Mit zwei Kindern und einer Katze für sechs Monate nach Patagonien - der Fotograf und Kletterer Pirmin Bertle und seine Freundin haben es ausprobiert.

Seid ihr schon wieder richtig zuhause angekommen?

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Vor der erneuten Durchsicht der Bilder anlässlich dieses Artikels hätte ich gesagt, ja. Immerhin ist beinahe ein halbes Jahr vergangen und sind wir nach zehn Jahren (der Autor) bzw. einem Leben lang (der Rest der Familie) Schweiz nun wieder in Bayern wohnhaft, wo die Landschaft mindestens ebenso schön, das Klettern fast so geil, und die Menschen, v.a. in unserem Alter junger Familien, doch deutlich weniger beschäftigt und schlicht eine Ecke offener sind. Nur waren und sind Patagonien und Südamerika noch viel wilder, viel offener (Menschen und Pampa) und angesichts einer hierzulande geradezu monströs anmutenden Bürokratie, einfach auch viel freier. Und auch sind bzw. wären das Klettern (für mich) und die Ausübung des Arztberufes (für meine Freundin) dort mindestens ebenso reizvoll. Nur wäre es natürlich die am wenigsten grüne aller möglichen Ideen, auf einen anderen Kontinent zu ziehen, auf den dann immer alle Besucher fliegen müssten.

Fühlten sich in Südamerika pudelwohl: Tochter Aliénor und Sohn Jules.

| © Pirmin Bertle

Habt ihr etwas von eurem Leben dort in euren Alltag hier übertragen können? Oder seid ihr schon wieder voll im Hamsterrad der europäischen Arbeitswelt?

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Meine Freundin als Ärztin ja, ich als freiberuflicher Fotograf, Journalist, Kletterer, Filmer, Mentalcoach, Trainer, Hausmann, Jurtenbauer und Vater, nein. Und Kinderbetreuung ist eben schon eine gute Sache. Ich trinke jetzt morgens Mate statt Kaffee (besser verträglich und mit viel Magnesium), wenn ich mal jemanden Spanisch sprechen höre, verstehe ich ihn leidlich und natürlich träume ich, der ich unbedingt wieder in einer Jurte leben möchte, von einem laxeren Siedlungsrecht, wie es in Südamerika Stand der Dinge ist. Ansonsten lassen sich aber die meisten positiven Seiten des entschleunigten Lebens in Patagonien nur schwer nach Europa transferieren, einfach weil hier keiner bei so einem Lebensstil mitmacht. Die Devise, "stell dir vor es ist Kapitalismus und keiner geht hin", greift in Europa (noch) nicht so recht und entspannt zu leben, wird auch nicht von allen Mitmenschen geschätzt. Insofern haben wir uns eher wieder angepasst, als unserer Heimat fremd zu bleiben

Was vermisst ihr am meisten, wenn ihr an eure Reise zurückdenkt?

Die Schönheit des Landes und die Muße sich mit ihr zu befassen, Spanisch sprechende Menschen und Malbec (Wein).

Schwerelos: Pirim Bertle beim Bouldern.

| © Pirmin Bertle

Worauf habt ihr euch am meisten gefreut, wenn ihr ans Nach-Hause-kommen gedacht habt?

Auf Kinderbetreuung und Kalkstein (den gibt es in den Anden nämlich fast nicht). Außerdem auf einen geregelteren Kletterrhythmus (wir hatten während der Reise immer wieder Trainingspausen von mehreren Wochen) und natürlich auf europäisches Essen, das ist nicht nur besser, sondern auch viel gesünder (was insofern kein Wunder ist, da Südamerika fast alles Hochwertige in diesem Bereich exportiert, z.B. irrsinnigerweise auch Kaffee).

Gibt es ein Erlebnis/einen Tag, der euch besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Fahrtage auf der Carreterra Austral (Chile) und einen wunderbaren letzten warmen Herbsttag in Piedra Parada. Dem einzigen auf der ganzen Reise, an dem wie einen Nachmittag lang Kinderbetreuung hatten und an dem wir nach dem Genuss eines Purjoints mit brasilianischen Freunden (darf man das hier schreiben?) oberhalb des dortigen Canyons wandern waren, uns leider aber auch ein über tausend Euro teures Objektiv durch einen unglücklichen Zufall in die Schlucht fiel (war zum Glück versichert). Vor allem aber die ersten zusammenhängenden Schritte unserer Tochter (die dann gleich minutenlange Meter wurden) über eine Reihe Bouldermatten an einem ansonsten geschenkfreien Heilig Abend in Choriboulder oberhalb von Santiago de Chile. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk in diesem Leben.

Was war der unnötigste Gegenstand, den ihr eingepackt habt?

Bohrmaschine und Spits, da wir nie zum Routen erschließen kamen. Diese konnten wir dann aber den Locals schenken (was sie sich nie im Leben leisten könnten), was wiederum die sinnvollste Tat unserer Reise wurde (mit ihr werden jetzt Felsen für Schulklassen eingebohrt) und uns zudem als Gegengeschenk ein handgemachtes Charrango (andinisches Saiteninstrument) einbrachte.

Und andersrum: Was sollte man auf gar keinen Fall vergessen, einzupacken?

Einen Klappspaten. Braucht man, um bei einem der vielen Reifenwechsel die Piste ausreichend weit abzugraben, um das neue, nicht platte Rad zu installieren. Braucht man, um seine Hinterlassenschaften ökologisch und sozial verträglich zu bedecken. Und braucht man, um angehende Buschbrände in dem im Sommer staubtrockenen Pampagras mit Erde zu ersticken (mit Wasser, wenn man denn welches hat, kommt man nämlich nicht weit).

War es alles in allem so, wie ihr es euch vorgestellt und erhofft habt?

Es ist immer schwer, sich zukunftsgerichteter Traumbilder angesichts einer erlebten Vergangenheit wieder zu erinnern, aber ich kann mich nicht erinnern mir derartige Schönheit erträumt zu haben. Was ich aber noch weiß ist, dass ich, wie immer, mehr arbeiten wollte. Mehr Kletterfotografie, einen Roman schreiben und dergleichen. Aber Loslassen lernen vom Anspruch an die eigene Produktivität, ist schließlich immer eine der schönsten und vermutlich die wichtigste Erkenntnis einer Reise.

"Kinderspielplatz" mit traumhafter Aussicht.

| © Pirmin Bertle

Was könnt ihr jungen Familien empfehlen, die vielleicht wie ihr ein paar Monate Auszeit in der Wildnis mit ihren Kindern planen?

Don’t move too fast. Kinder gewöhnen sich gerne an Orte.

Genug v.a. Sandspielzeug und Bastel- Mal- und dergleichen Sachen mitnehmen, das alles gibt es nämlich nur als Chinaschrott zu kaufen. Sich auf jede Menge Vorzüge im Umgang mit Behörden einstellen (v.a. wenn die Kinder blond sind). Vollständige Papiere, Reifenwechselausrüstung oder ein legal einwandfreies Verhalten sind überschätzte europäische Errungenschaften, wenn man ein süßes Kind vorzuzeigen hat, das einem Tür und Tor öffnet. Nicht auf nicht naturbasierte Attraktionen hoffen, davon gibt es fast nichts. Ein Vehikel, in dem man auch beim Fahren spielen kann, denn die Wege sind weit und die Fahrtgeschwindigkeit niedrig. Ersatzkletterschuhe. Unser Sohn hat einen seiner verloren und Größe 29 ist in Kletterschuhen nicht einmal in Santiago zu finden.

Infos zu Anreise, Kosten, Nationalparks und Literatur finden Sie hier.

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