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Onlinetagebuch: ALPIN Leserreise - Mit Peter Habeler ins Everest-Basecamp

Der Berg ist wieder frei

17.05.2008 13:35:17
Ganz nah dran am Spitzen-Alpinismus und an einem wichtigen Thema der Weltpolitik war unsere Trekking-Gruppe am 09. Mai. Im Rahmen eines Besuchs des Everest-Basislagers ging es um Gipfelbesteigungen, chinesische Feuerspiele und nepalesische Sturmgewehre.
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Basecampimpression. Bild: Holger Rupprecht.
Ich ringe nach Luft. Mein Puls holpert jenseits der 120er-Marke. Es ist schon ein Unterschied, ob man sich kurz über der 5000er-Marke aufhält (wie wir bereits am Gokyo-Ri und am Cho La), oder sich dauerhaft in diesen Regionen bewegt. So wie heute auf unserem Weg von Lobuche (4900m) ins Everest-Basecamp (5350m).

Über die Endmoräne des Changri Nup-Gletschers bewältigen wir zunächst den kräftezehrenden Anmarsch zur Hochalm Gorak Shep (5.200 m). An der Seitenmoräne des Khumbu-Gletschers steigen wir weiter auf und wandern über den spaltenfreien Abschnitt des Gletschers zum Basislager des Mount Everest.

Bei zunächst strahlendem Sonnenschein begeistern vor allem der wunderbare Einblick in die Nuptse Südwestwand und in die blauweiß schimmernden Eispyramiden, die bis zu 30 Meter hoch in den Himmel aufragen.

Wenige hundert Meter vor dem Basecamp, kommen uns dutzende schwer bewaffnete Soldaten entgegen. Wir erfahren kurz danach im Basislager, dass die Chinesen inzwischen wie geplant die olympische Fackel von der tibetischen Seite auf den Gipfel gebracht haben. Die Angst vor öffentlichkeitswirksamen Protesten auf der nepalesischen Seite ist gewichen. Die Soldaten, die ebendies verhindern hätten sollen, haben ihre Schuldigkeit getan und dürfen nach Hause. Vielleicht gibt es dort ja Sinnvolleres zu tun, als einen Berg zu bewachen.


Um zur Fotogalerie der Tour ins Basecamp zu gelangen, klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link.

Im Basecamp eingetroffen, ist ein Gefühl der Erleichterung spürbar. Auch der optische Eindruck ist alles andere als unfreundlich. Man liest viel, das Everest-Basecamp sei dreckig ("die höchst gelegene Müllhalde der Welt"), es würde dort stinken und insgesamt eine unangenehme Atmosphäre herrschen. Wir können dies nicht bestätigen. Im Gegenteil, das Areal wirkt aufgeräumt und ist sogar vielerorts liebevoll geschmückt.

Vielleicht sind wir auch nicht ganz objektiv, denn durch Peters Kontakte finden wir schnell Zugang zu einem geräumigen, sonnendurchfluteten Aufenthaltszelt, in das uns Norbert Joos und "Kobi" Reichen, Spitzen-Alpinisten aus der Schweiz, einladen. Norbert Joos hat bislang als einer von ganz wenigen Bergsteigern 13 von 14 Achttausendern ohne Sauerstoff bestiegen. Der Everest, den er mit "Kobi" in den nächsten Tagen besteigen will, würde seine Sammlung komplettieren.

Die beiden sind bereits seit vier Wochen im Basecamp und erzählen uns von der zurückliegenden Zeit. Den Informationen von Norbert entsprechend, haben am 08. Mai um halb sechs Uhr morgens 17 chinesische Bergsteiger das olympische Feuer auf den Gipfel gebracht. Damit ist die Sperrung des Berges, die von der nepalesischen Regierung erhoben worden war, aufgehoben. Ursprünglich hatte es geheißen, dass bis 10. Mai nur Versicherungsarbeiten bis Lager II gestattet werden. Dort angekommen, erwarteten den renitenten Bergsteiger freundliche aber bestimmte Soldaten, die klarmachten, dass ein Weitersteigen verboten sei. Dieser Ansage verlieh ein umgehängtes Sturmgewehr ungeheueren Nachdruck. Im Basislager, so erzählt Norbert weiter, sei jeglicher Kontakt zur Außenwelt, also telefonieren oder mailen verboten gewesen. Ein US-Bergsteiger hatte eine "Free-Tibet"-Plakat dabei. Auf diesem hatte er zudem den dezenten Hinweis "Fuck China" angebracht. Er wurde nach Hause geschickt, mehrere Jahre wird ihm keine Einreise genehmigt werden.

Nun aber, erzählt uns "Kobi" bei italienischem Espresso, Vollkornbrot und Schweizer Bergkäse, ist der Berg wieder "frei". Mehr als 350 Bergsteiger bereiten ihren Gipfelsturm vor. Wenn man bedenkt, dass das Zeitfenster für einen erfolgreichen Gipfelversuch aufgrund des bereits herannahenden Monsuns sehr klein ist, steht zu Befürchten, dass eventuell an einem einzigen Tag viele dutzend Gipfel-Aspiranten gleichzeitig ihre Chance suchen werden. Staus an neuralgischen Stellen wie etwa dem legendären Hillary-Step sind dann vorprogrammiert. Käme an einem solchen Tag ein unerwarteter Wetterumschwung, der trotz modernster Vorhersagemethoden am Everest immer im Bereich des möglichen liegt, droht eine Katastrophe wie 1996, als an einem Tag fünf Bergsteiger am Everest zu Tode kamen.


Um zur Fotogalerie der Tour ins Basecamp zu gelangen, klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link.

Wir hoffen, dass es dazu nicht kommen wird, wünschen den beiden viel Glück und eine gesunde Rückkehr und machen uns dann mit Peter auf den Weg ein paar Zelte weiter. Ein Besuch bei Kari Kobler, einem profilerten "Everest-Anbieter", steht auf dem Programm. Der Schweizer ist schon seit langem immer wieder mit seinen Gästen am höchsten Berg der Welt und hat bereits dutzende Bergsteiger auf den Gipfel gebracht. Dieses Mal hat er zehn Gipfel-Aspiranten zu betreuen, wie er uns bei einem eigens für uns zubereiteten Mittagessen in seinem fast schon luxuriösen, mit Teppichen ausgelegten und bunt geschmückten Mannschaftszelt erzählt. Kari ist durch modernste Satellitentechnik mit der Welt verbunden und hat so allzeit Zugriff auf die aktuellsten Wetterprognosen für den Everest. Auch er fürchtet ein zeitiges Herannahen des Monsuns.

Nachmittags kehren wir nach Gorak Shep (5200m) zurück, wo wir unsere kälteste und höchste Zeltnacht verbringen werden. Bald schon werde ich wieder im heimischen Büro sitzen. Ich hoffe sehr, dass ich keine oder nur wenige Meldungen über schwere Unfälle in der diesjährigen Everest-Saison schreiben werde muss. Doch realistisch betrachtet, dürfte unter diesen Umständen, einiges an traurigen News über den Ticker gehen.

Text: Holger Rupprecht

Alle Artikel des Online-Tagebuchs der Everest-Exkursion bis zu diesem Tag:
Fotogalerie früherer Hauser-Trekkintouren zum höchsten Berg der Welt: Klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link.

Weitere Informationen:

Seit 1990 unterstützt Hauser aktiv die Sir Edmund Hillary Stiftung Deutschland durch großzügige Spenden für Infrastruktur-Projekte in Nepal. www.sir-edmund-hillary-stiftung-deutschland-ev.de

Der Nepalhilfe Beilngries kann auf 15 Jahre soziales Engagement im Königreich Nepal zurückblicken. Sie unterstützt Projekte, die Hilfe zur Selbsthilfe geben sollen: www.nepalhilfe.org


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17.05.2008 13:35:17
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