Am 02. Juni 1977 gelang Helmut Kiene mit Reinhard Karl die Erstbegehung der "Pumprisse" im Wilden Kaiser - ein der ganz großen Kletter-Meilensteine im Alpenraum.

Mit der Erstbegehung ihrer Route "Pumprisse" am Südostpfeiler der Fleischbank (2186m) gingen Helmut Kiene und Reinhard Karl in die Klettergeschichte ein. Ihre rund 300 Meter lange Risskletterei war alpenweit nicht nur die offiziell erste Tour im VII. Grad, sondern öffnete auch die bis dahin geschlossene, sechsgradige UIAA-Schwierigkeitsskala nach oben.

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Helmut Kiene bei der Erstbegehung der "Pumprisse" 1977.

Während Reinhard Karl dem Extremalpinismus Zeit seines Lebens treu blieb (1982 verunglückte der erste deutsche Everest-Begeher durch eine Eislawine an Südwand des Cho Oyu tödlich), verabschiedete sich Helmut Kiene Ende der 1970er-Jahre vom Klettern und widmete sich ganz seinem Beruf als Arzt und Wissenschaftler.

War neben Wolfgang Güllich und Kurt Albert eine der prägenden Figuren der deutschen Kletterszene: Reinhard Karl.

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Die folgende Reportage von Andreas Kubin über die Zweitbegehung dieser Route erschien so im September 1977 in Alpinismus, dem Vorläufermagazin von ALPIN.

Alpinismus 9/77: In dieser Ausgabe erschien die Reportage über die Begehung der "Pumprisse" am Fleischbankpfeiler im Wilden Kaiser.

Sonntags, abends ...

Auf der Terrasse des Bärenbrunner Hofes schauen wir in die untergehende Sonne, die die Sandsteinfelsen über dem Talkessel rot färbt. Das Kletterwochenende hinterläßt seine Spuren auf unseren Handrücken, die Hitze die ihren in unseren Kehlen.

Wir reden vom Klettern, Pläne, Gebirge. Da taucht Reinhard auf - wir wähnten ihn noch im Kaiser und er sprudelt heraus: "Am Fleischbankpfeiler, Erstbegehung gemacht mit Kiene, absolut VII. Grad, knallharte Rißkletterei, alles frei, keine Haken, nur Klemmkeile, Rebitschrisse sind ein Kindergarten dagegen!" Wir hören zu, staunen ...

Irgendwann in der Woche darauf ...

Ich sitze am Schreibtisch, während mich die Sonnenstrahlen, die sich durch den halbgeschlossenen Rolladen schleichen, unangenehm an die wartende Arbeit erinnern; immer wieder laufen die Gedanken davon, zu Reinhards Bericht, der ominöse VII. Grad läßt mich nicht los - so schwer wie ein Elbsandstein- Meisterberg, das Ganze im Gebirge - das Klingeln des Telefons reißt mich in die Laborwirklichkeit zurück:

"Kubin, Anorganische Chemie ..." "Nöltner ..." Es ist Tom, auch er, an seinem Schreibtisch, wird von Klettergedanken abgelenkt. Gestern abend war er bei Reinhard, die Detailberichte gibt er an mich weiter.

Saugende Tiefe und schlecht abzusichern: die vorletzte und zugleich die Schlüsselseillänge der "Pumprisse".

Ich staune wieder, höre zu. "Komm, wir fahren runter und versuchen die Zweitbegehung." Wir werden uns schnell einig. "Servus, bis Freitag früh." Der Rest der Arbeitswoche wird erträglich durch den Gedanken an das Klettern.

Freitags, abends ...

Nachdem wir uns am Vormittag in den endlosen Lindwurm der Autobahn eingefädelt hatten, entläßt uns der tödliche Asphalt erst, als die Griesneralm bereits im Schatten liegt. Richard und Heiner sind schon vor uns angekommen und haben mit dem Fernglas den Pfeiler studiert.

Wie eine kalte Dusche: Herabsteigende Kletterer hatten berichtet, daß heute zwei Franken den ganzen Tag in der neuen Route "tätig" gewesen seien, man habe Hakenschlagen gehört. Wir schauen durchs Glas, in der zweiten Rißseillänge können wir sie erblicken; die werden wohl biwakieren.

Das Topo der "Pumprisse", das Andreas Kubin für Alpinismus 9/1977 zeichnete:

Entweder sind die nicht in Form oder die Kletterei ist wirklich sauschwer. Wir setzen uns in die Alm, um ein Bier zu trinken, sind enttäuscht, sehen wir doch die Zweitbegehung sich in Rauch auflösen. "Nun, es ist im Grunde ja gleich, ob Zweit- oder Drittbegehung ...", meint Tom lakonisch nach dem dritten Bier.

Samstags ...

Acht Uhr ist es bereits und die Sonne treibt den Frühstückskaffee aus den Poren, als wir endlich unsere Ausrüstung sortiert und gepackt haben, gemäß Reinhards Angaben - er hatte uns ein "Topo" gezeichnet, nicht besonders exakt, doch was wir wissen wollen, wissen wir.

Die steilen Wegkehren wollen Kopf und Blick ständig nach unten auf den Boden zwingen, aber immer wieder müssen wir hinaufschauen zu der Rißreihe, die unvermittelt überhängend in der Mitte der prallen Pfeilerwand ansetzt und die, von unten gesehen, nur aus Wülsten und Überhängen zu bestehen scheint.

Den Brandler-Einstieg zum Pfeiler - wir kennen ihn bereits - haben wir schnell hinter uns, Hakenrasselei zum Grasfleck, wo sich die Rebitschrisse von unserem Weg trennen. Viel lieber würde ich gerade empor weitersteigen, die Risse liegen im Schatten, während die Vormittagssonne schon die Hitzeschlacht ahnen läßt, die auf uns wartet. Mit Seilzug nach rechts um eine Kante, Quergang an einigen schlechten Haken, hier irgendwo muß Helmut während der Erstbegehung herausgeflogen sein; ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend, als ich vorsichtig die Haken belaste, dann der Riß, Schlingenstand an Klemmkeilen.

Tom, der Rißexperte, schnauft wie eine Dampflok, als er den Faustrißüberhang klettert; im darauffolgenden Körperriß murmelt er etwas von "Hundebahnhof" (im Elbsandsteinjargon ein glatter, sich nach oben hin schließender Körperriß) und von VIId. Ab und zu ein Haken und verschiedentliche Blutspuren am Fels zeugen von den Aktivitäten unserer Vorgänger.

So sah die "Pumprisse" Ende der 1990er-Jahre aus ...

Leider haben wir keinen Hammer mitgenommen und müssen das Eisen steckenlassen. Zwei leichtere Seillängen (seltsam, im Rebitschriß waren es die Schlüsselseillängen, hier sind es die leichtesten) bringen uns zum Grasband unter dem Gipfelaufschwung. Abschreckend und deprimierend sieht der Weiterweg aus, weitüberhängende, faustbreite Verschneidungsrisse. Wüßte man nicht, daß hier schon jemand geklettert ist ..., Hut ab vor Helmuts Moral.

Die nächste Seillänge ist die schwerste der ganzen Tour, und wir wissen nun, warum die Erstbegeher ihren Weg "Pumprisse" genannt haben, wir pumpen nämlich wie Maikäfer beim Hochzeitsflug, nur sind Maikäfer in der Kehle nicht so ausgetrocknet. Die Seilkommandos schmerzen im Hals. Noch ein Rißdach, ähnlich dem in den Rebitschrissen, nur etwa doppelt ausladend und entsprechend schwerer, ein leichter werdender Kamin, der Ausstieg, Erschöpfung.

Die Mittagshitze liegt wie ein schweres Tuch über den Latschen, so daß wir bald den Nordgrat absteigen; die heißen Füße schmerzen in den EB´s, jetzt verfluchen wir sie, vor kurzem noch waren wir überzeugt, ohne sie niemals diese Schwierigkeiten klettern zu können; die Hexentrics klingen wie Glocken, Kuhglocken, wenn sie aneinanderstoßen - Kühe fressen Gras, die Fata Morgana von Radlermaß und Käsekuchen verschwimmt im Bild der Pfeilerwand, die wir durchstiegen haben, der schwersten Freikletterei, die wir in den Alpen kennen; irgend etwas wie Befriedigung kommt auf.

Doch schauen wir uns gegenseitig an, müssen wir nicht darüber lachen? Was sind wir denn für großartige Kletterer, schmutzig, zerrissene Hosen, durstig, ausgelaugt, mit Klemmkeilen und Karabinern behängt wie Weihnachtsbäume, zufrieden, glücklich - warum? Weil wir uns gequält haben, geschwitzt, geflucht, gefightet? Vielleicht ...

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4 Kommentare

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Karin Thäter

Pumprisse..., welch ein Name,der uns kleine Lichter in der Fränkischen Schw. ständig begleitet hat.Damals war gerade mal ein VI unser Ziel und geträumt haben wir vom Kaiser-Pumprisse.Denke gerade an Oskar Bühler ! Hei, wer kennt noch den Bühlerhaken ? Im Kaiser unterwegs, haben wir uns den Bühler gewünscht..., Fichtel, oh nein, da mußt noch was anderes legen,Klemmkeile, links und rechts. Herrlich, große Leistung für die Buben, damals.

Marcel

Ein wirklich toller Text! Schade, dass solche weitreichenden Pioniertaten heute fast nicht mehr möglich sind.

Andreas Ortner auf Facebook

Pumprisse....und geflogen sind sie auch
Hab die Bilder noch im Kopf....super Leistung damals...

Wilhelm Martini auf Facebook

Großartige Leistung! Sollte die jüngeren Champs alle mal vertiefen.