. Mein Favorit auf einer normalen Wanderung ist nach wie vor das 16 – 35 mm Weitwinkelzoom (auf KB bezogen).

Wie transportieren?

Wann immer es das Wetter zulässt, trage ich die Kamera griffbereit vor dem Körper. Nur bei Niederschlag verschwindet sie in einer möglichst wenig auftragenden, flachen Tasche. Denn: Eine Kamera im Rucksack macht keine Bilder. Die Wechselobjektive, ein bis zwei Ersatzakkus sowie der Polfilter befinden sich in einer kleinen Kameratasche im Rucksack.

Text von Bernd Ritschel

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