Andreas F. wollte sich mit der Besteigung des 8163 Meter hohen Manaslu in Nepal einen Lebenstraum erfüllen: Einmal auf einem Achttausender zu stehen. Der 52-jährige Pilot schloss sich einer kommerziellen Expedition des Unternehmens "Himalayan Experience" auf den achthöchsten Gipfel der Erde an. Nun wurde der Wahlmünchner Zeuge der Tragödie am Berg. Zum Zeitpunkt des Lawinenabgangs befand er sich mit seinen Teamkollegen in einer Höhe von 4.500 Metern im Basislager. Johanna Stöckl hat über Satellitentelefon mit ihm gesprochen.

Schreckliches Bild: Die Opfer der Lawinenkatastrophe am Manaslu (Foto: picture-alliance.com).
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Andreas, wie geht es dir und deinem Team?

Wir sind alle wohlbehalten. Es ist schrecklich, was hier gestern passiert ist. Aber so brutal und amoralisch das klingt, wir müssen akzeptieren, dass Menschen, die sich in dieser Umgebung bewegen, immer wieder Opfer von Tragödien werden. Es ist Teil des Unternehmens.

Um wie viel Uhr kam die Lawine?

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Kur vor 5.00 Uhr morgens unserer Zeit.

Um diese Uhrzeit warst du wahrscheinlich in deinem Zelt im Basecamp. Hört man das?

Und wie man das hört! Wir sind vom dumpfen Knall und einem lauten Grollen sofort wachgeworden.

Weiß man schon wie es zu dieser Tragödie kam?

Die Situation ist noch so verworren, dass selbst unser Expeditionsleiter Russell Brice, der Inhaber von Himalayan Experience, nicht weiß, was eigentlich die genauen Gründe sind. Es gibt, wie immer in solchen Situationen, eine Menge Vermutungen. Was ich Dir sagen kann ist, dass aus dem Gipfelgrat des Vorgipfels des Manaslu ein riesiger Serac (Eisblock) abgebrochen ist, circa 100 Tonnen schwer, und auf die Schneefläche des darunterliegenden Plateaus mit voller Wucht gefallen ist, dort eine Lawine losgetreten hat, die relativ weit gerutscht ist. Einige Teams hatten in dieser Zone ihr Lager 2 oder 3 aufgebaut. Wir sprechen da von einer Region zwischen 6.200 und 6.600 Metern Höhe.

Stand - für einen möglichen Gipfelgang - euer Höhenlager auch in dieser Lawinenzone?

Nein, unsere Höhenlager 2 und 3 sind von der Lawine nicht betroffen. Unsere Zelte standen und stehen noch heute an einem anderen Platz. Völlig unversehrt.

Wann hast du das Ausmaß der Tragödie realisiert?

Als die ersten Funksprüche vom Berg kamen. Wir wussten im Basislager relativ rasch von ersten 6 Toten. Diese Zahl stieg ja bekanntlich im Laufe des Tages.

Habt ihr Leichen gesehen?

Ja. Die toten Bergsteiger, welche geborgen werden konnten, wurden erst ins Basislager und von dort aus per Helikopter in einen Art Stützpunkt gebracht, wo die Opfer identifiziert wurden. Insofern kriegt man das natürlich alles mit. Aber der für mich brutalste Anblick war der eines überlebenden Sherpas, der barfuss vom Berg kam. Völlig gezeichnet vom Erlebten. Solche Bilder wirst du nicht mehr los.

Ihr seid ja schon länger vor Ort. Kennst du eines der Opfer persönlich?

Ich habe hier einen blutjungen, sehr sympathischen Bergsteiger aus Chamonix kennen gelernt. Wir sind uns während unserer Akklimatisationstouren mehrmals über den Weg gelaufen und haben uns gut verstanden, immer mal wieder nett unterhalten. Als ich erfahren habe, dass auch er unter den Verunglückten ist, bekam die Tragödie für mich eine sehr persönliche Seite, ein Gesicht. Wir sind hier alle zutiefst geschockt. Aber jeder, der hier ist, weiß auch zugleich um das Risiko, das ein jeder von uns bei einer Achttausenderbesteigung eingeht.

Seid ihr als Mitglieder einer kommerziellen Expedition auch an den Bergungs- oder Hilfsmaßnahmen beteiligt?

Man kann sich für diverse Hilfsaktionen freiwillig melden. Es gibt auch hier im Basecamp viel zu tun nach so einer Katastrophe.

Sind noch andere Münchner vor Ort?

Die genaue Zahl kann ich dir nicht sagen. Es sind einige bayerische, auch Münchner Bergsteiger hier, aber ich kenne sie nicht persönlich. An Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. Die deutsche Agentur Amical Alpin hat allerdings einen toten Kunden zu beklagen.

Hattest du nach dem Lawinenunglück zu einem betroffenen Landsmann Kontakt?

Ich habe kurz mit einem deutschen Bergsteiger aus dem Team Amical Alpin gesprochen, der mir auch erzählte, was ihm und seinen Kollegen da oben passiert ist. Da gefriert dir das Blut in den Adern! Die Druckwelle der Lawine war so stark, dass sie das Lagers 2 dem Erdboden gleich gemacht hat, die Leute aus ihren Zelten geschleudert und teilweise sehr weit mitgerissen hat. Mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen.

Werdet ihr noch auf den Gipfel steigen?

Wir warten ab, ich kann heute noch nicht sagen, wie es mit uns weitergeht. Fakt ist - und das ist kein lässiger Spruch - das Leben geht weiter. Wie vor wenigen Wochen in der Mont Blanc Gruppe, als am Mont Maudit die Lawine runterkam und drei Tage später die ersten Bergsteiger wieder da waren. Einer davon war ich.

Interview: Mit freundlicher Genehmigung von Johanna Stöckl

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